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Die Netzwerke der Burschenschaften

Geschichtsexperte Hans Magenschab, ehemals Pressesprecher von Bundespräsident Thomas Klestil, nennt sie die „geheimen Drahtzieher“ und meint damit die Studentenverbindungen in Österreich. Ein Gespräch über katholische Netzwerke, Nationalismus und Antisemitismus.

Die Netzwerke der Burschenschaften

Festkommers: Einfluss von Studentenverbindungen sei zurzeit größer denn je, sagt Politikwissenschafter Magenschab. Bild: APA

OÖN: Der Einfluss von Studentenverbindungen in Politik und Wirtschaft sei größer denn je, schreiben Sie. Wie kommen Sie zu dieser Ansicht?

Magenschab: Zu dem Urteil kommt jeder, der die Sache ein wenig beobachtet. In Wirtschaft und Politik sind wieder verstärkt Farbstudenten anzutreffen. Von 1968 an bis in die 1980er-Jahre hinein gab es eine Entwicklung, in der jedermann geglaubt hat, das Farbstudententum wird absterben wie viele andere Vereinigungen auch. Das war nicht der Fall.

OÖN: An welchen Schaltstellen sitzen denn Mitglieder von Studentenverbindungen?

Magenschab: Nehmen Sie die ÖVP her. Deren derzeitige Führung besteht aus lauter CVern, also Mitgliedern des Cartellverbandes der katholisch-österreichischen Studentenverbindungen. Selbst die Justizministerin gehört einer weiblichen, katholischen Verbindung an, ist also auch CVerin.

OÖN: Wie weit sind die oft deutsch-nationalen, schlagenden Burschenschaften in Österreichs Politik vorgedrungen?

Magenschab: In der Hoch-Zeit von Jörg Haider ist ein großer Zustrom erfolgt. Da gab es auch beachtliche Zuwächse bei den Mitgliedern. Der Zulauf ist allerdings seit dem Ausscheiden der FPÖ aus der Bundesregierung weniger geworden. Dennoch ist die Führungsgarnitur der FPÖ fest in der Hand von Burschenschaftern.

OÖN: Das bildet sich in Person des dritten Nationalratspräsidenten Martin Graf ab …

Magenschab: … und beim Chef der FPÖ sowie bei den Leuten, die sie nach Europa entsenden, etwa Andreas Mölzer.

OÖN: Wie kam es, dass sich viele der schlagenden Studentenverbindungen ausgerechnet in Österreich am rechten beziehungsweise rechtsextremen Rand des politischen Spektrums ansiedelten?

Magenschab: Das Bildungsbürgertum in Österreich hat sich schon seit dem Ende der Monarchie dem deutschnationalen Auftrag verpflichtet gesehen. Man wollte nicht nur weg von Rom, sondern hin zu Preußen. Der Gedanke des Anschlusses ist von den Burschenschaftern und den Corps – die man hier nicht vergessen sollte – getragen worden und hat den Untergrund der Gesellschaft – auch den intellektuellen – in der Donaumonarchie einseitig und ganz massiv beeinflusst. Nehmen Sie nur her, was sich rund um die Entstehung des Antisemitismus abgespielt hat. Dieser ist in Österreich weit vor Hitler geboren worden, nämlich auf dem Kongress der Burschenschafter in Waidhofen.

OÖN: Wann war der?

Magenschab: 1893. Damals wurde von den deutschen und österreichischen Burschenschaften der Beschluss gefasst, dass Juden nicht mehr Angehörige einer Burschenschaft und auch nicht mehr satisfaktionsfähig für Mensuren (stark reglementierter Fechtkampf, Anm.) sein dürfen. In Waidhofen wurde der Satz geboren: „Was der Jude glaubt, ist einerlei, in der Rasse liegt die Schweinerei.“ Das ist eine eindeutige rassistische Aussage.

OÖN: Burschenschafter vom extrem rechten Rand sprechen sich vom Nationalsozialismus gerne mit dem Argument frei, ihre Burschenschaft sei während der Herrschaft Hitlers verboten gewesen? Inwieweit ist das eine bloße Schutzbehauptung?

Magenschab: Verboten waren die Burschenschaften aus anderen Gründen. Sie haben nicht in Hitlers Konzept gepasst. Er hat vom Farbstudententum allein deswegen nichts gehalten, weil er nie Mitglied werden konnte, hat er doch die Matura nicht geschafft. Nach seiner Machtergreifung in Deutschland 1933 war eine der ersten Maßnahmen die Fast-Liquidierung der Burschenschaften; die katholischen hat er ja erst 1938 auflösen können, als er in Österreich einmarschiert ist.

OÖN: Wurde nach 1945 auf den Buden der Studentenverbindungen sofort weitergemacht?

