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Die neue Lust auf weniger

Weniger Möbel, mehr Licht und Luft Bild: Johanna Misfeldt/Knesebeck

Die neue Lust auf weniger - Tipps zum Entrümpeln und Loslassen

Kleider, Kilos, Krimskrams: Warum es so guttut, sich von Überflüssigem zu trennen, und wie das am besten gelingt, erklärt Psychotherapeutin Ulrike Jachs.

Von Valerie Hader, 21. Februar 2018 - 00:04 Uhr

Zu viel Zeug, zu viel Ballast, zu viel Vergangenheit – und eindeutig zu viel Platz." So beschreibt Bestsellerautorin Meike Winnemuth die Gründe für ihren Umzug von einer 200-Quadratmeter-Altbauwohnung in ein Ein-Zimmer-Apartment. Die wenigen Besitztümer, die sie mitnahm, passten in ein paar Kisten und drei blaue Ikea-Taschen. Kurzum: Winnemuth ließ "den ganzen alten Plunder zurück und gewann dafür neue Freiheit", wie sie in ihrem Artikel im Stern schildert. Und sie ist auch sicher, dass "diese Sehnsucht nach Einfachheit und Erleichterung viele umtreibt, das Gefühl, dass es so nicht weitergehen kann, dass man sich endlich wieder Luft verschaffen muss".

Diese neue Lust auf weniger ist in vielen Bereichen sichtbar: Da gibt es die Digital Detoxer, also jene Menschen, die Handy und Computer immer wieder ganz bewusst ausschalten. Andere wiederum fasten – und wieder andere haben den Inhalt ihres Kleiderschranks so reduziert, dass er nur noch wenige, dafür aber ausschließlich gut kombinierbare Lieblingsstücke enthält.

Dazu passt auch der "Do-it-yourself-Trend": Ob Nähen, Backen oder Reparieren, Dinge selbst herzustellen, ist so angesagt wie nie. Und auch beim Wohnen heißt es jetzt offenbar wieder "Weniger ist mehr", nicht umsonst wurde bei der größten internationalen Möbelmesse in Köln gerade die "neue Schlichtheit" gefeiert.

Weil weniger wirklich oft mehr ist

Das Frankfurter Zukunftsinstitut spricht in dem Zusammenhang vom "Genug einer neuen Generation". Laut Trendforscher Daniel Anthes ist dieser neue Minimalismus eine Art psychische Selbsthilfe, um mit dem Überangebot und der Immer-Verfügbarkeit von Produkten zurechtzukommen.

"Minimalismus ist eine Lebensphilosophie, die in unserer Zeit des Überflusses wieder an Bedeutung gewinnt", sagt auch Psychotherapeutin Ulrike Jachs vom Kepler-Uni-Klinikum in Linz. "Wir sammeln ständig Sachen, die wir nicht benötigen. Die brauchen Platz, müssen geordnet, verwaltet, verstaut und geputzt werden, was wiederum Geld und Geduld erfordert." Oft seien es jedoch lediglich Erinnerungen, die wir damit bewahren wollten. "Doch die leben in uns – und nicht in den Dingen. Um Neues zuzulassen, muss man sich von Altem trennen. Das betrifft alle Bereiche, auch Beziehungen, festgefahrene Glaubenssätze oder Überzeugungen."

Oft versteckten sich auch tieferliegende Probleme dahinter, wie etwa mangelndes Vertrauen in die Zukunft. "Wir sind unsicher, wollen die Kontrolle behalten. Besitz erinnert mitunter an gescheiterte Vorsätze und bedeutet Status. Auch Gefühle wie Einsamkeit, Ängste, innere Leere werden mit dem Anhäufen beziehungsweise dem Bewahren von Dingen kompensiert", sagt die Expertin. Doch: "Krempel hemmt nur. Entrümpeln löst diese Blockaden. Es macht frei und glücklich und bringt Leichtigkeit und Lebensfreude zurück", sagt Jachs.

Eine Zeit des Aufbruchs

Und welche Jahreszeit würde sich wohl besser dazu eignen, sich von Überflüssigem zu trennen, als der Frühling. "Die Natur animiert uns dazu: Alles ist im Aufbruch und auch unsere Lebensgeister werden geweckt", sagt Jachs. Das Bedürfnis nach Erneuerung treibt die Menschen seit Jahrhunderten an: "Schon die Kelten haben ihre Hütten im Frühjahr gründlich gereinigt, um böse Dämonen zu vertreiben."

Dazu kommt: "In der Fastenzeit wenden sich die Leute wieder mehr dem einfachen Leben zu, ganz nach dem Motto: Weniger ist mehr", sagt Jachs. "Das bedeutet eben auch, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren."

Und wie verändert diese "Befreiung nun unseren Alltag? Gerümpel ist ein Zeichen für Stillstand, beim Entrümpeln wird man aktiv, die Energie beginnt wieder zu fließen. ,Klärende Handlungen‘ im Außen bewirken oft auch Klärung im Inneren. Und nicht zu vergessen: Wie es um uns herum aussieht, beeinflusst unser Lebensgefühl und umgekehrt. Welche Dinge ich verwende, welche Kleidung ich trage, hat einen Einfluss darauf, wie mich andere sehen und behandeln. Verändern wir unsere Beziehung zu den Dingen, verändert sich auch die Beziehung zu anderen."
 

