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Die kulturwissenschaftliche Sau

Die Sechzigerjahre auf dem Bauernhof aus der Perspektive eines damals Zwölfjährigen – und die Klugscheißerei der Poststrukturalisten. Das Autoren-Duo Klaus Buttinger und Dominika Meindl überrascht mit einer pfiffigen Satire.

Die kulturwissenschaftliche Sau

Klara ist das A und O des schrillen Heimatromans „Die Sau“. Bild: DPA

Dr. Hiob Faustinger, habilitierter Biologe und Gentechniker, ist ledig, Vegetarier, Antialkoholiker und Nichtraucher. So viel Askese auf einmal ist verblüffend, wenn man Herkunft und Sozialisation des 58-Jährigen bedenkt. Auskunft darüber gibt uns Faustinger selbst, indem er schriftliche Dokumente aus seiner Kindheit vorlegt. Als Zwölfjähriger hatte Hiob autobiografische Schilderungen verfasst, die er Jahrzehnte nach ihrer Entstehung wieder hervorholte, um seine „Kindheit abzuklären“.

Wenn wir davon ausgehen, dass der Protagonist 1952 das Zwielicht der bäuerlichen Welt erblickte, dann fällt seine Kindheit am oberösterreichischen Bauernhof in die Sechzigerjahre.

Die Sau Klara ist das A und das O dieses schrillen Heimatromans. Klara steht am Anfang und sie wird am Ende stehen, um in Bratenform das Ihre zum Begräbnis der Oma beizutragen. Dazwischen gibt es eine ganze Menge Landleben, wie wir es aus der österreichischen Antiheimatliteratur kennen: Der Opa, ein „Politischer“, der das KZ überlebt und sich eher versehentlich auf den Bauernhof verirrt hat, betreut liebevoll sein Cannabis-Garterl. Knecht Bertl beglückt Bäuerin und Volksschullehrerin zu gleichen Teilen. Die Oma verliert vor dem Fernsehapparat ihr Denkvermögen. Der Pfarrer trinkt sich Mut an, bevor er den kleinen Buben geistlichen Trost spendet. Und wenn nicht gearbeitet wird, dann wird gekartelt, getrunken, geflucht und gerauft.

So weit, so bekannt, wird man sagen. Die Originalität dieses „voll argen Heimatromans“ besteht weniger in dem, was da erzählt wird, sondern eher im Wie des Erzählens. Klaus Buttinger imitiert auf vergnügliche Weise die Sprache eines naiven, dialektgeprägten Zwölfjährigen: „Dem Bertl, der was unser Knecht ist seit zwei Lichtmess’, ist das Saustechen immer auf den Arsch gegangen. Weil er hat die Darm waschen müssen…“ Gut, ein bisschen kennt man das auch – vom frühen Alois Brandstetter in der milderen, von Reinhard P. Grubers „Hödlmoser“ in der schärferen Variante.

Reflexionen im Geist

Die eigentliche Innovation liefert die „Philo-Psychologin“ Magistra Monika Mendl (hinter der Buttingers Co-Autorin Dominika Meindl steckt) mit ihren Reflexionen im Geist der „cultural studies“. Geschult an Derrida und Lacan jagt die Interpretin Hiobs Bubenaufsätze durch alle Höhen und Tiefen des Poststrukturalismus: „Als retardierendes Moment schiebt sich nun eine Retrospektive ins Sau-Narrativ. Akteure dieser phylogenetischen Stammesgeschichte sind die Großeltern des Erzählers.“

Eine böse Satire auf das Wortgeklingel der Postmoderne! In dieser Kombination von grellem Antiheimatroman und dekonstruktivistischer Wissenschaftsprosa bewährt sich „Die Sau“ als Lesevergnügen der besonderen Art.

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Artikel Von Christian Schacherreiter 20. Oktober 2010 - 00:04 Uhr
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