Magenschab: Nein. Die Besatzungsmächte haben nach 1945 ein Veto gegen alle Studentenverbindungen eingelegt. Erst nach einer Schrecksekunde und dem persönlichen Einsatz von CVern unter Bundeskanzler Leopold Figl konnten katholische Verbindungen wieder begründet werden. 1950 hat es dann bei den schlagenden Verbindungen wieder begonnen, wobei das Mensurenschlagen sowohl von den Alliierten wie auch von der österreichischen Politik und Justiz verboten war.

OÖN: Warum kam das Verbot ab?

Magenschab: Das ist Schritt für Schritt gelockert worden auf Betreiben verschiedener Persönlichkeiten aus dem FPÖ-Lager. In Deutschland war es schon seit 1950 wieder erlaubt, Mensuren zu schlagen.

OÖN: Was halten Sie von solchen Ritualen?

Magenschab: Jedes Kind wird von den Eltern im Auto angeschnallt, jeder Autofahrer muss den Gurt anlegen. Es darf also niemandem etwas passieren. Nur Mensuren sind erlaubt. Deswegen, weil man das höchst blutige Geschäft freiwillig betreibt? Das ist eine höchst obskure Philosophie, die hier die österreichische und die deutsche Justiz anwenden.

OÖN: Warum sind solche Studentenverbindungen nur in deutschsprachigen Ländern entstanden?

Magenschab: Das ist ein sehr interessantes Phänomen. Studentenverbindungen in Frankreich, Italien oder in den USA sind lockere Vereine – etwas ganz anderes als bei uns. Was sich hier abgespielt hat, war immer zentral politisch, weil CVer und Burschenschafter wussten, wo sie anzusetzen hatten, um ihre politischen Ziele zu erreichen.

OÖN: Politische Ziele zu verbreiten, ist ja generell legitim. Aber was ist am deutschen Denken so fatal, dass man sich gegenseitig das Gesicht zerschneidet?

Magenschab: Da steckt wohl eine eigenartige Philosophie dahinter. Schon die Kinder im deutschsprachigen Raum wurden und werden mit einer Welle von Gewalt im Kinderzimmer konfrontiert. Schauen Sie sich die Märchen der Gebrüder Grimm an, aber auch den Struwwelpeter oder Max und Moritz. Das geht ja blutig bis letal aus. Weiter geht es in die Welt des Karl May; dabei wird der Marterpfahl als etwas Positives beschrieben. Wer im Milieu der Gewalt aufgewachsen ist, hat nichts dabei empfunden, sich einer Mensur zu stellen und es als besonders mannhaft anzusehen, nicht zurückzuzucken, sondern den Kopf hinzuhalten, damit man eine drauf kriegt.

OÖN: Was sagt man einem Jugendlichen, der für solche Ideen zu schwärmen beginnt?

Magenschab: Man muss versuchen, klar zu machen, dass Blut ein besonderer Saft ist. Und man muss ja nicht just einer solchen Verbindung beitreten, in der das Mensurfechten eine Verpflichtung ist.

OÖN: Treten junge Menschen Verbindungen bei, weil Netzwerke – um nicht zu sagen Freunderlwirtschaft – wichtiger werden?

Magenschab: Ich unterstelle, dass es natürlich junge Leute gibt, die Verbindungen beitreten, weil sie sich davon beruflich etwas erwarten. Je schlechter die Zeiten, desto mehr Zulauf haben die Farbstudenten. Das lässt sich aus Statistiken ablesen. Ich bin also nicht generell gegen Studentenverbindungen. Gewisse Auswüchse sollte man allerdings beschneiden.

OÖN: Und die wären?

Magenschab: Es muss gelten, dass Studentenverbindungen ihren Mitgliedern zu einem guten Studienerfolg verhelfen. Nicht den ganzen Tag auf der Bude verbringen und für die Verbindung Tanzabende und Ausflüge organisieren, sondern in der eigenen Stube auch tatsächlich lernen. Das ist eine Forderung, die immer wieder von Universitäten kommt. Auf der anderen Seite sind unter den Sub-auspiciis-Promovenden immer wieder Couleur-Studenten zu finden. Weiters ist es an der Zeit, dass die Justiz überprüft, ob die blutigen Pflichtmensuren zugelassen bleiben. Die muss man verbieten – und das ist eine Forderung, die unseren Politikern nachdrücklich ans Herz zu legen ist.

Über den Buchautor

Hans Magenschab (72) studierte Rechts- und Politikwissenschaft und war als Journalist (u.a. beim „Kurier“, bei der „Furche“ und „Wochenpresse“) tätig. Er gestaltete zahlreiche TV-Dokumentationen zur europäischen Geschichte. Später arbeitete er als Pressesprecher des österreichischen Bundespräsidenten Klestil. Das Buch „Die geheimen Drahtzieher“ ist im Styria-Verlag erschienen und kostet 24,99 Euro.

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Artikel 12. November 2011 - 00:04 Uhr
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