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"Ich glaube nicht, dass der Mensch die Pflicht hat, immer für andere da zu sein"

Elfriede Hammerl liest beim von den OÖN präsentierten Fest zum Welttag des Buches

"Ich glaube nicht, dass der Mensch die Pflicht hat, immer für andere da zu sein"

Scharfer Blick, ebensolche Schlussfolgerungen: Elfriede Hammerl Bild: Inge Prader

Ein ganzer Tag voll Literatur wartet am Donnerstag, dem 19. April, in der Wirtschaftskammer Oberösterreich beim Fest zum Welttag des Buches, das die OÖN präsentieren. Aus ihrer Episodensammlung "Alte Geschichten" liest dabei auch Autorin und Journalistin Elfriede Hammerl (72). Sie zeigt anhand ihrer Hauptfiguren auf, was es bedeutet, alt zu werden.

 

OÖNachrichten: Sie kommen nach Linz und lesen beim Fest zum Welttag des Buches. Selbst haben Sie als Kind schon sehr gerne gelesen. Gab es damals ein besonderes Buch, gibt es jetzt ein besonderes für Sie?

Das Herauspicken einzelner Titel halte ich immer für schwierig. Ich habe aber mit zwölf Jahren zum ersten Mal eine Novelle von Thomas Mann gelesen, der ist bis heute ein Säulenheiliger für mich. Ich war hin- und hergerissen von dieser Sprache, vom Ausdrücken von Beobachtungen und vom Wissen um Seelenregungen. Schnitzler und Tucholsky habe ich auch immer sehr geschätzt. Dieses gesellschaftliche Engagement hat mich sehr beeindruckt. Marie von Ebner-Eschenbach hat mich ebenfalls mit ihrem sozialen Schwerpunkt in ihrer Prosa beeindruckt.

Buch oder E-Book?

Bei mir ist es das Buch. Ich sehe alle Vorteile des E-Books ein, finde es toll, dass man auf Urlaub fahren und unendliche Mengen an Literatur mitnehmen kann. Mir ist es allerdings einmal passiert, dass ich einen Krimi auf ein E-Book geladen hatte, und als es an die Auflösung ging, ist die Mitteilung "Ladefehler" gekommen. Das war auch nicht so lustig. Was mich außerdem stört, ist die mangelnde Dreidimensionalität. Ich bin eine, die immer wieder zurückblättert und sagt: "Ah, da war doch diese Stelle." Das geht beim E-Book nicht. Und es nutzt nichts, wenn die Leute sagen: "Du kannst es ja markieren", ich weiß ja vorher nicht, was ich mir später anschauen will.

In Ihrem neuesten eigenen Buch "Alte Geschichten" kann man als gemeinsame Klammer das Älterwerden Ihrer Protagonisten angeben – was bringt das alles an Unerwartetem mit sich?

Ich überlege, ob es so unerwartet ist. Man beschäftigt sich ja doch schrittweise damit. Was ein seltsames Gefühl ist, ist, wenn man feststellt, dass man unausweichlich die Mitte des Lebens überschritten hat. Mit 45 sagt man, na, vielleicht habe ich noch 45 Jahre vor mir. Ob die dann so lustig sind, weiß man nicht. Aber zumindest hat man noch viel Zeit vor sich. Dieses schrumpfende Zeitkontingent ist keine Überraschung, wird einem aber immer bewusster. Ich habe zwar noch keine körperlichen oder geistigen Einschränkungen, aber eines macht mir bereits zu schaffen: die Verluste durch Todesfälle. Es gibt Leute, die mir sehr wichtig waren, und die gibt es nicht mehr, und zwar auch gleichaltrige oder sogar jüngere.

Welche Rolle spielt Geld im Alter?

Ich glaube, eine wichtige. Ich glaube, dass zu einem angenehmen Lebensabend eine ansprechende materielle Ausstattung gehört. Diese Idee, dass die Alten so anspruchslos sind und eh nichts mehr brauchen, halte ich für falsch. Auch alte Leute müssen wohnen, essen, sich anziehen und wollen sich ein bisschen vergnügen. Ich fange von hinten an: Das Vergnügen des Theaterbesuchs ist ziemlich eingeschränkt, wenn man mit 75 Jahren auf dem Stehplatz steht und schlecht hört. Bestimmte Dinge werden teuer. Man muss Dienstleistungen zukaufen, man schleppt sich nicht mehr die Selbstbaumöbel nach Hause. Und die Kinder stehen halt auch nicht ständig für Dienstleistungen zur Verfügung, klarerweise. Man muss Wohnungen barrierefrei oder barriereärmer machen, Heizkessel reparieren. Und was das Anziehen anbelangt: Junge sehen in fetzigen Klamotten gut aus, Ältere nicht. Also, da muss man auch eher mehr investieren. Das Fatale ist, dass immer weniger Menschen eine finanzielle Grundausstattung haben. Und Altersarmut gibt es, vor allem bei Frauen.

Sie haben gesagt, die Kinder stehen auch nicht immer für Dienstleistungen zur Verfügung…

Ich finde aber gar nicht, dass die Kinder das sollen. Allerdings auch nicht die Alten. Wo ich hinschaue, wird das berufliche Engagement der Töchter von den Großmüttern getragen. Ich habe gerade ein Interview mit einer Unternehmerin gelesen, die sagte, wie sehr es ihre Übersiedlungen erleichtert hat, dass sie 14 Jahre dieselbe Nanny hatte. Die Menschen, die das mit Personal lösen können, sind aber ein verschwindend geringer Prozentsatz. Für alle anderen stellen sich die Fragen: Wohin mit den Kindern in den Ferien, was, wenn einer krank ist, man will sie ja auch nicht zwölf Stunden im Kindergarten lassen. Ich wehre mich dagegen, dass sie doch einigermaßen selbstverständlich auf dem Rücken der Eltern, aber vor allem auf dem Rücken der Mütter gelöst werden. Diese gesellschaftliche Haltung: dann muss man eben die Großeltern in die Pflicht nehmen – nein, müssen wir nicht. Ich glaube nicht, dass der Mensch, vor allem der weibliche, ad infinitum die Pflicht hat, für andere da zu sein. Das heißt ja nicht, dass man sich asozial verhält, aber ein bisschen Zeit für das eigene Leben sollte schon bleiben.

Sie tauchen in verschiedene Lebensentwürfe ein und zeigen auf, was das Älterwerden mit Menschen macht oder machen kann. Welche dieser Lebensentwürfe sind Ihrer Meinung nach besonders gefährdet von einem bösen Erwachen?

In der Geschichte "Das andere Leben" geht es um eine Frau, die zuerst ihre Großmutter pflegt, dann die Kinder, dann die Enkelkinder. Ich halte das für ein sehr typisches weibliches Schicksal. Der Schlüsselsatz für mich ist: "Ich hätte mein eigenes Leben nur um den Preis gekriegt, eine schlechte Enkelin, eine schlechte Mutter, eine schlechte Großmutter zu sein." Vor diesem moralischen Dilemma stehen Frauen sehr oft.

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Artikel Julia Evers 17. April 2018 - 00:04 Uhr
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