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"Es ist alles weg"

Salzburger Festspiele: Philipp Hochmair sprang am Donnerstag für den erkrankten Tobias Moretti als Jedermann ein und triumphierte mit einer völlig neuen Fassung des Klassikers. Erinnern kann er sich an nichts mehr.

"Es ist alles weg"

Philipp Hochmair nach seinem Triumph Bild: APA

Philipp Hochmair hat das scheinbar Unmögliche möglich gemacht. Nach nur 20 Stunden Vorbereitungszeit und ohne eine einzige Gesamtprobe brillierte der 44-Jährige am Donnerstag als Jedermann bei den Salzburger Festspielen. Ein Gespräch mit dem furiosen Einspringer für den erkrankten Tobias Moretti am Tag danach.

 

OÖNachrichten: Herr Hochmair, herzlichen Glückwunsch zu Ihrem sensationellen Erfolg. Was waren Ihre ersten Gedanken, als Sie heute aufgewacht sind?

Philipp Hochmair: Wir haben es geschafft, wir sind gemeinsam durch eine extreme Situation gegangen. Ich habe eineinhalb Tage vor der Aufführung erfahren, dass Tobias erkrankt ist, und wurde gefragt, ob ich mir zutraue, einzuspringen. Dank allen Kräften ist es uns gelungen, dieses Tor zu schießen.

Wie viel Mut, wie viel Selbstvertrauen, wie viel Verrücktheit braucht man, um die Frage nach dem Einspringen für den Jedermann mit Ja zu beantworten?

Ich habe in der Minute Ja gesagt. Ich war mit meiner Band zusammen, als der Anruf kam. Wir machen gerade eine Platte von meinem Projekt "Jedermann reloaded". Ich war also total in der Materie drinnen und konnte dieses Angebot annehmen.

 

Video: Philipp Hochmair als Jedermann

 

Hört sich einfach an.

Es war mit einer unfassbaren Arbeit verbunden. Ich bin am Mittwochabend um 23 Uhr gelandet. Es war ein riesiges Gewitter über Salzburg und ich durfte wegen der Blitze nicht aus dem Flugzeug aussteigen. Die Zeit ist zerflossen. Es war 20 Stunden vor Stückbeginn und ich hatte gar nichts in der Hand. Ich fuhr direkt vom Flughafen zum Regisseur Michael Sturminger, um die Inszenierung durchzubesprechen.

Die erste Probe gab es also erst am Tag der Aufführung?

Ja. Die Hauptarbeit war: Wie kann man meine Fassung in die Fassung hier integrieren? Ich habe ja eine ganz andere Textfassung zur Verfügung gehabt.

Wie kann das so funktionieren?

Es gibt ja auch Piloten, die gemeinsam mit Crew und Tower im Sturm ein voll besetztes Flugzeug auf den Boden setzen können. Das muss man im Ernstfall können, da muss man darauf vertrauen, dass das Flugzeug sicher ankommt. Zum Glück kann hier ja nichts passieren, außer dass 2400 Leute enttäuscht sind.

Hat Sie nie Panik befallen, dass Ihre Zusage ein ganz großer Fehler war?

Mit Panik darf man dieses Abenteuer nicht antreten. Aber manche Reaktionen von befreundeten Kollegen, die es nicht fassen konnten, haben mich schon noch einmal stutzig gemacht.

Wie haben Sie die letzten Sekunden vor Ihrem ersten Auftritt erlebt – Augen zu und durch?

Augen auf, Herz auf, Ruhe behalten und den Humor bewahren. Humor ist das Wichtigste. Ich muss Brandauer zitieren: Kunst, Handwerk, Heiterkeit, hat er immer gesagt. Der Jedermann steigt ja fröhlich ein, der ist ja am Höhepunkt seines Glücks.

Wie ist das Kunststück gelungen, zwei völlig verschiedene Jedermann-Versionen zu einer stimmigen zu verschmelzen?

Diese Verschmelzung war der einzige Weg für dieses Notszenario. Textlernen war nicht mehr möglich. Ich sprach meine Fassung von "Jedermann reloaded", ich hatte einen Knopf im Ohr und man hat mir die Sätze, die ich nicht kannte, vorgesprochen. Und ich konnte sie nur deswegen nachsprechen, weil ich die Materie und das Stück kannte. Lies’ einmal Jedermann laut vor, und du kommst in ein Fahrwasser, in dem du nicht stehen kannst.

