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Josef Oberauer: „Ich bin im Herzen ein singender Theatermacher“

Der Innviertler Tenor und Entertainer Josef Oberauer spricht kurz vor seinem 60er über Theater, Entscheidungen, Sicherheiten, Freiheiten und die Lust am Leben Von Reinhold Gruber

„Ich bin im Herzen ein singender Theatermacher“

Im Hotel »Zum Schwarzen Bären« in Linz, dem Geburtshaus von Richard Tauber, warf sich Josef Oberauer für den OÖNachrichten-Fotografen in Pose. Und dafür hat er sogar seine grünen Stiefel aus dem Schrank geholt. Bild: VOLKER WEIHBOLD

Operette, Oper, Theater, Liederabende – Josef Oberauer hat auf vielen Bühnen seine Spuren hinterlassen. Eine der Rollen, denen er Leben einhaucht, ist jene des berühmten Linzer Tenors Richard Tauber. Das Gespräch anlässlich seines 60ers konnte deshalb nur im Geburtshaus von Tauber, „Zum Schwarzen Bären“ in Linz, stattfinden – stilecht bei einem „Kammersänger-Gulasch“.

 

OÖNachrichten: Am 28. März werden Sie 60 Jahre alt. Beschäftigt Sie der runde Geburtstag?

Oberauer: Ich freue mich darauf. Es ist wie ein Stück, das zu Ende geht und danach kommen die Draufgaben. Ich freue mich also auf den Tag, aber auch auf die Zeit danach.

Ist die Zahl 60 eine Zäsur?

Es sind immer die geraden Jahreszahlen gewisse Zäsuren. Man zieht Bilanz. Für mich ist der 60er nichts Gefährliches. Ich fühle mich irrsinnig wohl, jung und gut. Ich habe bis dato künstlerisch viel gemacht. Der 60er ist aber eine Art Marscherleichterung, weil ich mir nicht mehr so viel Druck mache, wenngleich der finanzielle Druck mich im Alltag immer wieder einholt.

Sie fühlen sich gut und jung. Doch es gibt eine Diskrepanz zwischen der Selbstsicht und der Außenwirkung. Mit welchen Gedanken schauen Sie in den Spiegel?

Ich bin so ein Typ, der sich in der Früh freut, wenn er sein Gesicht im Spiegel sieht. Ich bin kein Grantler, das war ich nie. Ich versuche immer wieder, das Positive im Leben zu sehen. Mit einem Lächeln im Gesicht bewältigt man den Alltag leichter. Das ist mein Naturell. Das ist der Widder, der März-Geborene.

Wenn Sie heute auf Ihre fast 60 Lebensjahre zurückblicken, haben Sie dann auch dieses Lächeln im Gesicht?

Im Endeffekt lächle ich noch mehr. Ich habe vor allem in meinem künstlerischen Leben sehr viel riskiert, extrem viel falsch gemacht, aber interessanterweise ist die Erfahrung der Kehrseite der Medaille ein spannendes Erlebnis. Ein Lehrer hat mir einmal gesagt: Du kannst machen, was du willst, du musst es dir nur leisten können. Aber natürlich musst du gerade in der Kunst selbst dein Talent erkennen, feststellen, ob du wirklich talentiert bist. Da stößt man natürlich an Grenzen, überschätzt sich auch. Small is beautiful – das ist meine Devise im Leben.

Was hat Sie daran gehindert, im künstlerischen Leben eine Abhängigkeit in Kauf zu nehmen?

Ich habe ein Problem mit der Hierarchie, da braucht man gar nicht herumzureden.

Woher rührt dieses Problem?

Aus St. Florian. Dort haben sie mir genau erklärt, was Hierarchie zu sein hat. Ich war aber schon in diesen jungen Jahren ein Oppositioneller, in gewisser Weise ein Natur-Anarchist (lacht). So diszipliniert ich bei den Proben sein kann, so undiszipliniert bin ich im Leben auch. Ich habe an der Kammeroper in Wien begonnen, war gut zehn Jahre lang am Landestheater Salzburg und dann am Landestheater Linz engagiert. Überall war ich sehr erfolgreich und überall hätte ich langfristige Verträge bekommen.

Warum haben Sie nie einen unterschrieben?

Weil ich genau gesehen habe, dass mein ganzer Lebensweg sehr stark vorgezeichnet ist. Ich habe gesehen, ich bin der Buffo (der Tenor oder Bass, der im jeweiligen Stück aufgrund seiner Rolle für die Komik zuständig ist, Anm.), der beim Publikum sehr beliebt ist. Das Rad dreht sich aber. Es kommt der zweite, der dritte, der vierte und der fünfte Vogelhändler – und der kommt immer auf mich zu, weil ich ihn gut gemacht habe. Ioan Holender hat einmal zu mir gesagt: Herr Oberauer, mit dieser Rolle schicke ich Sie durch ganz Deutschland.

