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Ferhan und Ferzan Önder im Interview: „Ihr seid Türkinnen und spielt Klavier?“

Die türkischen Zwillinge Ferhan und Ferzan Önder sind zwei der schillernden Stars bei den Festwochen in Gmunden (15. Juli bis 21. August). Das Klavierduo gastiert am 14. August im Toscana Congress in Gmunden. Mit den OÖNachrichten sprachen die beiden über körperliche Ähnlichkeiten und kulturelle Unterschiede.

„Ihr seid Türkinnen und spielt Klavier?“

Ferhan (links) und Ferzan, Temperament und Gelassenheit des Klavierspiels. Bild: GFW

OÖN: Wie hält man Sie beide auseinander?

Ferhan Önder: Am besten bei den Zähnen, wenn wir lächeln.

OÖN: Haben Sie Ihre Ähnlichkeit als Kinder ausgenützt?

Ferzan: (lacht) Auch später noch. Aber wann, das werden wir Ihnen sicher nicht verraten.

OÖN: Bei Zwillingen kann es sein, dass eine Person eher vernunftorientiert, und die andere emotionaler ist – wie verteilt sich das bei Ihnen?

Ferzan: Ich bin die Ruhigere, eindeutig, und Ferhan die Temperamentvollere und Dominantere. Schon zu unserer Studienzeit hat sie mehr Strawinsky gespielt und ich Mozart, Chopin und Schubert.

OÖN: Haben Sie sich diesen Unterschied in Ihrer musikalischen Sprache bis heute bewahrt?

Ferhan: Ja, deshalb ergänzen wir uns so gut. Wir erreichen unsere Balance dadurch, dass die eine dosiert, wenn die andere Tempo macht, wir gönnen uns dadurch Pausen und motivieren uns andererseits.

Ferzan: In den Kritiken über uns ist zwar oft von „zwei Menschen, eine Seele“ zu lesen, aber das wollen wir gar nicht. Unsere völlig unterschiedlichen Persönlichkeiten sollen auch zu hören sein. Wir wollen keinesfalls gleich klingen, es soll sich nie so anhören, als würde nur eine Person spielen. Wir wollten auch nie das Gleiche spielen. Wir haben uns nur für einen gemeinsamen Weg entschieden, aber wir müssen uns bei jeder Interpretation, vor jedem Programm neu vereinbaren, damit wir zumindest auf der Bühne das gleiche Ziel haben.

OÖN: Andererseits müsste die genaue Kenntnis von der emotionalen Welt der anderen eine gewisse Spontaneität gestatten?

Ferzan: Genau, weil wir wissen, was die andere fühlt, auch wenn es nicht das Gleiche ist.

OÖN: Hat es bei Ihrem Weg nach oben eine Rolle gespielt, dass Sie beide türkische Frauen sind?

Ferhan: Hmmmmmm, ich weiß nicht. Wir haben es oft mit anderen Überraschungen zu tun – zum Beispiel, dass Leute auf uns zukommen und sagen: „Ihr seid Türkinnen und spielt Klavier – noch dazu so gut, wie gibt’s das?“

Ferzan: Und die Leute wundern sich, warum wir Musik spielen, die gar nicht unsere Kultur sei – sie fragen sich, warum wir kein Kopftuch tragen und ob wir überhaupt auf der Bühne stehen dürfen. Ein Vorteil, Türkinnen zu sein, war es insofern nicht.

OÖN: Hat sich die Frage nach der eigenen Musikindentität auch für Sie beide jemals gestellt?

Ferzan: Nein, weil das unsere Musik ist. Seit wir Kinder sind und Klavier spielen, sind wir mit dieser Musik, die uns auch heute umgibt, aufgewachsen.

OÖN: Hat sich dieses Vorurteil zerstreut, dass Türken und klassische Musik nicht zusammenpassen?

Ferhan: Es ist besser geworden, weil viele türkische Musiker bei internationalen Festivals auftreten und zeigen, dass es keine Berührungsängste gibt. Für das Publikum ist es nicht mehr so überraschend.

OÖN: Sie haben auch schon mit dem Bruckner Orchester gearbeitet, was ist das Charakteristische an diesem Klangkörper?

Ferzan: Wir haben einander beim Voestival anlässlich einer Zusammenarbeit mit Peter Ustinov kennengelernt ...

Ferhan: ... ich möchte sowieso sagen, dass es in Österreich nicht nur die Philharmoniker gibt, sondern auch andere großartige Orchester, zum Beispiel das Bruckner Orchester.

OÖN: Wie kommunizieren Sie auf der Bühne miteinander?

Ferzan: Mit den Augen – und oft habe ich den Eindruck, als würden wir auch mit Energie kommunizieren. Es sind die Momente, in denen die Alpha-Rolle auch nicht eindeutig verteilt ist, sondern wechselt.

Ferhan: Am Anfang unseres Studiums war ich mit meiner Schwester sehr streng – wenn etwas nicht so gut lief, war ich gleich sauer.

Ferzan: Ferhan unterrichtet auch, und manchmal glaube ich, dass sie mich mit einer ihrer Schülerinnen verwechselt. Dann muss ich ihr wieder erklären, dass sie mich nicht unterrichtet.

OÖN: Wer von Ihnen ist die bessere Pianistin?

Schweigen.

Ferzan: Ich sage: Ferhan ist die bessere Pianistin. Aber nur in der Hoffnung, dass sie sagt, ich sei die Bessere.

