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„Attila“ als Spiegel einer kranken Gesellschaft

Verdis Oper in der umstrittenen Regie von Peter Konwitschny löste Schreiduelle beim Publikum aus.

„Attila“ als Spiegel einer kranken Gesellschaft

Lucrezia Garcia (Odabella) Bild: APA

Die Premiere hätte fast ein Skandal werden können. Vor dem letzten Akt gab es lautstarke Missfallenskundgebungen, als sich Konwitschny-Gegner mit Befürwortern Schreiduelle lieferten. Konwitschny ist nie ein bequemer Regisseur, der bloß das Stück inszeniert, sondern der immer seine eigene Interpretation auf die Bühne stellt und dabei an die Grenzen des guten Geschmacks geht bzw. in diesem Fall das Publikum mit Wahrheiten brüskiert.

Seine Hunnen sind keine historischen Helden, sondern eine Horde flegelhafter Buben, die mit Küchenutensilien Krieg führen. Attilas Heerscharen sind keine Ordnungsmacht, sondern ein korrupter Haufen. Das passt insofern, als sich die mutige „Italienerin“ Odabella den Barbaren entgegenstellt. Nichts anderes als die Fortführung des stillen Protests gegen die Habsburger, den Verdi seit „Nabucco“ bewusst oder unbewusst lancierte. Im 6. Bild – Attilas Lager – wird während des Banketts russisches Roulette gespielt. Nicht nur das an NS-Brutalität gemahnende Ritual der Tötung aus purer Lust erregte die Gemüter, sondern auch die anschließende ausgelassene Party mit Rollstühlen und Rollatoren.

Das mag geschmacklos sein, mag Menschen mit Beeinträchtigung herabwürdigen, aber trifft insofern, als hier eine kranke Gesellschaft vorgeführt wird, wie sie zu Verdis Zeiten nicht anders war und schon gar nicht anders als heute ist. Den Spiegel vorgehalten zu bekommen, tut weh.

Der letzte Akt spielt in einem Altersheim, und selbst betagt kann und will man die Rache nicht vergessen. Foresto, Ezio und Odabella gehen mit Krücken und Messer auf Attila los. Auch das ist scharfe Kritik daran, dass gegenseitiger Hass, der durch nichts begründet scheint, unauslöschlich ist. Kritik, die unser zukünftiges friedliches Miteinander im Zeichen eines wiedererstarkenden Nationalismus in Frage stellt. Die anfängliche Persiflage schlägt in beklemmende Realität um. Das verstört. Starke optische Eindrücke boten die Ausstattung von Johannes Leiacker und die Lichtgestaltung von Manfred Voss. Riccardo Frizza und das blendend musizierende ORF Radio-Symphonieorchester Wien schufen eine optimale Klangbasis, wo Phrasen frei ausschwingen durften und dem Atem der Stimme angepasst waren. Die venezolanische Sopranistin Lucrezia Garcia ist eine Verdi-Spezialistin und glänzte schauspielerisch wie sängerisch. Dmitry Belosselsky hat die Stimmstärke eines Attila, aber auch die Intelligenz, Phrasen fein zu gestalten. Ähnlich der rumänische Bariton George Petean, der mit seiner wuchtigen, geschmeidig weich geführten Stimme dem Ezio markante Züge verlieh. Der Grazer Tenor Nikolai Schukoff (Foresto) verfügt über einen wunderbar gewandten, höhensicheren Tenor. Andrew Owens (Udino), Stefan Cerny (Leone) und der wie immer bravouröse Arnold Schönberg Chor ergänzten das Ensemble zur Freude des Publikums, das sich nur in Sachen Konwitschny nicht einig war.

Theater an der Wien: Giuseppe Verdis „Attila“, Regie: Peter Konwitschny, 7. 7.

OÖN Bewertung:

 

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Artikel Michael Wruss 09. Juli 2013 - 00:04 Uhr
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