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Bild: Wodicka

Vom Verzehr wird abgeraten

Fit, gesund, schlank und schön - fertig abgepackt aus dem Supermarkt? Hans-Ulrich Grimm prangert in seinem Buch die Versprechen der sogenannten Gesundheitsnahrung an.

Von Valerie Hader, 25. April 2012 - 00:04 Uhr

Joghurt, das bei der Verdauung hilft und Abwehrkräfte stärkt, Süßigkeiten mit Vitaminen und der „Extraportion Milch“, Margarine, die Cholesterin senken und das Herz schützen soll. Lebensmittel mit Zusatznutzen, sogenanntes „Functional Food“ versprechen, fitter, schlanker, schöner und gesünder zu machen. Der ehemalige „Spiegel“-Journalist Hans-Ulrich Grimm beschäftigt sich seit vielen Jahren mit den Geschäften der Lebensmittelindustrie und hat in seinem neuen Buch „Vom Verzehr wird abgeraten“ diese Gesundheitsnahrung unter die Lupe genommen.

Sein Resümee: Die von der Werbung angepriesene Wirkung würde in nahezu allen Fällen ausbleiben und häufig sogar ins Gegenteil umschlagen. Mit dem Mehr an Vitaminen und Mineralien spreche die Industrie Menschen an, die bewusst auf ihre Ernährung achten – und kassiere so Millionen für die nach Grimm unnötigen Zusätze, die sogar krank machen könnten. „Zuviel Vitamin A in der Schwangerschaft kann etwa zu Missbildungen bei den Babys führen, und Kalzium ist zwar gut für die Knochen, im Überfluss als künstlicher Nahrungszusatz kann es aber das Herzinfarktrisiko steigern“, schreibt der Autor.
Nicht ganz so drastisch sieht es Ernährungswissenschafterin Rita Dornetshuber von der Konsumenteninformation der Arbeiterkammer Oberösterreich. „Dass schwangere Frauen kein Vitamin A schlucken sollen, weiß man heute längst. Da ist die Industrie mittlerweile schon vorsichtig.“ Und in Punkto Kalzium müsse man enorme Mengen zu sich nehmen, um Gefahr zu laufen, einen Herzinfarkt zu bekommen“, sagt sie.

Unnötig und sogar ungesund?

Was aber tatsächlich negative Auswirkungen auf die Gesundheit haben kann, seien Vitaminpillen mit einem hohen Anteil an Betacarotin bei Rauchern. „Bei einer Versuchreihe hat sich gezeigt, dass künstliches Betacarotin die Lungenkrebsrate erhöht hat, anstatt sie zu senken. Die Studien mussten umgehend abgebrochen werden“, erzählt Dornetshuber.
Zugesetzte, künstliche Vitamine seien ohnehin eines der Hauptprobleme der sogenannten Gesundheitsnahrung, führt auch Grimm in seinem Buch aus. Er zitiert mehrere Studien, die allesamt nachgewiesen hätten, dass Extra-Vitamine das Risiko, früher zu sterben, erhöhten. Seine provokante These: „Es gibt mehr Vitamintote als Verkehrstote.“
„Das Problem dabei ist, dass Firmen oft viele verschiedene Vitamine nach dem Gießkannenprinzip zusetzen. Diese entfalten dann aber nicht dieselben positiven Eigenschaften wie im natürlichen Verbund, wie zum Beispiel in einem Apfel“, sagt Dornetshuber. „Über eventuelle Langzeitwirkungen in diesem Bereich weiß man einfach noch zu wenig.“
Nicht unproblematisch seien zudem zugesetzte Sterine, mit denen manche Margarine-Hersteller werben. „Laut der deutschen Konsumentenorganisation Foodwatch gehörten diese Produkte nicht in den Supermarkt, sondern in die Apotheke. So weit würde ich nicht gehen, aber ich finde, dass es wesentlich besser deklariert werden müsste, dass solche Margarine nur für Menschen mit zu hohem Cholesterinspiegel geeignet ist“, sagt Dornetshuber.

Im Endeffekt würden wir all das überhaupt nicht brauchen. „Jemand, der sich ausgewogen ernährt, muss keine Vitaminpräparate einnehmen – und Kinder schon gar nicht“, sagt Dornetshuber. „Die sollten am besten ganz einfach am Tisch der Erwachsenen mitessen, dann entwickeln sie auch ein gutes Geschmacksempfinden“. Und am besten wäre es laut Expertin natürlich, so oft wie möglich selbst zu kochen und zwar mit regionalen Zutaten der Saison. „Produkte mit dem sogenannten Zusatznutzen werden, gemessen an ihrem tatsächlichen Nutzen, viel zu teuer verkauft. Wenn man heimische Lebensmittel kauft, ist das nicht nur gesünder sondern auch viel günstiger“.

