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"Bitte nehmt’s nicht die alten Farbtöpfe"

Am Dienstag, 19.30 Uhr, gastiert der "Concentus Musicus" unter Stefan Gottfried im Linzer Brucknerhaus.

"Bitte nehmt’s nicht die alten Farbtöpfe"

"Concentus Musicus" spielt am Dienstag im Brucknerhaus Musik von Beethoven, Bruckner und Mendelssohn. Bild: CM

Am 5. Dezember 2015, einen Tag vor seinem 86. Geburtstag, reichen bei Nikolaus Harnoncourt die körperlichen Kräfte nicht mehr aus. Der genial-meisterhafte Dirigent und Wiederentdecker der Aufführungspraxis mit historischen Instrumenten übergibt die Leitung seines Orchesters "Concentus Musicus" an Stefan Gottfried. Wie der 47-jährige Dirigent, Pianist und Cembalist mit diesem Erbe umgeht, lesen Sie im Interview.

 

OÖNachrichten: Herr Gottfried, mit welchen Worten hat Ihnen Nikolaus Harnoncourt seinen Concentus Musicus übertragen?

Gottfried: Pointiert, wie er immer war, sagte er: "Aber nehmt’s bitte nicht die alten Farbtöpfe. Ihr müsst euren Weg finden und dann werdet ihr sehen, wohin das führt." Authentisch im wahren Sinn muss durch die eigene Person erfüllt sein und darf daher nicht einmal ein Versuch einer Kopie sein.

Wenn Kopieren sinnlos und vielleicht auch respektlos ist: Was machen Sie anders als Nikolaus Harnoncourt?

Dieses scheinbare Paradoxon, wir machen es anders und sind trotzdem von ihm geprägt worden, finde ich ganz gut als Beschreibung. Wir haben diese Sprache gelernt mit Mut zu Extremen und zum Affekt. Es wurde in langer Zeit eine gemeinsame Sprache entwickelt, die sich auf eine sehr neugierige Quellensuche stützt. Mit welchem Klang im Ohr haben Komponisten Musik gemacht?

Haben Sie sich je gefragt, warum Sie der "Auserwählte" waren?

Ich bin als Cembalist in die Opernproduktionen hineingewachsen. Da war immer dieses geschenkte Vertrauen.

Was hat Nikolaus Harnoncourt ausgemacht, das Sie bis heute mitnehmen?

Intensiv das Leben auskostend, mit einer unglaublichen Neugier begeisternd und anstachelnd und sich selbst bis zum Letzten fordernd. Jeden Federstrich eines Komponisten-Autographen hat er akribisch untersucht, um irgendwann – so hat er immer gesagt – in die Haut des Komponisten kriechen zu können. Bei der Umsetzung dieser Arbeit ging es ihm nicht um ein Nachpinseln. Es musste ein Anliegen von jetzt sein.

Wie entstand Ihre Liebe zur Originalklang-Musik?

Das hat ganz stark mit Concentus zu tun. Ich bin in der Oberstufe darauf gestoßen, habe Harnoncourts Bücher verschlungen. Dann habe ich mich versteckt und zu Proben im Wiener Musikverein geschlichen. Das Vergangene wiederbeleben ist die Faszination.

Sie haben neben Musik auch Mathematik studiert. Ist Musik eine Art Mathematik nach Noten, mit dem Unterschied, dass es in der Musik nicht das eine, einzig richtige, Ergebnis gibt?

Eine Partitur als riesige Matrix ist ein schönes Bild. Da gibt es ganz viel an Verwandtschaft. Und dann ist es in der Musik wieder schön, was der Mensch daraus macht mit dem intensiven Bedürfnis sich auszudrücken. Das kann man nicht schwer in Gleichungen fassen. Da geht es um Intuition und Gespür.

Am 2. Oktober spielen Sie auch Bruckner. Und zwar die Urfassung des zweiten Satzes seiner ersten Sinfonie. Ein Spielfeld wie geschaffen für den Concentus.

Dieser Bruckner-Sound hat mich immer gefesselt. Diese große Symphonik, die aus seinen Volksmusik-Wurzeln und den Choralthemen, die aus seinem tiefen Glauben kommen. Aus dem Orchester macht er eine riesige, lebende, virtuelle Orgel. Das zu erleben war für mich sehr spannend, da tut sich ein aufregender Brucknerkosmos auf.

Nikolaus Harnoncourt hat nie einen Taktstock verwendet. Sie?

Wenn ich ein Staberl nehmen würde, wäre es für mich nicht stimmig.

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Artikel Helmut Atteneder 29. September 2018 - 00:04 Uhr
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