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Jetzt bricht die Kunst das Eis

Murmansk: Russische und österreichische Künstler entern die „Lenin“, den ersten atombetriebenen Eisbrecher der Welt.

Jetzt bricht die Kunst das Eis

Die »Lenin« in Murmansk, seit dem Jahr 1989 ausgemustert. Bild: beli

44.000 Pferdestärken, 134 Meter lang, 18 Knoten schnell, 243 Mann Besatzung – als sie am 5. Dezember 1957 vom Stapel lief, war die „Lenin“ im Muskelspiel der Supermächte die breite, stolze Brust der Sowjetunion, Symbol technischer Überlegenheit, Speerspitze der arktischen Eroberung.

Gebändigt von schweren Trossen liegt der erste Atomeisbrecher der Welt nun im Hafen des russischen Murmansk nördlich des Polarkreises fest. Entmannt, seiner drei Kernreaktoren entledigt, zum Museum bestimmt. Dort, wo zu Glanzzeiten Figuren der Weltgeschichte, von Fidel Castro über Weltraumheld Juri Gagarin bis Richard Nixon, hofiert wurden, nistet sich seit Montag zeitgenössische Kunst ein.

Für das Spezialprojekt der 5. Moskauer Biennale haben Simon Mraz, österreichischer Kulturattaché in Moskau, und Stella Rollig, Direktorin des Linzer Lentos, 23 russische und österreichische Künstler eingeladen, den Ort und die Historie des einstigen Prestigeobjekts in ihren Arbeiten zu reflektieren.

Zur Eröffnung der Ausstellung läuft im repräsentativen Konferenzsaal Sonia Leimers Video „Nowaja semlja“ (neues Land): in Archiven aufgestöbertes Material, das ein heroisches Schwarzweiß-Bild zeichnet, Kälte, Eis und Wasser mit einem Blick in den Reaktor und der Vision der Mondfahrt bricht, aktuelle Aufnahmen in propagandistisch inszeniertes Bordleben montiert. Auf dem Klavier der „Lenin“, das im Film vorkommt, improvisiert der Welser Stummfilmbegleiter Gerhard Gruber zu den ihres Tones beraubten Bildern und gibt ihnen neue Anmutung.

Gleich neben dem Tasteninstrument steht Taisia Korotkowas Gemälde „Norden“. Es ist Teil eines Zyklus, der Elemente aus berühmten Landschaftsbildern aufgreift und neu interpretiert. Das Werk konterkariert die territoriale Eroberungsgeschichte. Vor dem nordlichternden Horizont wandern Eisbären durch die rostenden, abgewrackten Reste von U-Booten und Kerosinfässern – die Natur erobert ihr Reich zurück.

In der Kantine, die auch Kino war, wird eine schöne Filmarbeit von Isa Rosenberger auf die Leinwand geworfen. Im US-amerikanischen Brighton Beach stieß sie auf den 83-jährigen Wladimir, der als Kapitän auf sowjetischen Handelsschiffen unterwegs war. „Seine Erinnerungen sind eine Zeitreise zwischen politischen Systemen und Ideologien“, sagt Rosenberger. Die persönliche Geschichte des Seebären konfrontiert sie mit der Debatte, die 1959 der damalige US-Vize Nixon und der sowjetische Ministerpräsident Nikita Chruschtschow vor laufender Kamera über die Vor- und Nachteile ihrer Systeme führten. In „Wladimirs Reise“ tauchen sie wie Geister auf – die uns auch heute jagen, bis das Eis zwischen Menschen und Nationen endlich gebrochen wird. Eine Aufgabe, die die „Lenin“ nicht mehr erfüllen kann. Die Kunst springt in die Bresche.

 

„Die russische Gesellschaft ist nicht sehr frei“

Die österreichischen Künstler für die Ausstellung „Lenin: Eisbrecher“ in Murmansk hat Lentos-Direktorin Stella Rollig eingeladen. In veränderter Form kommt die Schau von 28. Februar bis 25. Mai nach Linz.

OÖNachrichten: Was hat Sie als Kuratorin am Projekt „Lenin: Eisbrecher“ gereizt und gefordert?

Stella Rollig: Alles! Der außergewöhnliche Schauplatz, die politischen und historischen Bezüge, die Zusammenarbeit mit Menschen mit anderen Sichtweisen, anderem Wissen, anderen Erfahrungen, die Möglichkeit, an einem Ort zeitgenössische Kunst zu vermitteln, wo sie alles andere als selbstverständlich ist.

Die Ausstellung im Lentos muss ohne die „Lenin“ auskommen – wie machen Sie das wett?

Den Schauplatz „Lenin“ kann man nicht ersetzen. Wir werden nicht versuchen, das Schiff als Bühnenbild nachzubauen, das wäre lächerlich. Die Ausstellung wird auf die Kraft der Arbeiten setzen. Wir werden eine Auswahl treffen und besonders die anschaulichen Kunstwerke nach Linz bringen. Dazu gibt es eine tolle Dokumentation des russischen Fotografen Juri Palmin.

Welche Bedeutung hat der russische Kunstmarkt für zeitgenössische Künstler?

Große Bedeutung für russische Künstlerinnen und Künstler sowie für internationale sogenannte Blue Chip Artists, also die auf den vorderen Plätzen der Preis-Rankings, welche die reichsten Sammler bedienen. Eher keine dominante Bedeutung für alle anderen. Mir fällt zum Beispiel auf, dass sich nach einer Zeit großer Hoffnungen und Teilnahmen an russischen Kunstmessen österreichische Galerien derzeit von diesem Markt eher wieder zurückgezogen haben.

Wie interpretieren Sie die Sichtweisen beim Eisbrecher-Projekt auf österreichischer und russischer Seite?

Die russischen Künstler, mit Ausnahme des Konzeptkunstpaares Makarewitsch & Elagina aus der älteren Generation, gehen sehr frei assoziativ und poetisch an das Thema heran, die österreichischen viel konkreter in der Umsetzung von recherchiertem Material.

Wie frei ist Kunst in Russland?

Ich fürchte, die russische Gesellschaft ist insgesamt nicht sehr frei, sondern stark an Autoritäten orientiert. Wenn in der Kunst versucht wird, Autorität in Frage zu stellen – sei es politische oder religiöse –, wird dies gar nicht erst zugelassen oder mit Repressionen geahndet. Wie vermutlich in allen Lebensbereichen. Das ist für die Entwicklung dieses Landes, dem wir so wunderbare, hellsichtige und emanzipatorische Kunstwerke verdanken, leider sehr, sehr unbekömmlich.

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Artikel Bernhard Lichtenberger aus Murmansk 19. September 2013 - 00:04 Uhr
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