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Plagiate: Wächter der Moral

Karl Theodor zu Guttenberg stolperte über seine größtenteils raubkopierte Doktorarbeit. Die Dissertation von EU-Kommissar Johannes Hahn soll ebenfalls handwerkliche Mängel aufweisen. Die OÖN sprachen mit dem Gutachter Gerhard Fröhlich über Plagiate, wie man sie aufspürt und warum sie kein Kavaliersdelikt sind.

Wächter der Moral

Wissenschaftstheoretiker Gerhard Fröhlich macht sich Sorgen um den Wissenschaftsstandort Österreich. Bild: Weihbold

Kritik ist das A und O der Wissenschaft“, sagt Gerhard Fröhlich und zitiert den Philosophen Karl Popper: „Wissenschaftliche Methoden sind öffentlich. Alles muss kritisch überprüft werden“, sonst handle es sich um Alchemie oder Quacksalberei. Fröhlich lehrt an der Johannes Kepler Universität (JKU) Philosophie und Wissenschaftstheorie, bringt Studenten korrektes wissenschaftliches Arbeiten bei, ist als Gutachter im gesamten deutschsprachigen Raum tätig. Gemeinsam mit Kollegen hat der Uniprofessor die „Initiative transparente Wissenschaft“ auf die Welt gebracht. Auf der Internetseite „antiplagaustria“ setzen sich österreichische Wissenschafter für das ordentliche Aufarbeiten wissenschaftlichen Fehlverhaltens ein, verfassten einen offenen Brief an die zuständige Ministerin Beatrix Karl.

Fröhlich begründet diese Initiative unter anderem mit den Statuten der JKU. Dort steht sinngemäß zu lesen, dass, wenn jemand in der Welt der Forschung von Missständen weiß, er diese zu kritisieren habe, würde das unterbleiben, liege Fehlverhalten vor.

Haben wir denn keine anderen Probleme als die Frage, ob Guttenberg oder Hahn in ihren Doktorarbeiten genügend Gänsefüßchen gesetzt haben, oder nicht? „Es geht gar nicht um eine Person. Es geht um den Wissenschaftsstandort Österreich und darum, dass wir nicht von der ganzen Welt ausgelacht werden“, sagt Fröhlich, der sich als Moralwächter der Wissenschaft versteht. „In der Wissenschaft gelten strengere Regeln als in der Politik oder der Wirtschaft“, das sage ich auch allen Studenten“. In der Wissenschaft ist es nicht erlaubt einen Redenschreiber oder Ghostwriter einzusetzen, eine Doktorarbeit hat eine Einzelleistung zu sein. Wissenschaftliches Arbeiten ist vergleichbar mit einem soliden Handwerk. „Korrektes Zitieren ist für einen Wissenschafter im Normalfall so, als ob ein Chirurg vor der Operation Gummihandschuhe anziehen würde“. Das habe auch etwas mit Respekt zu tun. Richtig angeführt zu werden, ist laut Fröhlich oft der einzige Lohn von Wissenschaftern, die sich abgemüht haben, einen komplexen Sachverhalt kurz und verständlich zu formulieren. „Gebe ich so eine Leistung als die meine aus, ist das Piraterie an geistigem Eigentum und nicht anders zu bewerten, als ob ich von meinem Gegenüber Goldmünzen stehlen würde“. Das Schöne an der Wissenschaft sei aber, dass ja die Goldmünzen nie nur einem gehören, sondern die geistige Arbeit allen offensteht und oft durch Kritik und Diskussion der Goldschatznoch vergrößert werden könne.

Akademischer Selbstmord

Damit Wissenschaft in Österreich nicht zur Lachnummer verkommt, stellen die Mitglieder der „Initiative Transparente Wissenschaft“ konkrete Forderungen: von eigenen Universitäts-Servern, auf denen alle Diplom-, Master- und Doktorarbeiten veröffentlicht werden sollten, über ein verändertes Gutachterwesen bis hin zu mehr Geld für die universitäre Lehre.

„Eine Veröffentlichung aller Arbeiten würde auch deren Qualität steigern, viele Unis würden sich aber dagegen verwahren, aus Angst, im Nachhinein könnte sich herausstellen, dass jemand eine recht schwache Arbeit verfasst und dafür sogar eine sehr gute Note erhalten hat.“ Dabei ist das Aufdecken von Fehlern keine Schande, zitiert der Linzer Uniprofessor wieder Popper und sagt: „Wissenschaft ist Versuch und Irrtum – und Kritik Korrektur durch Dritte.“

Die nächste Forderung betrifft die Bewertung von wissenschaftlichen Arbeiten. Fröhlich und viele seiner Kollegen in ganz Österreich wünschen sich ein Gesetz, das es ermöglicht, Noten von wissenschaftlichen Arbeiten nachträglich zu verändern, falls neue Aspekte auftauchen oder ein Gutachter schlichtweg danebengegriffen hat. Gutachter sollten wie Schiedsrichter stichprobenartig überprüft werden. Heute ist es in Österreich nicht möglich, ein Gut auf ein Genügend zurückzustufen. Der Doktortitel kann bei Verfehlungen allerdings entzogen werden. Es kann aber auch kein ungerechtfertigtes Gut in ein Sehr gut verbessert werden.