Ferhan: Jede hat ihre Stärken. Ich bin eher temperamentvoll und bewundere immer, welche feinen und himmlischen Klänge meine Schwester zaubern kann. Das kann ich nicht.

OÖN: Sie sind beide Mutter – wie führt man seine eigenen Kinder unverkrampft an Musik heran?

Ferhan: Von alleine geht gar nichts. Ferzan und ich mussten nicht Klavier spielen, es hätte alles andere sein können, Ballett oder ein anderes Instrument. Heute weiß ich, weil ich eine elfjährige Tochter habe, dass ohne Strenge nicht geübt wird. Bei uns war es der Papa – und heute bin ich dankbar, dass er so streng war.

Ferzan: Mein Sohn ist erst sieben Monate, er weiß noch nicht viel über Instrumente – aber eines seiner ersten wird Schlagzeug sein (Ferzan ist seit 2009 mit dem Multi-Percussionisten Martin Grubinger verheiratet, Anm.).

OÖN: Franz Welser-Möst sagte in einem OÖN-Interview, die Überfluss-Gesellschaft verhindere die Entwicklung guter Musiker. Talente aus einst kommunistischen Ländern Europas würden sich mehr anstrengen. Stimmen Sie dem zu?

Ferhan: Ja, in Österreich fangen Kinder oft erst mit acht, neun damit an, ein Instrument zu spielen. Das ist viel zu spät. Wer ein guter Geiger werden möchte, muss mit fünf beginnen – und zwar ernsthaft, sonst wird es nichts mehr mit einer internationalen Karriere.

OÖN: Das heißt, Eltern müssen mit der Geburt ihres Kindes einen Plan für dessen Musikkarriere haben?

Ferzan: Ja – wir haben auch unseren Plan (grinst). Unser Sohn soll Fußballer werden, da braucht er nicht so bald anzufangen. Ich verrate Ihnen was: Er ist sogar schon Mitglied bei Fenerbahçe Istanbul, wirklich! Mein Papa ist auch noch Fan von Bayern München, zu diesem Klub wird er auch noch müssen.

 

Ferhan und Ferzan Önder

Sie kamen 1965 zur Welt, erhielten ihre solistische Ausbildung zunächst an der Hacettepe-Universität in Ankara, später an der Universität für Musik in Wien bei Noel Flores und Paul Badura-Skoda. Seit ihrem Auftritt bei den Salzburger Festspielen anlässlich der Verleihung des Förderpreises der Stadt Salzburg verbindet sie eine enge künstlerische Zusammenarbeit mit dem Doyen der Klavierduos, Alfons Kontarsky.
Sie begannen erst im Alter von zehn Jahren mit dem Klavierspiel, schon vier Jahre später erhielten sie den Jury Special Award beim Alessandro-Casagrande-Wettbewerb in Terni (Ita). Zahlreiche weitere Preise folgten – zuletzt der erste Preis beim Internationalen Klavierduo-Wettbewerb in Hamburg.
Für ihre Debüt-CD „Vivaldi Reflections” (2001) wurden sie mit dem ECHO Klassik ausgezeichnet.
Ferhan hat eine elfjährige Tochter mit Rico Gulda (dritter Sohn von Friedrich Gulda). Ferzan ist seit 2009 mit dem Salzburger Percussionisten Martin Grubinger verheiratet, die beiden haben einen sieben Monate alten Sohn.

 

Salzkammergut Festwochen Gmunden, 15. Juli – 21. August

Die Salzkammergut Festwochen gibt es heuer zum 25. Mal. Neben einer feinen Auswahl an musikalischen Abenden quer durch alle Genres von Dennis Russell Davies oder Dave Douglas bis zum Oktavian Ensemble ist „Ein Fest für Josef Winkler“ von 28. bis 31. Juli einer der Höhepunkte.
Freunde, Wegbegleiter, Verehrer, Kritiker, Künstler, Germanisten und Journalisten werden die vielfältigsten Schaffensaspekte des Büchner-Preisträgers von 2008 vorstellen.
Dieser Literaturschwerpunkt in Gmunden beginnt mit einem Vortrag von Bernhard Fetz, der gemeinsam mit Hannes Schweiger, Leiter des Literaturarchivs der Österreichischen Nationalbibliothek, die Veranstaltungsreihe moderieren wird.
Anschließend: Josef Winkler mit Franz Schuh im Eröffnungsgespräch unter dem Titel „Die Realität so sagen, als ob sie trotzdem nicht wär“. Josef Winkler wird täglich aus seinen Werken lesen, obendrein wird das Josef-Winkler-Episodenfilmporträt „Der Kinoleinwandgeher“ gezeigt (Stadttheater, 31. Juli, 11 Uhr).
Beim „Philosophischen Fest“ am 19. August im Klostersaal in Traunkirchen (19.30 Uhr) werden Geistesgrößen über „Göttliche Tugenden und Kardinalstugenden“ diskutieren: Franz Schuh (Klugheit), Anton Zeilinger (Hoffnung), Robert Pfaller (Mäßigung), Lutz Ellrich (Tapferkeit), Knut Boeser (Glaube) und Konrad Paul Liessmann (Liebe).

Salzkammergut Festwochen Gmunden
Kontakt/Kartenbestellung:
Festwochenbüro,
Stadttheater Gmunden,
Theatergasse 7,
4810 Gmunden.
Tel: 07612/70630, Fax: 07612/70638, office@festwochen-gmunden.at, Programm: www.festwochen-gmunden.at

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Artikel Peter Grubmüller 07. Juni 2011 - 00:04 Uhr
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