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Die Selbstreflexion in sozialen Medien

Kulturhistoriker Thomas Macho sprach mit den OÖNachrichten über den Wandel von Vorbildern und neue Bilder des Grauens.

Die Selbstreflexion in sozialen Medien

Ab März 2016 leitet Macho das Forschungszentrum Kulturwissenschaften. Bild: (KF)

Zuletzt war Thomas Macho (63) Direktor des Instituts für Kulturwissenschaft an der Humboldt-Universität in Berlin. Im März 2016 wird er die neue Leitung des IFK (Internationales Forschungszentrum Kulturwissenschaften) an der Kunstuni Linz übernehmen.

 

OÖNachrichten: Inwiefern hat Linz seine kulturgeschichtliche Bedeutung in den vergangenen Jahren verändert?

Thomas Macho: Der Wechsel von der Industriestadt zur Kultur- und Medienstadt, die spätestens seit dem Kulturhauptstadtjahr 2009 noch an Bedeutung gewonnen hat, ist beeindruckend. Inzwischen kann ich Berliner Freunde problemlos dazu verführen, zu Ausstellungen nach Linz zu kommen. Die Stadt hat den großen Sprung in eine neue Identität geschafft.

Sprechen Sie von einer eigenen Identität oder – einem Ihrer Bücher entsprechend – auch von der Synchronisation der Kultur?

Die Geschichte mit Kopie und Original ist nicht so leicht auflösbar, weil Linz natürlich auch Arbeiten von Künstlern zeigt, die in der ganzen Welt ausstellen. Was ich in Linz obendrein großartig finde, ist der überschaubare Rahmen. Man kommt hierher und kann ins Schloss genauso gehen wie an die Donaulände, es gibt viele Festivals, in Urfahr das Ars Electronica Center, und dazu kommt eine vitale Kunstszene, die experimentell aufregende Aktionen wagt.

Sehen Sie hinter alldem ein kulturpolitisches Konzept, oder ist es das Ergebnis erfreulich unruhiger Geister?

Es ist beides. Natürlich würden die unruhigen Geister ohne kulturpolitische Unterstützung auf Dauer Schiffbruch erleiden.

In einem Ihrer Bücher beschäftigen Sie sich mit Vorbildern. Wie haben sich diese in den vergangenen Jahren verändert?

Früher haben wir Vorbilder über Texte und Narrationen entwickelt. Das heißt, wir haben eine Lebensgeschichte gewählt, die wir von Erzählungen als bewundernswert erachtet und auf das eigene Leben bezogen haben. Heute sind es Bilder. Es geht häufig um das Aussehen eines Menschen. Dieser Wandel hat positive Seiten, aber ein negativer Aspekt ist, dass das bloße Aussehen von der Möglichkeit, das eigene Leben dementsprechend zu gestalten, begrenzter ist. Es ist ein großer Unterschied, ob ich beschließe, auf Fleischverzehr zu verzichten – oder ob ich nur aussehen möchte wie ein magerer Mensch.

Heißt das, früher waren Menschen klugen Köpfen hinterher – heute bloß der Ästhetik?

Zu Zeiten des Geniekults im 19. Jahrhundert war das Wissen über das Werk eines Autors auch begrenzt. Die Verschiebung auf Bildmedien ist ein Problem, weil Bilder anders wirken als Erzählungen. Ich sehe dennoch die Gegentendenz, dass soziale Medien zu Foren von Erzählungen über sich werden. Es gibt eine Blüte neuer Arten von Egotexten, der Beschreibung von Krisen, von Trauer. Also beginnen viel mehr Menschen als noch vor 100 Jahren zu schreiben.

Handelt es sich dabei nicht auch um innere Monologe, die jetzt mehr Öffentlichkeit bekommen?

Das stimmt, aber das bedeutet auch eine Form von Selbstreflexion. Je mehr Menschen in der Lage sind, eigene Erfahrungen darzustellen, desto eher lernen sie, Erfahrungen anders zu verarbeiten.

Sie haben sich intensiv mit der Kulturgeschichte des Grauens – mit der Technik der Schmerzen – beschäftigt. Worüber würde ein Autor in 100 Jahren schreiben, sofern er die Kulturgeschichte heutiger Schmerzen reflektierte?

Aus großer Distanz wird auffällig werden, dass einer der Effekte der Katastrophen des 20. Jahrhunderts, aber auch der Verlust der Glaubensvorstellungen dazu geführt haben, dass Suizid enttabuisiert wurde. Der Politik wird obendrein klar, dass Menschen, die bereit sind, ihren eigenen Tod zu inszenieren, durch Machtapparate nicht kontrollierbar sind. Vielleicht würde ein Historiker in 100 Jahren nicht das Grauen sehen, sondern eher die Faszination für den selbst gewählten Tod.

Interessant ist, dass Sie die digitalisierte Form der Schmerzen nicht erwähnt haben.

Das stimmt. Es sind Bilder des Grauens auf eine Weise einflussreich geworden, wie es bisher nicht bekannt war. Ein Schlachtfeld in den Kriegen des 19. Jahrhunderts war bestimmt nicht weniger grauenvoll als heute, aber es gab kaum Bilddokumente. Trotzdem ist es nicht so, dass dadurch das Grauen sichtbarer wird und eine politische Sensibilisierung entsteht, die es früher nicht gab.

 

Thomas Macho

Macho wurde 1952 in Wien geboren, er studierte Philosophie, Musikwissenschaft, Pädagogik und promovierte 1976 an der Uni Wien; 1984 Habilitation für Philosophie an der Uni Klagenfurt (mit einer Schrift über Todesmetaphern). 1987–1992 Leiter des Studienzentrums für Friedensforschung in Stadtschlaining; 1993 Berufung auf den Lehrstuhl für Kulturgeschichte an der Humboldt-Universität Berlin, ab 2009 Direktor des dort neu installierten Instituts für Kulturwissenschaft.

IFK: „Internationales Forschungszentrum Kulturwissenschaften“ ist seit 1992 ein international renommiertes Wissenschaftskolleg für interdisziplinäre Kulturstudien mit Standort Wien und seit 2015 in die Kunstuni Linz integriert.

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Artikel Peter Grubmüller 25. August 2015 - 00:04 Uhr
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