Was haben Sie geantwortet?

Nein, das machen Sie nicht, weil dann gehe ich da bei der Tür hinaus und komme nie mehr herein.

Aber das ist doch komisch für einen Künstler?

Ich habe den Vogelhändler ein paar hundert Mal gesungen und ich wollte die Rolle nicht ein paar tausend Mal singen.

Ein Popstar singt möglicherweise auch seinen einzigen Hit ein Leben lang.

Ja, aber der ist nach drei Minuten damit fertig. Ein bisschen Faulheit steckt da auch in mir. Und es war dieses Abdienen, Absitzen und Darauf-warten-Müssen, dass man im Alter auch einen Vertrag bekommt, das mich davon abgehalten hat, länger fix engagiert zu bleiben. Dadurch, dass ich nicht so viel gesungen habe, habe ich heute noch eine richtige Stimme. Ich bin nie länger geblieben, weil sich am Theater das Repertoire wiederholt.

Aber das Theater entwickelt sich doch auch weiter.

Es hat sich am Theater seit meiner Zeit nichts Wesentliches verändert, außer vielleicht gelegentlich eine neue Oper. Was wäre anders, wenn ich geblieben wäre? Ich würde vielleicht noch älter ausschauen (lacht). Eines darf man nicht vergessen: Ich habe ja in der Zeit nach den Engagements nicht geschlafen. Es ist viel passiert, ich habe 25 Produktionen gemacht, die durchaus auch international erfolgreich waren, was mir eingefallen ist, als ich alte Zeitungsausschnitte mit Kritiken durchgeschaut haben.

Sind Sie so gesehen eitel?

Ich bin sehr eitel und ich bin auch zutiefst beleidigt gewesen, wenn von mir erwartete Reaktionen ausgeblieben sind. Heute habe ich das alles verarbeitet.

Den Sprung ins kalte Wasser haben Sie nie bereut?

Die OÖNachrichten haben bei meinem Abschied vom Landestheater Linz getitelt „Kopfschuss oder Kopfsprung“. Ein leichter Wahnsinn steckt da schon in mir. Aber wenn du in der Kunst nichts riskierst, passiert auch nichts.

War also auch die Liebe zur Freiheit wesentlich für Ihren Weg?

Es ist die künstlerische Neugier, die mich dazu bewogen hat, diesen Weg zu gehen. In mir steckt ein Erfindergeist, die Sehnsucht nach neuen, interessanten Figuren.

Wie hat Ihre Umgebung darauf reagiert?

Sehr viele haben gemeint, dass ich einen Vogel habe. Ich war in Linz ja ein echter Publikumsliebling. Ich habe vielleicht irgendwann auch Angst gekriegt vor dieser Position. Aber es gibt schon auch das weinende Auge, nicht am Landestheater geblieben zu sein. Allerdings sind mir durch meine Entscheidung auch andere Türen geöffnet worden. Ich mag gerne die Voraussetzungen schaffen, um selbst Theater zu machen. Ich bin im Herzen ein singender Theatermacher.

War die Entscheidung ein Fehler aus heutiger Sicht?

Ich habe oft schon geweint und mir ist auch traumatisch immer wieder der Abgang von den Theatern untergekommen. Heute denke ich mir noch manchmal, ich hätte es anders machen können. Aber es ist nicht so. Und das passt.

Ein Diplomat sind Sie also nicht?

Im Alltagsgeschäft bin ich ein Diplomat. Aber ich kann sehr anstößig reagieren bei Entscheidungen.

Schauspieler, Sänger – wer war zuerst da?

Ich habe schon als Kind ständig gesungen. Sehr schön und sehr laut. Vor meiner Zeit bei den Florianer Sängerknaben war ich schon bei uns zu Hause in Riedau im Chor.

Musik war im Elternhaus also schon ein Thema?

Mein Vater, ein Bäckermeister, war ein begnadeter Musikant und wäre gerne Opernsänger geworden. Meine Großmutter war eine Dilettanten-Darstellerin. Ich war also erblich vorbelastet. Im Kindergarten habe ich als einmal das Lied „Kling Glöckchen klingeling“ singen müssen und sollte dazu die Glocke läuten. Nur habe ich die Glocke nicht aus meiner Lederhose heraus gebracht. Ich habe versucht, sie heraus zu reißen und die Zuschauer haben gelacht. Es war der erste große Lacher vor Publikum, den ich unfreiwillig produziert habe.

Wie kamen Sie dann zu den Sängerknaben, auf eigenen Wunsch?

