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Tausendsassa der Volkskultur

Dem umtriebigen Innviertler Franz Meingaßner wurde die Hans-Samhaber-Plakette verliehen. Seit 30 Jahren hält der verschmitzte Lehrer die musizierenden "Auhäusler" zusammen.

Tausendsassa der Volkskultur

Das Schicksal und der Zufall führten im volksmusikalischen Leben des Multi-Instrumentalisten Franz Meingaßner oft Regie. Bild: VOLKER WEIHBOLD

Lachfalten haben sich in den Winkeln seiner Augen angesiedelt, aus denen es verschmitzt blitzt. Der Schalk fühlt sich in Franz Meingaßners Nacken sichtlich wohl, wie auf der Homepage seiner Sing- und Musiziergemeinschaft "d’Auhäusler" der Selbstbeschreibung zu entnehmen ist: "Setzt sich in seiner kärglichen Freizeit (die er als Lehrer hat) maschinell mit dem Werkstoff Holz auseinander (Kann sich Gott sei Dank noch alle 10 Finger abschlecken!)".

Heile äußere Extremitäten sind dem 60-jährigen Innviertler, der diese Woche als "Tausendsassa der Volkskultur" mit der Hans-Samhaber-Plakette gewürdigt wurde, natürlich auch beim Musizieren, Komponieren, Singen und Schreiben dienlich. Dabei ist sein instrumentales Erweckungserlebnis eng mit einem schmerzhaften Fehlgriff verbunden. "Zur Musik bin ich gekommen, weil sich der kleine Trommler der Kapelle mit der Kreissäge in den Finger geschnitten hat. Und so haben sie am Sonntag auf dem Kirchenplatz zu mir gesagt, ich müsste das eh schnell lernen können, da ich doch in die Lehrerbildungsanstalt gehe."

Die Schande der Gemeinde

Dem Schnellsiedekurs bei seinem Zimmernachbarn Heimo Janschek, der sich damals bei den Linzer Buam schlagkräftig ins Zeug legte, folgte "der schwärzeste Tag meines Lebens", erinnert sich Meingaßner. Die Kapelle marschierte bei einer Hochzeit auf, "und mir ist ein Trommelstock ausgekommen. Da war ich die Schande der ganzen Gemeinde, aber das hat mich nicht aufgehalten."

Zügig sattelte der in Tumeltsham Geborene auf Klarinette um, zu der sich nach und nach Hackbrett, Gitarre, Bassgeige und Flügelhorn gesellten. Bei der Gründung der "Auhäusler Musi" vor 30 Jahren war erneut das Schicksal tonangebend. Als der Franz daran dachte, seine Maria aus der Ortschaft Auhäuseln, Gemeinde Weibern, zum Altar zu führen, klopfte er bei ein paar Freunden an, ob sie nicht in der Kirche aufspielen könnten. "Am Tag davor ist dem Bassgeiger die Mutter gestorben. Dann hab’ ich selber gespielt, bei der eigenen Hochzeit", sagt Meingaßner. Neun Musikanten zählen die "Auhäusler", die "in allen möglichen, aber auch unmöglichen Besetzungen miteinander vogelwild musizieren und dabei großen Spaß haben", wie es im Internet heißt.

Als Saitenmusi werden stade Weisen gezupft, wenn’s urig und lustig zugeht, spuckt der "Bratl-in-der-Rein-3xaung" zünftige Gstanzl aus. Dann gibt es noch die Klarinettenmusi, die Weisenbläser, das Trio Nömele, den Hie&då-2xaung mit der jüngeren Tochter Anna (27), die Zahnhäusler (mit der Frau des Zahnarztes) und, und, und – und überall ist der Franz dabei.

Und Gattin Maria? "Zu zweit singen wir für uns selbst immer wieder einmal. Nachdem sie fürs Üben nicht so die Zeit hatte, hat sie gesagt: ,Irgendwer muss ja die Jause auch machen’."