Sie haben also Ihren Text gesprochen …

… und rundherum haben wir den Rest dazugesetzt. Ich habe zum Beispiel in größeren Monologen Ausflüge gemacht, die der Rest des Ensembles noch nie gehört hat. Die haben ja eine andere Strichfassung und waren ganz überrascht, das Stück völlig neu zu hören.

Wie hat man Sie dann wieder ins aktuelle Stück zurückgeholt?

Wenn ein Monolog unterbrochen wurde, hat die Souffleuse einfach Stopp gesagt. Dann kam die Gegenreplik und dann habe ich wieder weitergesprochen. Und ich bekam so viel Unterstützung von den Kollegen. Ich wusste ja in vielen Szenen gar nicht, wo ich hingehen muss. Ich bin noch nie so oft am Arm gepackt oder gezwickt worden … Oder es hat mir jemand gesagt, du musst jetzt das und das machen. Das war Theater im ursprünglichsten Sinn.

Was ist hinter den Kulissen passiert, als der Vorhang gefallen ist?

Große Freude. Es war wie beim Fußball, alle auf mich rauf. Ich war einfach so froh, dass wir alle so gut zueinander waren. Die Kollegen auf der Bühne, die Technik, da sind so viele Leute beteiligt. Dass so viele Zahnräder ineinandergegriffen haben, war das Schönste.

Am Samstag stehen Sie wieder auf der Jedermann-Bühne. Ist die zweite Vorstellung vielleicht sogar noch schwieriger als die Premiere?

Wir haben heute noch eine Probe, um das zu verarbeiten, was war, um einen professionellen Rahmen dafür zu bekommen, was gestern intuitiv geklappt hat. Aber die Karten werden ohnehin immer wieder neu gemischt.

Haben Sie noch eine Erinnerung an die gestrige Aufführung?

Es ist alles weg.

 

Doppelte Premiere: Das erste Mal mit Philipp Hochmair

Von Claudia Riedler

Die Enttäuschung war groß, als am Mittwochnachmittag bekannt wurde: Tobias Moretti ist an einer Lungenentzündung erkrankt. Er kann den Jedermann nicht spielen.

Eine Absage? Gott sei Dank nicht. Philipp Hochmair erklärte sich bereit, einzuspringen. Und so wurde meine Premiere beim Jedermann auch seine Premiere.

Kann er das schaffen? Wie nervös ist er? Die Gespräche beim Einlass auf den Domplatz mit der beeindruckenden Bühne waren alle ähnlich. Spannung lag in der Luft. Befeuert wurde diese noch durch den Auftritt von Schauspielchefin Bettina Hering. Vor knapp 30 Stunden habe Hochmair von seinem Schicksal erfahren, allerdings sofort eingewilligt und nur eine kurze Probe am Nachmittag gehabt. Es klang wie eine Entschuldigung.

Doppelte Premiere Das erste Mal mit Philipp Hochmair

Bitte, kein Hänger!

Diese wäre nicht nötig gewesen. Denn dann kam er auf die Bühne: Philipp Hochmair, dem der Jedermann so richtig gut stand. In den ersten Minuten – das muss ich gestehen – litt ich noch ein wenig an Lampenfieber. Ich wünschte ihm, dass er es schafft. Bitte, bitte, kein Hänger! Hilfe hatte er durch ein „Knopferl“ im Ohr. Ferngesteuert wirkte er aber nicht. Eher wie im Spielrausch. Und wenn er manchmal zum Reden ansetzte, auch wenn eigentlich seine Buhlschaft oder die Musik dran gewesen wären, agierte er cool weiter.

Nach nur eineinhalb Stunden – angeblich schneller als sonst – war das Spektakel leider schon wieder vorbei. Ein durchgeschwitzter Philipp Hochmair kam auf die Bühne, alle standen und klatschten – und ihm fiel fast hörbar ein riesiger Stein vom Herzen.

Alles gut gegangen. Küsschen fürs Publikum und seine Kolleginnen und Kollegen, die ihn durchs Stück getragen hatten. Bis zum nächsten Mal – mit Tobias Moretti? – bleibt Philipp Hochmair mein Jedermann.

 

 

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Artikel Helmut Atteneder 11. August 2018 - 00:05 Uhr
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