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Konstantin Wecker: "Mein Schicksal war viel klüger als ich"

Konstantin Wecker über sein bewegtes Pazifisten-Leben mit Drogenvergangenheit, Pegida und Willys Auferstehung.

"Mein Schicksal war viel klüger als ich"

Konstantin Wecker mit seiner genialen Band im Palmenhaus der Gärtnerei Sandner in St. Florian Bild: Gartner

Der bayerische Poet und Musiker Konstantin Wecker und der Wahnsinn: eine Symbiose, die seit gut vier Jahrzehnten hält. Im Rahmen seiner "40 Jahre Wahnsinn"-Tour gastierte der 67-Jährige am Dienstag in St. Florian, heute tritt Wecker in Vöcklabruck auf.

OÖN: Es ist unüblich, dass ein Künstler eine halbe Stunde vor dem Konzert Interviews gibt.

Ah, des geht scho.

Sie waren Pornodarsteller, Häfenbruder und Drogensüchtiger, sind Musiker, Komponist, Kabarettist, Autor, Poet, Universitäts-Professor und als Pazifist ein ewiger Mahner. Ist das der Wahnsinn, der Sie ausmacht?

Bitte, ich war Softporno-Darsteller. Das ist ein Unterschied. Die Eckpunkte wie Uni-Dozent und Softporno sind so ziemlich das Uninteressanteste von dem, was ich bin. Das sind äußerliche Erscheinungsbilder. Ich bin Poet, ich schreibe Gedichte und vertone sie. Das ist das Entscheidende, nicht das, als was man in der Gesellschaft angesehen wird. Ich werde heute Abend von meinem Vater viel erzählen.

Zum Beispiel?

Mein Vater hatte eine unglaublich schöne Stimme, er war Tenor. Erfolglos als Künstler. Er hat mir gezeigt, dass gesellschaftlicher Erfolg überhaupt nichts damit zu tun hat, ob und wie sich ein Mensch entwickelt. Danach habe ich gelebt.

Zum Unterschied zu Ihrem Vater hatten Sie Erfolg.

Natürlich hat mich Erfolg gefreut, aber ich habe es nicht in erster Linie angestrebt. Niemand hat was dagegen, wenn es gefällt, was er macht. Das ist auch bei politischen Sachen so. Als Künstler kannst du politisch nichts erreichen, du kannst nur dein Maul aufmachen. Vielleicht andere bewegen.

In Ihrem Lied "Die weiße Rose" über die Geschwister Scholl heißt es: "Es geht ums Tun und nicht ums Siegen." Wenn man heute die vielen Kriege sieht und den Terror, was kann man tun, damit diese Strömungen nicht siegen?

Es geht im Kleinen und nur im Rahmen dessen, was ich bin. Als Künstler schreibt man Gedichte und versucht, seine Popularität ins Spiel zu bringen. Ein Lehrer kann was anderes machen – was sehr wichtig ist. Wir brauchen eine Revolution, keine blutige, eine gewaltfreie. Man kann nicht eine Revolution zum Frieden mit Gewalt beginnen.

Wie soll das gehen?

Es geht um die Veränderung des Bewusstseins. Da ist das Internet wichtig, so furchtbar es zum Teil ist. Weil jeder Vollidiot seine Sprachlosigkeit dort hineinfurzen kann. Auf der anderen Seite sage ich Ihnen ehrlich, ich mache mir nicht so viele Gedanken darüber, ob ich etwas bewirke, im Sinne von siegen. Ich bin seit mehr als 40 Jahren Pazifist, und ich möchte, dass die Stimme des Pazifismus nicht verloren geht. Ich kann nicht mehr mit Gewissheit sagen, ob ich in jedem Fall damit richtig liege, aber ich habe mich dafür entschieden.

Wie geht es Ihnen als Pazifist, wenn in Dresden zigtausend Menschen im Namen der Ausländerfeindlichkeit protestieren?

