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"Man vergisst alles, sogar den Schmerz“

Als "Macbeth" tanzt Pavel Povrazník die Titelrolle in Johann Kresniks choreografischem Theater, das nach 30 Jahren für Linz rekonstruiert wurde. Über die intensive Probenarbeit hat er mit den OÖN gesprochen.

Er ist der Linzer "Macbeth"

Bild: AA

Seine Kunst ist es, durch Bewegung zu bewegen. Wie er seine Rolle erarbeitet hat, sich auf einen Auftritt vorbereitet und warum er davor immer den Boden berührt, erzählt der Landestheater-Tänzer (33) nach einer Probe im Café des Linzer Musiktheaters.

Sie haben vergangenes Jahr den Preis der Freunde des Musiktheaters gewonnen.
Was bedeutet so ein Preis für Sie?

Es war eine Belohnung, ich war wirklich sehr glücklich. Ich habe den Preis für die Rolle des Zwergs erhalten (in "Der Geburtstag der Infantin", Anm.), die sehr schön zu tanzen war. Tanzen ist hart. Auch der Applaus nach jeder Vorstellung belohnt uns. Und der Preis war natürlich eine tolle Sache.

Das ist Ihre Rolle des "Macbeth" auch. Ihr erstes Gefühl, als man Sie gefragt hat?

Ich war glücklich, aufgeregt. Aber ich habe auch eine große Verantwortung gefühlt. In den Proben wird man mit der Rolle vertrauter, kann mehr Emotionen einbringen und sich an die Grenzen bringen. Diese Rolle ist eine gute Gelegenheit, sich zu verbessern und Neues zu lernen.

Was ist für Sie die größte Herausforderung dieser Rolle?

Es ist physisch herausfordernd, aber auch, in der Rolle zu bleiben vom Anfang bis zum Ende, man ist ihr verpflichtet.

Wie nähert man sich "Macbeth" künstlerisch an?

Wir haben das Stück langsam als Struktur erarbeitet, die Szenen und Bewegungen. Dann kommt die emotionale Interpretation dazu. Irgendwann wird man eins mit dem Charakter. Es ist schön, Herrn Kresnik und Kurt Schwertsik (Musik, Anm.) hier zu haben. Wenn man Fragen hat, kann man einfach fragen und bekommt eine Antwort. Es ist kein sehr langes Stück, aber manche Szenen sind sehr intensiv. Die größte Energie braucht man für das Ende.

Sparen Sie dafür Energie?

Das kann man auf der Bühne nicht. Wenn man einmal auf der Bühne ist, ist da die Aufregung, das Adrenalin, man vergisst alles, sogar Schmerz. Du bist ganz im Stück, in der Rolle.

Immer hundert Prozent…

Ja. Sonst versteht das Publikum nicht, was man ausdrücken möchte.

Wie schwer ist es für Sie, nach einer Vorstellung herunterzukommen, was machen Sie?

Manchmal ist es schwer, weil der Körper noch hyperaktiv ist, noch arbeitet. Man schminkt sich ab, geht duschen, etwas essen. Dann entspannt man langsam. Ich kann vor der Vorstellung nicht viel essen, ein schönes Essen ist dann die Belohnung.

Haben Sie ein Ritual, bevor Sie auf die Bühne gehen?

Ja. Ich berühre den Boden für ein paar Sekunden. Als würde ich mich mit der Bühne verbinden. Das mache ich jedes Mal. Als würde ich sagen: Ich bin nett zu dir, sei du nett zu mir. Und ich checke meine Kostüme, damit ich beruhigt sein kann, dass auch wirklich alles da ist, was ich für die Vorstellung brauche.

Nehmen Sie das Publikum wahr beim Tanzen?

Das kommt auf das Stück an. Jede Choreografie ist anders. Manchmal spricht man direkt zum Publikum. Manchmal weiß man nur, dass es da ist, aber man sucht keinen Blickkontakt.

Wie merken Sie sich die vielen Bewegungsfolgen?

Das Körpergedächtnis entwickelt sich im Training, aber es geht vor allem um die emotionale Interpretation. Manchmal erarbeiten wir zuerst das Gefühl, aus dem sich die Bewegung entwickelt, die genau diese Emotion beschreibt. Und die auch das Publikum spüren kann.

