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Rigoletto wie eine psychopathische Glucke

Auftakt zur letzten Opernsaison im Großen Haus des Linzer Landestheaters, ab April 2013 wird dann im Musiktheater gespielt.

Rigoletto wie eine psychopathische Glucke

Der Hofnarr Rigoletto (Gérard Kim) wird verspottet und geächtet – er will sich rächen... Bild: Artner

Vielbeklatscht startete die letzte Opernsaison des Linzer Landestheaters im Großen Haus mit „Rigoletto“ in der Regie des Hausherren Rainer Mennicken und unter der musikalischen Leitung von Ingo Ingensand – auch als Vorgeschmack auf den kommenden 200. Geburtstag Giuseppe Verdis. So weit, so gut, aber vom Ziel, mit dem Neuen Musiktheater auch überregional interessant zu sein, war man mit diesem Abend noch weit entfernt.

Die Tochter bleibt immer ein Kind

Rainer Mennicken setzt zum Preludio ein Vorspiel, das erklärt, warum Rigoletto alleinerziehender Vater ist und warum er die zur jungen Frau Heranwachsende wie ein kleines Kind zu bemuttern versucht. Und so gibt es nicht nur eine Gilda, sondern insgesamt vier – drei kleine, nicht singende, und eine erwachsene Sängerin. In seiner Wirklichkeit ist Gilda ein Kind, und es liegt zum Schluss auch nicht die junge liebende Frau erstochen im Sack, sondern eben seine Vision seiner Tochter. Die verendende Stimme kommt dementsprechend aus dem Hintergrund, als entstünde sie nur in seiner Fantasie. Das klingt plausibel und ist auch ganz gut aufgegangen.

Was man aber über diesem psychologischen Erklärungsversuch vergessen hat, ist das Stück selbst. Für diese Deutung bräuchte man Rigoletto keinen Buckel umbinden, der eher Dekoration denn tatsächliche Behinderung war. Das viel Spannendere, nämlich Rigolettos gesellschaftliche Ächtung wegen seiner Behinderung und das daraus resultierende doppelte Rachemotiv– nicht nur wegen der Schändung seiner Tochter, sondern auch wegen des Missbrauchs als Hofnarr, der er nicht freiwillig ist –, blieb dahingegen völlig unaufgearbeitet. So verliert auch die Rolle des Monterone, der dem Hofnarr wider Willen mit dem Fluch die Augen öffnet, jede Bedeutung. Rigoletto als psychopathische Glucke.

Ganz anders das Bühnenbild von Stefan Brandtmayr, der einen schlichten Kubus auf die Bühne stellt, in dem sich nicht nur die Gesellschaft widerspiegelt, sondern der quasi als geschlossener Raum Intimität verspricht, die aber nicht existiert. Jeder weiß, was der Duca dahinter macht. Klug auch, dass sowohl das Haus Rigolettos, die fürstliche Kemenate und die Spelunke Sparafuciles ein und derselbe Raum sind – ein und dieselbe Fiktion. Toll auch die prägnanten Kostüme von Cornelia Kraske.

Nicht ganz schlüssig auch die Aufgabe des Duca di Mantova, der hier eher von der dekadenten Gesellschaft zum Sex getrieben schien, als aus purer Leidenschaft seine Lebensenergie daraus zu schöpfen. Das wurde insofern zum Problem, weil alle seine Arien nicht zu diesem Typ lediglich vorgegaukelter Potenz passen. Und somit wird auch seine erste echte und ehrliche Liebe unglaubwürdig. Aber auch die Beziehung zu Maddalena – mehr als Bordellbesuch des seit 30 Tagen von seiner geliebten Gilda getrennten zu werten – ging insofern nicht auf, als sich der Graf mitten im Liebesgeplänkel an Gilda erinnert und physisch aus dem Haus tritt und die echte liebkost. Das ist unglaubwürdig und zerstört die großartige Dramaturgie des Quartetts, das übrigens auch ziemlich schwach musiziert wurde.

Somit zum musikalischen Teil des Abends. Ingo Ingensand hat die Sache wie immer korrekt und auch stilistisch passend geleitet. Dennoch: Seine Sache ist Verdi nicht. So gab es einige Ungereimtheiten im Orchester und das spätbelcantische Um-ta-ta stand manchmal zu sehr im Vordergrund. Dafür gab es einige schöne Soli in der Holzbläserriege.

Gérard Kim war ein schauspielerisch überzeugender Rigoletto, der allerdings stimmlich an die Grenzen stieß und immer wieder ins Forcieren geriet, was seiner sonst schönen und auch sehr intelligent geführten Stimme nicht ganz wohl tat. Myung Joo Lee ging ihre Partie sehr vorsichtig und etwas eingeengt an, blühte aber bei „Caro nome“ sehr überzeugend auf und wuchs von Ton zu Ton zu einer sehr überzeugenden Gilda.

Manches muss sich ändern

Pedro Velázques Díaz machte seine Sache als Duca verlässlich gut, blieb aber isoliert von den anderen und konnte sich nicht ganz so frei öffnen, wie man es von ihm gewohnt ist. Melih Tepretmez steckte viel überzeugende Kraft in den Monterone, blieb aber von der Regie unterbewertet.

Martha Hirschmann begeisterte als Maddalena mit wohldosierter Stimme und ansprechendem Spiel, während Nikolai Galkin als Sparafucile sowohl sängerisch als auch darstellerisch enttäuschte: eine kleine, aber ungemein wichtige Rolle. Sonst griff man bei den Nebenrollen auf Chorsolisten zurück, die ihre Aufgaben tadellos erledigten. Eine Praxis aber, die auf den großen Bühnen, zu denen man ja bekenntnismäßig ab 12. April 2013 aufschließen möchte, undenkbar wäre.

Rigoletto: Oper von Giuseppe Verdi, Landestheater Linz; Premiere 22. 9.

OÖN Bewertung: vier von sechs Sternen

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Artikel Michael Wruss 24. September 2012 - 00:04 Uhr
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