Aufbegehren ist nicht verboten, in der Demokratie darf man es, soll es sogar. Das Schlimme ist, dass die sich in ihrer wirklichen Dummheit das einfachste Mittel heraussuchen, anstatt an die Wurzel zu gehen. Diese Pegida-Demonstranten suchen sich die Ausländer - denen es noch schlechter geht - und versuchen, denen die Schuld zu geben.

Menschen wie Sie, die sich öffentlich Ihre Meinung zu sagen trauen, leben heutzutage gefährlich. Macht Ihnen das Angst?

Ich habe auf Facebook Drohungen bekommen, da wird dir anders. Ich kriege auch immer wieder Brieferl: "Ich rotte dich und deine Leute aus." Das sind Leute – und das ist das Schlimmste zu spüren – die mich eigentlich nur hassen. Weil ich anders bin als sie.

Glauben Sie, dass der von Ihnen besungene "Willy" heute genauso von Rechtsradikalen erschlagen werden würde?

Ich glaube nicht, dass in Deutschland eine offene Gefahr durch Rechtsradikale besteht. Deutschland hat seine schlimme Geschichte ziemlich gut aufgearbeitet, im Vergleich zu anderen.

Österreich zum Beispiel?

Besser als Österreich auf jeden Fall. In den vergangenen zwei Jahren habe ich mitbekommen, dass bei euch etwas passiert, das allerdings vor 20 Jahren schon hätte passieren müssen: das Bewusstsein, dass Hitler nicht mit Gewalt in Österreich einmarschiert ist.

Sie haben zwei Söhne. Kommen Ihre Botschaften bei denen an, oder opponieren sie?

Es war schon eine Angst da, dass bei einem Vater, wie ich es bin, der Sohn in Rebellionsart zum Neonazi wird. Das wäre der Alptraum gewesen: Wie protestiere ich gegen meinen Vater? Entweder gehe ich zum Militär oder ich werd a Nazi. Beides ist Gott sei Dank nicht passiert, das haben wir überstanden.

Was Sie auch überstanden haben, ist Ihre Kokainsucht. Sind Sie gänzlich davon weg?

Ich habe oft festgestellt, dass mich das Schicksal immer wieder überrumpelt hat. Mit noch sehr viel besseren Ideen, als ich sie hatte. Es war viel klüger als ich – und mit viel Schmerzen verbunden. Jeder Mensch ist ein eigenes Universum. Wir müssen verstehen, dass es Unterschiede gibt. Ich meine, die Farbe Ihres Pullovers sieht für mich völlig anders aus als für Sie.

Wie sieht er für Sie aus?

Ein bissl grell.

 

40 Jahre Wahnsinn-Tour

Gleich zu Beginn sang Konstantin Wecker bei seinem grandiosen, fast vier Stunden dauernden Konzert in St. Florian den „Willy“. Danach offenbarte er erstmals, dass Willy im richtigen Leben nicht erschlagen worden ist. Er sei sogar hier und verkaufe CDs und Bücher. Willy heißt Günter Bauch, ist 65 Jahre alt. Seine linke Gesichtshälfte „ziert“ eine lange Narbe. Sie erinnert an den besungenen Zwischenfall mit einem Rasiermesser.

Wecker präsentierte im Palmenhaus einen Querschnitt seines Programms. Neben dem „Willy“, „Genug ist nie genug“, „Sag nein“ und „Die Weiße Rose“. Die Arrangements waren mal rockig, bluesig, fetzig, dann wieder tief berührend, wie das „Nessun Dorma“ für seinen Vater.

Großartig die Band des Bayern. Fany Kammerlander, Jens Fischer und Johannes Barnikel wechselten ständig die Instrumente und hatten, wie auch ihr Boss, jede Menge Spaß. Genial die Schlussimpro zu „Wenn der Sommer nicht mehr weit ist“.

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Artikel Helmut Atteneder 19. Februar 2015 - 00:04 Uhr
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