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„Viele Werte sind verloren gegangen“

Das Ende der Festspiele naht. Aber nach wie vor gibt es große Ereignisse: Heute und morgen leitet Mariss Jansons Konzerte mit Werken von Strawinsky, Liszt und Ravel (Gaststar: Pianist Lang Lang). Jansons wird auch das nächste Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker dirigieren.

„Viele Werte sind verloren gegangen“

Mariss Jansons wird 2012 das Neujahrskonzert dirigieren. Bild: APA

OÖN: Was wäre zum Repertoire der Konzerte zu sagen?

Jansons: Strawinsky hat die „Petruschka“-Szenen als Ballett geschrieben, dennoch ist das keine Ballettmusik. Er hat ein Märchen vertont, mit durchaus symphonischer Dramaturgie. Ähnlich ist das bei Ravels „La Valse“. Auch zeitmäßig passen diese Werke zusammen. Und Liszts Konzert für Klavier und Orchester? Ja, erstens natürlich: sein 200. Geburtstag, aber das Stück ist auch eine gute Kombination zu Strawinsky und Ravel.

OÖN: Die Wiener Philharmoniker scheinen Sie zu lieben. Nach 2006 wurden Sie zum zweiten Mal für das Neujahrskonzert eingeladen. Wie war Ihnen, als Sie das erfuhren?

Jansons: Ich fühlte mich sehr glücklich und sehr geehrt. Beim zweiten Mal kennt man auch schon die Atmosphäre, und das ist ein Vorteil. Wie Sie wissen, war Johann Strauß in St. Petersburg sehr beliebt. Ich habe während meiner dortigen Studienzeit viele Kompositionen von ihm gehört und auch dirigiert. Seine Werke zählen zu meiner Lieblingsmusik.

OÖN: Zwei österreichische Dirigenten prägten Ihre Karriere. Hans Swarowsky und Herbert von Karajan. Zu Karajan kamen Sie, als Sie erst 26 waren. Wie geschah das?

Jansons: Er war in St. Petersburg, dirigierte die Berliner, und es gab eine Masterclass. Ich habe daran als einer von zwölf jungen Dirigenten teilgenommen. Er meinte: „Ich halte Sie für begabt. Kommen Sie zu mir, studieren Sie bei mir.“ Nun, damals war die Diktatur ziemlich stark. Mein Glück war ein österreichisch-sowjetisches Austauschprogramm. Eine Ballerina kam aus Wien nach St. Petersburg, um dort zu lernen, ich durfte im Gegenzug nach Wien. Von dort rief ich Karajan an. Er meinte nur: „Komm!“ So verbrachte ich Ostern, Pfingsten, Sommer bei ihm in Salzburg, von neun Uhr morgens bis spät am Abend. Gewissermaßen war ich auch sein Assistent. Statt aller Superlative, die ich jetzt finden könnte, sage ich nur: Diese Zeit war ein Gottesgeschenk. Kein Unterricht im üblichen Sinn, sondern learning by doing.

OÖN: Wie haben Sie ihn als Menschen erlebt?

Jansons: Busy, busy. Er war jede Minute, jede Sekunde beschäftigt. Aber: Wenn man als junger Mensch eine Frage an ihn hatte, wurde man nie abgekanzelt. Da nahm er sich Zeit für Antworten. Besonders, wenn er jemanden schätzte.

OÖN: Welche Erinnerungen haben Sie an Hans Swarowsky?

Jansons: Seine Analysen von Partituren, über Form und Geschichte, waren grandios. Er besaß da unglaubliches Wissen.

OÖN: Wie lange waren Sie zu jener Zeit in Wien?

Jansons: Zwei Jahre. Und es verging kaum ein Tag, an dem ich keine Konzerte besuchte, an Sonntagen waren es oft bis zu drei. Die Billeteure haben mich schon gekannt, sie verlangten keine Karten mehr von mir.

OÖN: 2010 sollten Sie erstmals eine Oper – „Carmen“ – in Wien dirigieren. Eine schwere Erkrankung verhinderte das. Würden Sie es gerne nachholen?

Jansons: Jetzt, wo ich wieder ganz gesund bin, hätte ich prinzipiell nichts dagegen. Andererseits verlangen Opernproduktionen viel Zeit. Mit „Eugen Onegin“ war ich jetzt in Amsterdam zweieinhalb Monate beschäftigt. Und daneben habe ich ja meine Verpflichtungen bei zwei symphonischen Orchestern.

OÖN: Seit wann fühlen Sie sich wieder fit?

Jansons: Seit September 2010. Ich hatte exzellente Ärzte. In den USA.

OÖN: Ihre Mutter Iraida, eine jüdische Sängerin, brachte Sie in einem Versteck zur Welt, nachdem ihr Vater und ihr Bruder im Ghetto von Riga umgekommen waren. Sind Sie, aus diesem Wissen heraus, ein sehr politischer Mensch geworden?

Jansons: Nein, ich habe nicht die Absicht, politische Kämpfe auszufechten. Aber ich weiß, dass wir in einer sehr schwierigen Zeit leben. Es sind viele Werte verloren gegangen, die Welt hat sich geistig nicht unbedingt zum Positiven entwickelt, konzentriert sich zu sehr auf die materielle Seite. Ich mache mir um die Zukunft sehr, sehr große Sorgen.

Zur Person: Dirigent Mariss Jansons

* 14. Jänner 1943 in Riga / Lettland als Sohn des Dirigenten Arvids Jansons. Seine Mutter Iraida, eine jüdische Sängerin, brachte ihn in einem Versteck zur Welt, nachdem ihr Vater und ihr Bruder im Rigaer Ghetto umgekommen waren. 1946 kam die Familie nach Leningrad. Jansons studierte Violine, Klavier und Dirigieren, setzte ab 1969 in Österreich seine Ausbildung u.a. bei Herbert von Karajan fort. Stationen u.a. 1979–2000 Leiter des Osloer Philharmonie-Orchesters, seit 2003 Chefdirigent beim Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks, seit 2004 Chefdirigent des Amsterdamer Concertgebouw-Orchesters.
2006 leitete er erstmals das Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker.

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Artikel Ludwig Heinrich aus Salzburg 20. August 2011 - 00:04 Uhr
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