Wie sind Sie zum Tanz gekommen?

Eher zufällig, durch meine ältere Schwester, die schon getanzt hat. Wir haben sie immer vom Training abgeholt. Bei einer Weihnachtsvorstellung bin ich für jemanden, der krank wurde, eingesprungen. Daraufhin bin ich in eine Kindertanzklasse gekommen. Mit elf Jahren habe ich beschlossen, Tanz zu studieren.

Wie ist es Ihnen bisher mit Verletzungen gegangen?

Wir müssen sehr vorsichtig sein mit unserem Körper und darauf achten, gesund zu bleiben oder schnelle Lösungen zu finden, um Schlimmeres zu verhindern.

Tut Ihnen gerade etwas weh?

Naja, heute nur ein bisschen. "Macbeth" ist wirklich ein herausforderndes Stück.

Wie entspannen Sie sich?

Ich habe viele Hobbys. Manchmal ist es wichtiger, den Körper zu entspannen, manchmal den Geist. Ich gehe gern wandern, laufen und Bogenschießen.

Wie sieht ein Tag im Leben eines Tänzers in Linz aus?

Wir haben jeden Tag eineinhalb Stunden Training, um in Form zu bleiben und warm zu sein für die Proben. Dazwischen haben wir kurz Pause. Dann haben wir Probe bis zwei. An normalen Tagen geht es weiter von drei bis dreiviertel sechs. Wenn Vorstellung ist, von sieben bis zehn Uhr abends.

Haben Sie einen Plan für Ihr Leben nach der Bühne?

Ich habe ein paar Ideen, aber ich bin noch nicht sicher und darum möchte ich sie noch nicht verraten. Natürlich kann man nicht für immer tanzen, das ist traurig, aber die Realität. Du musst darüber nachdenken, was du nach der Tänzerkarriere machen könntest. Aber ich habe das Gefühl, dass ich bis dahin noch viel Zeit habe.

Wie lange kann man auf diesem hohen Niveau tanzen?

Das muss ich erst probieren (lacht). Wenn der Körper und der Geist gesund sind und der Wille da ist, möchte man weitermachen. Es ist schwierig, aufzuhören. Tanzen, Künstler auf der Bühne zu sein, ist sehr kostbar. Das ist wirklich eine sehr schöne Zeit. Dieses Gefühl will man nicht aufgeben.

Was bedeutet Tanz für Sie ganz persönlich?

Es ist eine schöne Art, sich und Gefühle, welche auch immer, auszudrücken.

*****

Video: Radikal politisch und manchmal auch auf bizarre Weise poetisch sind die Tanzstücke des Choreographen und Regisseurs Johann Kresnik. 1988 entsteht Macbeth, ein mörderisch vertanzter Kampf um Macht.

 

AUFTRITTE UND MEHR

"Macbeth" in Linz: Johann Kresniks choreografisches Theater zur Musik von Kurt Schwertsik und zum Bühnenbild von Gottfried Helnwein wurde 1988 in Heidelberg uraufgeführt. Für Linz hat der Kärntner (78) das von Shakespeares Tyrannen inspirierte Stück rekonstruiert. Premiere im Musiktheater ist am 13. 10.

Karten, Termine: 0800 218 000, www.landestheater-linz.at

Zur Person: Pavel Povrazník studierte Tanz am Konservatorium seiner Heimatstadt Prag. Sein erstes Engagement führte ihn ans Tanztheater Nürnberg zu Daniela Kurz. 2010/11 kam er nach Darmstadt in die Compagnie von Mei Hong Lin, mit der er 2013 ans Linzer Landestheater wechselte. 2017/18 erhielt er den Tanzpreis der Freunde des Linzer Musiktheaters, wo er zuletzt als Tybalt in „Romeo und Julia“ zu erleben war. „Macbeth“ ist nach „Ulrike Meinhof“ und „Sylvia Plath“ in Darmstadt sein drittes Stück von Johann Kresnik.

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Artikel Karin Schütze 12. Oktober 2018 - 06:34 Uhr
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