Tausendsassa der Volkskultur

Natürlich treibt sich so ein Auhäusler häufig aushäusig herum. "Aber da war die Schwiegermutter immer auf meiner Seite und hat zu meiner Frau gesagt: ,Er spuit eh netta Musi, tringa tuat er a nix, brauchst di net owitoan’." Es mag zwar vorkommen, dass ein enthusiasmierter Zuhörer den Ruf "An Liter fia d’Musi" durchs Wirtshaus schmettert – der Franz betrachtet das ganz nüchtern, im wahren Sinn des Wortes. Als junger Bursch war er als Beifahrer mit einem Kollegen zur Vorbereitung auf die Lehramtsprüfung unterwegs, "da hat uns um sechs Uhr früh einer mit 1,8 Promille abgeschossen. Da war ich ein wenig an der Kippe", sagt Meingaßner. Alkohol hatte schon davor wenig Platz in seinem Leben, nach dem schweren Unfall überhaupt keinen mehr. "Ich bin deswegen nicht weniger lustig. Alle, die mich kennen, wissen das."

Der Tausendsassa der Volkskultur hat sich auch als erfolgreicher Jäger des verlorenen Liedschatzes einen Namen gemacht. 250 bis 300 Lieder, "alte, zeitlose, lässige, kritische, humorgepfefferte", hat er feldforschend aufgenommen, gesammelt, transkribiert und so vor dem Vergessenwerden bewahrt. Ganz nebenbei übt er sich als Mitglied des Stelzhamerbundes im Reimen, wobei ihm seine Geschichten über den "Schos" (Georg) und die "Lini" leichter von der Hand gehen. "Das sind prägende Gestalten, die mir in meinem Leben immer wieder untergekommen sind. Und das Leben liefert bekanntlich die besten Vorlagen."

Wie geht sich das alles zeitlich aus? "Ich bin ein Mensch, der relativ wenig Schlaf braucht. Vier Stunden tun’s, wenn’s sein muss. Als Lehrer kann man es sich auch einteilen." Wobei Meingaßner, der an der Neuen Sportmittelschule in Ried die Fächer Deutsch, Geografie, Musik, Geometrisches Zeichnen und Informatik abdeckt, seinen Beruf "mit Herzblut" ausübt. Die volkskulturelle Ader komme bei seinen Schülern übrigens gut an: "Für die ist das geil, etwa die youtube-Videos vom Gstanzlsingen."

Die nahende Pensionierung wird am "Auhäusler"-Leitspruch nichts ändern: "Spuin und singa, sollt a jeder Mensch kinna, und wer des net kann, der is halt arm dran."

 

Samhaber-Plakette

Für ihr Wirken für die oberösterreichische Volkskultur wurden am Donnerstag in Oberwang neben Franz Meingaßner vier weitere Persönlichkeiten mit der Hans-Samhaber-Plakette geehrt:

Samhaber-Plakette

Anneliese Ratzenböck: führte die Goldhaubenfrauen zur größten Frauengemeinschaft des Landes, initiierte unter anderem die Bewegung der Trachtenerneuerung.

 

Samhaber-Plakette

Dietmar Assmann: leitete das Landesinstitut für Volksbildung und Heimatpflege, gab den Impuls für das OÖ. Forum Volkskultur, forscht zu den Themen Krippen und Volksfrömmigkeit.

 

Samhaber-Plakette

Sieglinde Frohmann: leitet die Kulturabteilung von Ried/Innkreis, der das Museum Innviertler Volkskundehaus unterstellt ist, gibt die regionalgeschichtliche Schriftenreihe „Der Bundschuh“ heraus.

 

Samhaber-Plakette

Johann Pammer: Motor und Initiator vieler volkskultureller Projekte, einer der Gründerväter der Akademie für Bildung und Volkskultur, langjähriger Landesobmann des Volksbildungswerkes, aktiver Heimatforscher.

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Artikel Bernhard Lichtenberger 23. Januar 2016 - 00:04 Uhr
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