Tipps zum Entrümpeln und Loslassen

Einfach anfangen: Sich von Dingen zu trennen ist eigentlich ganz leicht, sagen Experten und haben ein paar Tipps dazu im Gepäck

  1. Beim Minimalismus gibt es keine fixen Regeln: Es geht nicht darum, eine bestimmt Zahl an Besitztümern zu erreichen, es gibt auch keine Menge an Dingen, die aussortiert werden müssen. "Es geht darum, Platz zu schaffen, für die Dinge im Leben, die uns wirklich wichtig sind", sagt Lina Jachmann, Autorin von "Einfach leben". Ihr Tipp: "Bevor es mit dem Entrümpeln losgeht, hilft es, wenn man sich Gedanken darüber macht, mit welchem Ziel man sich von Dingen trennen will. Es ist sehr motivierend, wenn wir uns unsere Ziele und Träume bildlich vorstellen. Fragen Sie sich: Wie solle die Wohnung danach aussehen? Wie die Küche oder der Kasten? Welche Kleider möchte ich tragen? Und: Wie will ich meine Zeit verbringen und mit wem?
  2. Dinge in die Hand nehmen: Entrümpeln ist eigentlich einfach– und das Prinzip immer gleich. Zuerst müssen wir uns einen Überblick verschaffen und dafür alle Dinge aus der jeweiligen Kategorie auf einen Haufen zusammentragen. Nun Teil für Teil in die Hand nehmen und entscheiden, ob es wirklich dringend benötigt wird und das eigene Leben bereichert. Wenn nicht, weg damit!
  3. Fragen stellen: Zu entrümpeln heiße nicht, sich um jeden Preis von allem zu trennen, erklärt Psychotherapeutin Ulrike Jachs. "Ziel ist es, wichtige Dinge von unwichtigen zu unterscheiden. Neues kommt nur, wenn Altes dafür geht. Hilfreiche Fragen dazu sind: Passt der Gegenstand noch zu mir? Was würde ich mitnehmen, wenn mein Haus brennt?"
  4. Die Salami-Taktik: Wenn das große Ganze einschüchtert, nach dem Prinzip Scheibe um Scheibe, also Bereich für Bereich, Schublade für Schublade aussortieren.
  5. Vergessen Sie den Preis: "Oft zögern wir, teure Sachen wegzugeben. Eine innere Stimme mahnt uns, wir hätten den Preis noch nicht "hereingeholt". Doch die traurige Wahrheit ist, dass wir ihn wahrscheinlich nie "hereinholen", sagt Autor Fumio Sasaki und gibt ein Beispiel: "Vielleicht besitzen Sei ein tolles Kleid, das ihnen zwar sehr gefällt aber dennoch nicht steht. Natürlich wollen Sie es nicht weggeben. Andererseits beansprucht es in Ihrer Wohnung und ihrem Geist nur Platz. Jedes Mal, wenn Sie das wunderbare Stück sehen, bereuen sie unweigerlich, es überhaupt gekauft zu haben. Geben Sie es weg – allein schon ihrem Seelenfrieden zuliebe!"
  6. Und noch ein Tipp von Sasaki: Würden Sie Produkt wieder kaufen, wenn es verloren ginge? Diese Frage zeigt Ihnen, wie sehr sie an diesem Gegenstand wirklich hängen. Verabschieden Sie sich auch von "Na-Ja-Sachen".
  7. Kleine Übung: Gehen Sie in Gedanken jeden Raum ihrer Wohnung durch und notieren sie, an welche Dinge Sie sich erinnern können. Wieder zuhause können Sie diese abgleichen und werden überrascht sein, an welche Sachen Sie gar nicht gedacht haben. Das gilt, sich bewusst zu machen, welche Dinge eine Rolle in Ihrem Leben spielen – und welche vielleicht aussortiert werden sollten.
  8. Die Ein-Jahres-Regel: Gegenstände, die ein Jahr nicht benutzt worden sind, werden bestimmt auch in Zukunft nicht vermisst werden.
     

Buchtipps

Einfach leben

Buchtipp 1: Minimalismus bedeutet vor allem: „Einfach leben“, ist Lina Jachmann überzeugt. Wie das geht, zeigt sie in ihrem gleichnamigen Ratgeber. Darin stellt sie zudem Persönlichkeiten vor, die ihren eigenen minimalistischen Lebensstil gefunden haben, die wiederum viele praktische Tipps rund um die Themen Wohnen, Mode, Körper und Lifestyle verraten und Anstöße für einen minimalistischen liefern: Vom Entrümpeln und Ordnen der eigenen vier Wände über die Frage, wie viel Kleidungsstücke wir wirklich brauchen zu Anregungen für nachhaltigen Konsum.

Dazu gibt es einfache Rezepte für Naturkosmetik, „grüne“ Reinigungsmittel und gesunde Gerichte.
Lina Jachmann: „Einfach leben. Der Guide für einen minimalistischen Lebensstil“, Knesebeck Verlag, 25,70 Euro

Wenig zum Glück

Buchtipp 2: „Früher habe ich ständig über Dinge nachgedacht, die mir noch fehlten – und darüber, wie ich die denn nur bekommen könnte. Heute weiß ich: Weniger Besitz = mehr Glück“, sagt Fumio Sasaki. Der 35-Jährige hat sich unter anderem von Fernseher, Couch und den meisten seiner Besitztümer getrennt, lebt in einer 20 Quadratmeter großen Wohnung in Tokio und fühlt sich damit einfach nur „leicht und frei“.

Fumio Sasaki: „Das kann doch weg! Das befreiende Gefühl, mit weniger zu leben. 55 Tipps für einen minimalistischen Lebensstil“, Verlag: Integral, 18,50 Euro

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