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Das Bebildern von Romanen ist noch kein Theater

Salzburger Festspiele: Jubel für das Schauspiel-Ensemble nach sechsstündiger "Hunger"-Premiere, Buh-Rufe für Regisseur Castorf.

Das Bebildern von Romanen ist noch kein Theater

Sophie Rois und Marc Hosemann Bild: APA

Wenn der unbezähmbare Regie-Tiger Frank Castorf (67) in die Salzburger Festspiel-Voliere gelassen wird, dann zieht er sein Ding durch. Dass er Vögel aufschreckt, ist ihm so egal wie die Frage, ob er das Publikum erreicht. Seine zur sechsstündigen Operation schmerzhaft aufgeblähte Beschäftigung mit den Romanen "Hunger" (1890 erschienen) und "Mysterien" (1892) des norwegischen Schriftstellers Knut Hamsun am Samstag bei den Salzburger Festspielen auf der Halleiner Pernerinsel spannt den Bogen nicht zu neuen Erkenntnissen, sondern sie feiert ein Schauspieler-Fest in prächtigen Bildern. Jene zwei Drittel des Publikums, die bis zum Ende ausharren, bejubeln die Darsteller.

Castorf muss sich Buh-Rufe gefallen lassen, genauso wie den Vorwurf, als Wiederholungstäter zu verblassen. Zwei Leinwände, zwei Kamerateams und leicht entflammbare Hysterie sind bei ihm Standard. Zum Glück auch der wunderbare Bühnen-Zauberer Aleksandar Denic, der ein 360-Grad-Norweger-Holzhaus auf die Drehbühne stellt, das alle Stückerl spielt: Es ist Pfandleiher-Büro, abgetakelte McDonald’s-Filiale, Fahrradstall, Gefängnis, Auffangbecken gefallener Frauen und Schreibkammer des ausgemergelten Journalisten, dem Helden aus "Hunger". Und es muss Castorf ein Vergnügen gewesen sein, mit Akribie Nazi-Symbole anbringen zu lassen: hier die Hausnummer 88 für den Fast-Food-Imbiss, dort SS-Runen auf einem Wikinger-Boot, da noch ein Hakenkreuz samt Werbung für Schokolade der Soldaten des Dritten Reichs. Alles ist vom braunen Mief durchtränkt.

Das Bebildern von Romanen ist noch kein Theater

Hamsun, der Kollaborateur

Hamsun (1859–1952) verehrte die Nazis, er begegnete Hitler auf dem Obersalzberg und schenkte Goebbels seine Literaturnobelpreis-Medaille von 1920. Wegen Kollaboration wird er nach dem Krieg zu einer Geldstrafe verurteilt, sein Sohn muss jahrelang ins Gefängnis. Das alles taucht in Bildern, Filmen und Anspielungen auf. Dazu hat Castorf wesentlich mehr zu sagen als zu den Romanen, die sich während dieser dramatisierten Langstrecke nie in Theatertexte verwandeln.

"Swastika, Swastika", schreit der chronisch erregte Marc Hosemann zu Beginn, und alle sieben Akteure stimmen in die Beschwörung des als Nazi-Logo missbrauchten indischen Glückssymbols ein. Kurz danach ist er der "Hunger"-Held, der mit knurrendem Magen wie ein heruntergekommener Wolf durch die Straßen trottet. Die Not wird so groß, dass er vom eigenen Finger abbeißt. "Hunger" vermischt sich mit "Mysterien", bei dem es sich gewissermaßen um eine Neuschreibung von Hamsuns Debüt unter veränderten Umständen mit dem Sonderling Johan Nagel im gelben Anzug und Blausäure in der Tasche handelt. Er zerzaust die Regeln eines verschlafenen Städtchens und nimmt sich nach unerfüllten Verliebtheitsphasen das Leben.

Die Stränge werden parallel, aber nicht chronologisch geführt. Alle tragen gelbe Anzüge – und jeder ist besonders. Die famose Sophie Rois ist zart und angriffslustig in einem, Kathrin Angerer und Lilith Stangenberg sind gedemütigte Frauenfiguren, deren Schmerz das Publikum am Kragen packt. Daniel Zillmann, Josef Ostenhof und Lars Rudolf verströmen eine furchterregende Intensität ihrer wechselnden Gestalten. Abgeschlagen bleibt der junge Rocco Mylord, ein Sohn Castorfs, der ob der Klasse seiner wie gegen das Ertrinken rackernden Kollegen einem zu früh zum Meisterstück vorgelassenen Lehrling gleicht.

Die Spirale dreht sich in den Untergang, aber Castorf mag sie dort nicht ankommen lassen, weil er Idee um Idee einflicht, die das Ende zur nervenden Strapaze ausdehnt. Vor lauter Bebilderung vergisst er auf das Erzählen.

Fazit: Frank Castorf hat sein Interesse für Knut Hamsun entdeckt und ist bei der Erfassung von dessen Leben und Werk in der Experimentierphase stecken geblieben. Ein "Hunger", der mit Kubikmetern heißer Luft nicht gestillt wurde.

Schauspiel: "Hunger", nach Knut Hamsuns Romanen "Hunger" und "Mysterien" in einer Fassung von Frank Castorf. Regie: F. Castorf. Uraufführung: 4. August, Salzburger Festspiele, Pernerinsel Hallein. Termine: 6., 10., 11., 13., 15., 17., 20. August.

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Artikel Peter Grubmüller 06. August 2018 - 00:05 Uhr
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