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Möhre, Sahne, Quark: Wer in Österreich Kindern vorliest, muss oft übersetzen

Der österreichische Linguist Rudolf Muhr findet das "absurd". Der Jungbrunnen-Verlag lässt die Eltern entscheiden, ob übersetzt wird oder nicht.

Möhre, Sahne, Quark: Wer in Österreich Kindern vorliest, muss oft übersetzen

17 Prozent des Gesamtumsatzes im österreichischen Buchhandel entfallen auf Kinderbücher. Bild: Colourbox

"Kalle guckt eben durch die Pforte des Schuppens und hat leckere Apfelsinen in der Hand."

Rudolf Muhr, vehementer Hüter des Österreichischen an der deutschen Sprache, reißt die Hutschnur, wenn er auf die vielen Kinderbücher mit deutschen Termini in Österreich angesprochen wird: "Bei den Kinderbüchern findet man heutzutage in Österreich ja nur noch welche aus Deutschland. Und die haben eine Sprache, die für Österreich total fremd ist. Die Eltern sind ja gezwungen, die Texte zu übersetzen, wenn sie ihren Kindern vorlesen. Das ist ja kein Zustand, das ist absurd."

Um im Gedruckten aus Möhren Karotten oder aus Sahne Schlagobers werden zu lassen, sieht Muhr das Kulturministerium gefordert: "Aus einer Liste guter Kinderbücher müssten österreichische Versionen gemacht werden. Das gehört subventioniert."

Einen differenzierten Zugang zur Problematik hat die Germanistin und Sprachwissenschafterin Hildegard Gärtner, Geschäftsführerin des größten heimischen Kinder- und Jugendbuchverlags "Jungbrunnen" gefunden. "Wir sind ein österreichischer Verlag, der aber auch Autoren aus Deutschland und der Schweiz verlegt. Diesen will ich nicht österreichisches Deutsch auferlegen, weil das einer Vergewaltigung des Themas gleichkommt", sagt die gebürtige Mollnerin.

Drei Varianten

Hausintern gibt es drei Varianten. Bei Kinderbüchern für junge Leser von sieben bis elf Jahren wird ein Glossar am Ende des Buches angeboten. Dort werden Ausdrücke erklärt, die in Österreich nicht oder wenig gebräuchlich sind. Jugendlichen, so die Verlagsphilosophie, kann man zumuten, dass jeder Autor in seiner Sprache bleibt. Und bei Bilderbüchern?

Gärtner: "Diese werden ja vorgelesen. Da sollen die Eltern entscheiden, welche Sprache angewendet wird."

Problematischer sieht Hildegard Gärtner das Abwandern junger Leserinnen und Leser in digitale Alternativen: "Natürlich geht viel in Richtung digitale Welten, man darf aber nicht vergessen, dass Lesen die Grundlage dafür ist, die digitale Welt verstehbar zu machen. Wir haben 20 Prozent sekundäre Analphabeten, die zwar lesen gelernt haben, Inhalte aber schwer verstehen. Das gehört extrem gefördert, dazu bräuchte es politischen Willen."

Das haptische Buch habe zusätzliche Komponenten im Vergleich zu reinen digitalen Inhalten, etwa Typografie, Papier und gestalterische Elemente. Dennoch: Die erste Phase der Pubertät ist oft auch jene des Umstiegs vom Buch zur digitalen Konkurrenz.

Die Verlegerin Andrea Benedetter-Herramhof aus St. Florian hat sich in ihren Kinderbüchern bewusst der österreichischen Sprache verschrieben: "Bei uns heißen Kartoffeln noch Erdäpfel. Mir ist wichtig, dass Kinder diese Begriffe zumindest kennen."

Ähnliche Initiativen gibt es am heimischen Kinderbuchmarkt kaum. Auch der Nachwuchs an Autoren und Illustratoren ist in Österreich überschaubar, so Gärtner. Der deutsche Markt ist etwa um das Zehnfache größer. Kein Wunder also, wenn Kalle so oft durch die Pforte guckt …

 

Kinder- und Jugendbuch

Über den jährlichen Gesamtumsatz spricht man beim Hauptverband des Buchhandels nicht gern. Nur soviel, er betrage rund ein Zehntel des Wertes in Deutschland. Demnach kann man von rund 900 Millionen Euro für Österreich ausgehen.

17 % des Gesamtumsatzes entfielen im Vorjahr in Österreich auf Kinder- und Jugendbücher. Das ergibt für 2017 geschätzte 150 Millionen Euro. Nur Belletristik (29,3 %) und Ratgeber (20,7 %) verkauften sich im Vorjahr besser.

Buchtipps für Kleinkinder*

„Das kleine Ich bin ich“ von Mira Lobe (ab 3)
„Die Brücke“ von Helga Bansch und Heinz Janisch (ab 3)
„Die Rabenrosa“ von Helga Bansch (ab 3)
„Der Fluss“ von Michael Roher (ab 4)
„Das große Rennen“ von H. Janisch/Gerhard Haderer (ab 4)
„Der kleine Fallschirmspringer“ von Albert Wendt (ab 8)

* Von Hildegard Gärtner

 

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Artikel Helmut Atteneder 21. April 2018 - 00:05 Uhr
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