Kontrolle ist besser

Wirklich ärgerlich seien für die Ernährungswissenschafterin auch irreführende Bezeichnungen auf den Verpackungen. „Wenn ein Produkt als ,Fitnessmüsli‘ verkauft wird, und auch optisch so gestaltet ist, und dann genau so viel Kalorien enthält wie jedes andere,“ nennt Dornetshuber ein Beispiel. Oder wenn Säuglingsnahrung mit dem Zusatz wirbt, „gesünder als Milch“ zu sein. „Was heißt das? Dass Milch ungesund ist?“ Oder auch wenn Produkte als „zuckerreduziert“ angepriesen würden. „Da glaubt natürlich jeder, dass die weniger Kalorien enthalten. Stimmt aber oft nicht, denn die Hersteller nehmen Ersatzstoffe. Die sind zwar weniger süß, haben aber die gleichen Kalorien.“ Und nicht zuletzt seien ihrer Erfahrung nach auch viele Light-Produkte trügerisch. „Die enthalten oft mehr Wasser und schmecken dementsprechend milder. Im Endeffekt schmiert man sich dann die doppelte Menge aufs Brot, um den Geschmack zu intensivieren“. Den „Erfolg“ sehe man ja in den USA. „Da gibt es diese Light Produkte schon lange. Die Menschen sind aber nicht schlanker geworden, eher dicker“. Wenn man wirklich abnehmen will, sei FDH immer noch die beste Variante. „Tausendmal vielversprechender als jedes Schlankheitsmittel“, sagt Dornetshuber.

 

Ernährungsinformationen der AK und Verbraucherorganisation „Foodwatch“

 

Nahrungsergänzungen sind für gesunde Menschen überflüssig. Der Nährstoffbedarf kann über herkömmliche Lebensmittel leicht und genussvoll gedeckt werden“, bestätigt die Konsumenteninformation der Arbeiterkammer Oberösterreich.
 
Grundsätzlich ersetzen Nahrungsergänzungsmittel keine vollwertige und ausgewogene Ernährung. Ihre Einnahme sollte nicht als Alibi für den Ausgleich einseitiger Essgewohnheiten missbraucht werden.
 
Lassen Sie sich nicht von der Werbung blenden. Das meiste ist nicht belegt. Ein wirklicher Effekt von Nahrungsergänzungen zur Vorbeugung von Krankheiten konnte bisher nicht gezeigt werden. Für Obst und Gemüse im natürlichen Verbund ist dieser Beweis allerdings erbracht, sagen Experten der Arbeiterkammer.
Werbelügen: Seit Jahren setzt sich die Organisation „Foodwatch“ gegen Werbelügen zur Wehr. Der deutsche Verein nimmt die Versprechen der Lebensmittelkonzerne unter die Lupe und vergibt jährlich den „Goldenen Windbeutel“, einen Negativpreis für die dreisteste Werbelüge. 2011 waren nominiert:
 
Joghurt der Marke Activia, das nach Meinung der Verbraucherorganisation „weder eine Wunderwaffe gegen Verdauungsbeschwerden noch ein Garant für Darmwohlbefinden“ sei, sowie Nimm2-Bonbons: Der Hersteller werbe mit „wertvollen Vitaminen“, die völlig überflüssig seien, heißt es. Kindern werde suggeriert, dass sie ihren Vitaminbedarf auch mit Süßigkeiten statt mit Obst decken können, sagt Foodwatch.
 
Der Goldene Windbeutel ging schließlich an die „Milch-Schnitte“. Foodwatch rügte den Hersteller dafür, dass er diese mit dem Slogan „Schmeckt leicht. Belastet nicht. Ideal für zwischendurch“ bewerbe. „Die Milch-Schnitte ist nur in der Werbung eine leichte Zwischenmahlzeit, in Wirklichkeit ist sie mit 60 Prozent Zucker und Fett schwerer als eine Schoko-Sahnetorte“, hieß es.
 
Immer wieder kritisiert Foodwatch speziell für Kinder hergestellte Lebensmittel. Das Fazit der Organisation: Mit industriell hergestellten Kinderlebensmitteln sei ausgewogene Ernährung praktisch unmöglich. Es handle sich dabei fast ausschließlich um Süßigkeiten und ungesunde Snacks.
 
 
 
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Kommentare

„hab ich aber schon alles vorher gewusst, stammt der von den gebrüdern grimm ab, wobei ich ihm ...“ phönix77 der grimm hat recht ,
„Ich habe zum Beispiel Brennesseltee gekauft, der Bequemlichkeit halber im Teebeutel für die ...“ jago Die Zusätze sind wirklich ein Problem.
„..ja leider, eine Unart der Neuzeit....aber so kann der Einheitsbrei gefördert werden..mfg“ jamei @jago

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