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„Der Stadl ist Geborgenheit, die man sich ins Wohnzimmer holt“

Andy Borg

Seit September 2006 leitet Andy Borg die Geschicke des »Stadl«. Morgen meldet sich der 51-Jährige aus Linz und am 31. Dezember zum »Silvesterstadl« aus Graz. Bild: ORF

Als am 5. März 1981 in der Stadthalle Enns Slavko Avseniks „Trompetenecho“ zu Beginn des ersten „Musikantenstadls“ erklang, war noch keineswegs abzusehen, dass das die Geburtsstunde eines einzigartigen Fernseherfolgs war. Bis heute sprechen Kritiker von Volksverblödung, bemängeln Brauchtumshüter die fehlende Authentizität. Und doch: 30 Jahre und 191 Ausgaben später ist die polarisierende Volksmusiksendung noch immer erfolgreich und beliebt. Was ist das Geheimnis?

„Der Musikantenstadl ist Geborgenheit, die man sich ins Wohnzimmer holt“, sagt Susanne Binder, Lektorin am Institut für Kultur- und Sozialanthropologie der Universität Wien und Herausgeberin der Studie „Der Musikantenstadl: Alpine Populärkultur im fremden Blick“. Denn zwischen Bierbänken mit Plastiktischdecken und kitschigen Kulissen ist die Welt noch in Ordnung. Die Lieder von Stefan Mross, den Kastelruther Spatzen oder Andreas Gabalier über die ewige Liebe, das Kircherl im Dorf und den neuen Traktor halten Werte der Vergangenheit hoch: die klassische Rollenverteilung zwischen Mann und Frau, Treue, Zusammenhalt, Familie – und nicht zuletzt die enge Verbundenheit zur Heimat.

„Gegen die Heimat ist kein Kraut gewachsen“, sagte einmal der Volksmusik-Produzent Hans Beierlein. Da hat er recht. Paradoxerweise ist es gerade die Globalisierung, die der volkstümlichen Musik einen Popularitätsschub bescherte. „Viele Menschen befürchten die Entstehung einer grauen Einheitskultur, in der sich Werte und Normen aus aller Welt vermischen“, sagt die Anthropologin. Um dieser Entwicklung entgegenzuwirken, habe sich ein starker Trend zur Lokalisierung und Regionalisierung entwickelt. Der „Stadl“ nimmt in diesem Zusammenhang die Funktion einer Traumwelt ein. Einer heilen Welt, die in Kontrast zur harten und kalten Realität steht. Verunsicherte, die sich im weltweiten Dickicht aus McDonald‘s, Apple und Facebook nicht zurechtfinden, finden in der Volksmusiksendung für zwei Stunden jene Beständigkeit und Harmonie vor, die im realen Leben immer weniger vorhanden ist. Binder: „Ohne Globalisierung gäbe es sicher keinen derart starken Rückzug auf die Volkskultur.“ Oder anders formuliert: Der „Stadl“ gibt Halt in einer Welt, die sich ständig verändert.

Und auf der Suche nach Halt sind heutzutage viele Menschen. Junge und Alte, Reiche und Arme, Männer wie Frauen. Studien zeigen, dass der „Musikantenstadl“ von Personen aller sozialen Schichten gesehen wird. Wobei Landwirte am häufigsten, Beamte und Angestellte hingegen nur selten einschalten, wenn Moderator Andy Borg „Jetzt ist Stadlzeit!“ ruft. 70 Prozent der Zuseher sind über 50 Jahre alt. Auffällig ist der Anteil der über 75-Jährigen, der 21 Prozent der Zuschauer ausmacht.
Ein Ende des Erfolgslaufs ist aber trotz des fortgeschrittenen Alters des Publikums nicht in Sicht. Knapp 100 Millionen Euro setzen Hansi Hinterseer, Nik P. und Kollegen derzeit pro Jahr um – Tendenz steigend. Trotz Wirtschaftskrise. Oder vielleicht gerade deswegen. Denn Krisen fördern das Schutzbedürfnis des Einzelnen und den Wunsch, irgendwo dazuzugehören. Und wenn es nur für zwei Stunden ist. Ganz ehrlich: Wer wünscht sie sich denn nicht, die heile Welt, so brüchig sie auch sein mag?
 

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Artikel Lukas Luger 18. November 2011 - 00:04 Uhr
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