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"Harry, weißt du, es ist jetzt an der Zeit"

Der renommierte Therapeut Harry Merl überlebte als Bub die Shoa, ab 3. 11. wird in Linz davon erzählt.

Vom Horror zur Heilung

Bettina Buchholz leiht ab 3. 11. dem erwachsenen Harry Merl (o.) ihre Stimme, Tochter Hannah Merl dem Buben. Bild:

Es gibt Geschichten, die erst erzählt werden können, wenn die Zeit dafür reif ist. Das Leben von Harry Merl zählt zu ihnen. Ab 3. November ist es Stoff für eine szenische Lesung in Linz (mehr unten), Regie führt Johannes Neuhauser.

Der Linzer kennt den 84-jährigen Merl, der für viele als Oberösterreichs "Vater der Psychotherapie" und Pionier der Familientherapie gilt, sehr gut. Neuhauser, der bereits die Gedenk-Stücke über die Jüdin "Etty" und "1938 – weg von Linz" realisierte, ist auch Psychotherapeut. Für ihn hat Merl, der ein Vorreiter darin war, die Familie in die Behandlung psychisch Kranker zu integrieren, "dieselbe Bedeutung wie Viktor Frankl".

Er weiß aber auch, dass Merls Aufwachsen als jüdisches Kind während des NS-Regimes in Wien dessen Arbeit als Therapeut prägte. Merls Eltern mussten als Zwangsarbeiter Wohnungen Wiener Juden räumen, ihr Sohn verbrachte diese Jahre großteils allein, versteckt (mehr unten).

Etwas, von dem er nie ausführlich sprach. "Das Schicksal, so viel so jung mit sich selbst auszumachen, hat ihn geprägt. Seine Geschichte wurde eine von Verlust und des Überlebens", sagt der Regisseur.

Offenheit und Liebe

"Er hat erlebt, wie seine Eltern nach dem Krieg in die Depression gegangen sind. Sie haben sich weiter geschämt, Juden zu sein, er aber hat die Öffnung gesucht", sagt Schauspielerin Bettina Buchholz, die Merl auf der Bühne eine Stimme geben wird, und ergänzt: "Das mag für Außenstehende rührselig klingen: Für ihn ist seine Arbeit mit Liebe verbunden. Sie ist für ihn die eine Kraft im Leben." Heute noch hilft er extrem schwer sexuell traumatisierten Menschen bei sich zuhause in Gramastetten. Der Horror seiner frühen Jahre, diesen anzunehmen, das Weitermachen sind rote Fäden in der Bühnenfassung. "Was wir darin erzählen, wissen weder seine Klienten noch seine vielen Kollegen", sagt der Regisseur. "Harry war nie der Typ, der gesagt hat: Schaut her, ich bin Jude und habe das alles erlebt! Für ihn hat immer nur direkte Arbeit gezählt."

Darauf, ihn nicht nur für seine Bescheidenheit würdigen zu können, hat Neuhauser fast 25 Jahre gewartet. 1994, als er für den ORF an einer Doku zum Thema "Krise als Chance" gearbeitet hat, habe Merl eine Anmerkung zu "früher" gemacht. "Er meinte, er werde später ausführlich berichten."

Nachdem Merl eine Aufführung von "Linz – 1938" besucht hatte, sagte ihm Neuhauser: "Harry, weißt du, es ist jetzt an der Zeit. Ich bin 61 Jahre, du 84. Wenn wir noch etwas machen wollen, dann jetzt. Und dann hat er Ja gesagt."

HINTERGRUND UND LEBENSLINIEN 

Harry Merl, geboren 1934, erlebte vier Jahre lang als Bub jüdischer Eltern eine schöne Wiener Kindheit – bis zum Novemberpogrom 1938. Freunde, Familie, Nachbarn werden sukzessive deportiert. Der Vater wird Zwangsarbeiter für Straßenbau (u. a. in Ebensee), die Mutter muss die Buchhaltung eines Nazis richten,
der jahrelang keine Steuern gezahlt hat.

Die Eltern werden abkommandiert, die Wohnungen hunderter Juden auszuräumen. Was sie finden, wird spottbillig an Wiener verkauft. Körperlich wie psychisch belastet, werden sie zum „Rädchen“ im System, was die Familie vor dem Tod bewahrt. Bis zu 14 Stunden ist Harry täglich allein. Dank eines „Tipps“ der Hausmeisterin, die sein Vater mit dem letzten Gold bestochen hat, erfahren sie, dass sie doch deportiert werden sollen.
Die letzten vier Kriegsmonate verstecken sie sich in einem Kohlenkeller.

Bildung: Harry bringt sich Lesen, Schreiben und Rechnen selbst bei. Im Mai 1945 endet der Krieg, im Juni beginnt Harry die vierte Klasse Volksschule, im Juli hat er sie abgeschlossen.
Es folgen: Hauptschule, Realgymnasium, Medizinstudium.
Das einzige Stück, das seine Eltern aus der alten Wohnung wieder bekommen, ist Harrys Klavier.

Linz: Später erhält Merl das Angebot, stundenweise Psychotherapie am Wagner-Jauregg Linz zu praktizieren, als sich das Dogma der rein medikamentösen Behandlung aufzulösen beginnt. Er baut das Institut für Psychotherapie auf, wird Primar, arbeitet mit Familien von Patienten, als es noch verpönt ist (1968: Einführung der Familientherapie in Österreich). Er betreut noch immer Klienten in seinem Heimatort Gramastetten.

DAS STÜCK "HARRY MERL"

Premiere: 3. 11., 19.30 Uhr;
weiters: 4., 11., 25. 11.; 9., 16. 12., je 17 Uhr; 30. 11., 19.30 Uhr,
Tribüne Linz, Tel. 0699 / 11 399 844
www.tribuene-linz.at

Die szenische Lesung vereint Text, Spiel, Video und Musik und basiert auf Notizen von Merl, Familienvideos und einer Arbeit, die Merls Enkel Pascal über seinen Großvater schrieb.

 

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Artikel Nora Bruckmüller 25. Oktober 2018 - 00:04 Uhr
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