Nein, das war die Entscheidung meines Vaters. St. Florian war für mich als Musiker von großer Bedeutung, aber auch als Mensch, weil ich alles kennen gelernt habe, was ich nicht wollte. Die Hierarchie habe ich schon angesprochen, aber ich habe auch mit bekommen, dass Individualität nicht wirklich gefördert worden ist. Meine künstlerische Individualität ist gefördert worden, ich war ein Gesangs-Star, habe aber als Mensch Probleme gehabt. Aber es gab doch auch Leute, die mir wirklich etwas bedeutet haben. Der Pfarrer Kriechbaum, der den gregorianischen Choral gelehrt hat, war ein großer Lehrer von mir. Er hat zu mir gesagt: Pepi, du darfst nicht nur schön singen, sondern du musst das, was du da singst, auch schön erzählen. Somit sind wir wieder im Schauspiel.

Gab es irgendwann die Frage, was Sie beruflich werden wollen?

Nein. Ich habe schon im Alter von sechs Jahren gewusst, dass ich Sänger werden will. Der Bäcker war vorgeben, weil er bei uns im wahrsten Sinne des Wortes Brotberuf war. 1976 habe ich die Meisterprüfung als Bäcker gemacht und 1977 bin ich ans Theater gegangen.

Wann haben Sie zu letzt selbst Brot gebacken?

Das war zu dieser Zeit. Ich mache zu Hause nicht einmal Mehlspeise.
 

Lebenslauf

Geboren am 28. März 1952 in Ried im Innkreis, wuchs Josef Oberauer in Riedau auf, in einem höchst musikalischen Haushalt. Beruflich betrieben die Eltern eine Bäckerei und Konditorei.

Gesungen hat Oberauer schon als Kind. Von 1962 bis 1966 war er Florianer Sängerknabe. Das Künstlerische ließ sich mit dem Brotberuf vereinen – er brachte es bis zum Bäckermeister, doch dann bestimmte die Kunst sein Leben. Oberauer ist Absolvent der Bruckneruniversität Linz, der Karajan-Meisterklasse in Salzburg und hat ein Diplom am Conservatoire de Musique de Genève.

25 freie Produktionen hat Josef Oberauer als künstlerischer Leiter des Theateraufstands von 1990 bis heute vorzuweisen. Die freie Szene wählte er nach Engagements an der Kammeroper Wien, dem Landestheater Linz, dem Landestheater Salzburg, dem Theater St. Gallen und der Mitwirkung an den Salzburger Festspielen. Zu seinen wichtigsten Produktionen zählt er „Unterm Milchwald“, „An der schönen blauen Donau“, die Kammeroper „Gorbatschow“, die Opern „Fernando“, „Ich, Pontius Pilatus“ und „In The Penal Colony“ sowie die Musiktheaterproduktion „Die Rückkehr des Kammersängers“ und die Salonoperette „Häuptling Abendwind“. In Planung istdie Fantasyoper „Drachendämmerung“ von Thomas Mandel und Lena Falkenhagen.

Familie

Josef Oberauer ist in zweiter Ehe mit „seiner Hilde“ verheiratet. Seine Schwester Christine Osterberger (Bild) singt ebenfalls. Sie lebt mit ihrer Familie im Elternhaus in Riedau. Schwager Paul ist Bühnenbildner, Neffe Paul Glasbläser-Künstler.

Wissenswert

Eine Hommage an Richard Tauber (1891 – 1948) war Josef Oberauer wichtig, als er Mitte der 1990er-Jahre wieder über den Mann, der von den Nazis verfolgt wurde, flüchtete, eine Weltkarriere startete und schließlich völlig verarmt in London starb, „stolperte“. „Er war die Stimme seiner Zeit und ein Grenzgänger zwischen E- und U-Musik“, sagt Oberauer. „Rendezvous mit Richard Tauber“ ist nicht nur ein Briefmarken-Motiv geworden, sondern auch ein Bühnenprogramm, das am 20. April im Alten Theater in Steyr und am 18. Mai im Stadtsaal in Ried/Innkreis jeweils ab 19 Uhr zu sehen sein wird.

Eine Rapversion des Welt-Schlagers „Dein ist mein ganzes Herz“ hat Oberauer eingespielt und so wieder an den großen Richard Tauber erinnert. Im Geburtshaus von Tauber in der Linzer Herrenstraße kann man den Sänger auch öfter antreffen.

Zu Operetten hat Oberauer eine ganz besondere Beziehung. Seine Faszination drückt er so aus: „Es ist dieses Schöne, dieses in eine Welt eintauchen, die es nicht gibt, dieses Wohlfühlen, den Alltag abstreifen. Die Musik ist von großen Komponisten geschrieben worden und in ihr steckt eine wunderbare Melancholie und eine große Romantik.“

Eigene Kinder hat Oberauer nicht. „Das vermisse ich nie, weil ich sehr konsequent meine Vorstellungen vom Leben durchgezogen habe und ich ein großer Egoist war“, sagt der Künstler. Nachsatz: „Ich wäre vielleicht ein guter, sehr wahrscheinlich ein extrem toleranter Vater gewesen. Aber, ehrlich: Mehr als eine leichte Wehmut beschleicht mich nicht.“

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Artikel Reinhold Gruber 24. März 2012 - 00:04 Uhr
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