Aus Medien abgekupfert

Für einen Vierer käme freilich die Arbeit des deutschen Ex-Verteidigungsministers Karl Theodor zu Guttenberg laut Fröhlich nicht in Frage. „Das war eher akademischer Selbstmord“, urteilt der Philosoph. Eine so plump plagiierte Arbeit wie jene von Guttenberg sei ihm noch nie untergekommen. Die Vertiefung in dieses Schriftstück und in die Originale habe ihn und Kollegen mindestens einen Monat Arbeits- und Lebenszeit gekostet. „Diese Doktorarbeit ist so gestaltet, dass sie auffliegen musste. Guttenberg hat schon den ersten Satz seiner Einleitung von einer Qualitätszeitung abgeschrieben.“

Die Neue Zürcher Zeitung (NZZ) wirbt aus diesem Grund aktuell mit ganzseitigen Inseraten: „Summa cum laude“-Bewertung durch die Uni Bayreuth.
Fröhlich sieht nicht nur die gefallene Lichtgestalt der deutschen CSU, sondern auch Guttenbergs Doktorvater in einer unglücklichen Rolle, der sofort reflexartig gesagt hat: Es handle sich nicht um ein Plagiat. Die Universität Bayreuth macht ebenfalls keine glückliche Figur in der ganzen Angelegenheit: „Die Verantwortlichen ernteten Hohn und Spott mit ihrer schwachen Verteidigung, im Jahr 2006 wären die Überprüfungsmöglichkeiten im Internet und mit Plagiats-Software noch nicht genügend weit fortgeschritten gewesen.“ Das Thema Plagiatssoftware hält der Wissenschaftstheoretiker für überschätzt. „Die Trefferquote liegt laut Studien bei unter fünfzig Prozent.“ Jeder versierte Gutachter könnte ein Plagiat verfassen, das durch den Einsatz von Plagiats-Software nicht auffliegen würde.

Wie geht er als Gutachter an eine Arbeit heran und überführt Plagiate? „Raubkopierer und Schummler sind für mich Triebtäter, die Blut geleckt haben und wie Süchtige nicht mehr aufhören können.“ Ein erfahrener Gutachter entwickle im Lauf der Zeit eine Spürnase. Er blättere eine Arbeit durch, stoße er auf Mängel, gehe es in die Tiefe. Die genauen Untersuchungskriterien gibt der Universitätsprofessor nicht preis.

Druck der Öffentlichkeit


Seine Spürnase sagt ihm jedenfalls auch bei der Arbeit von Ex-Wissenschaftsminister und EU-Kommissar Johannes Hahn, dass einiges nicht passt. „Der Nachweis von Papierplagiaten ist aber enorm zeit- und arbeitsaufwendig.“ Fröhlich spricht zum Beispiel verwendete Strategiepapiere der CDU an, die nur sehr mühselig zu beschaffen sind. Hahn werde da die Gnade der frühen Geburt im Vor-Internetzeitalter zuteil. „Aber auch damals galt ordnungsgemäßes Zitieren als wissenschaftlicher Minimalstandard.“ Fröhlich versteht nicht, warum die Uni Wien noch keine umfassende Überprüfung der Dissertation in Auftrag gegeben hat. „Aber in der Geschichte wissenschaftlicher Irrtümer und Verfehlungen bedurfte es fast immer des Drucks der Medien und der Öffentlichkeit, damit die wissenschaftlichen Institutionen einen Problemfall überhaupt zur Kenntnis genommen haben.“

Doch Fröhlich geht es nicht vornehmlich um einen Einzelfall. Er will mit seiner Wissenschaftsinitiative erreichen, „dass sich wissenschaftliche Institutionen an die international üblichen Minimalstandards halten“. Für den Umgang mit eventuell auftauchenden Mängeln und Fehlern, egal ob in der Arbeit eines Ministers oder jener eines Otto-Normalbürgers, brauche es klare gesetzliche Regelungen. „Zurzeit gibt es in Österreich nicht einmal eine rechtliche Grundlage, um gegen Schwindler bei Klausuren vorzugehen.“

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Artikel Martin Dunst 12. März 2011 - 00:04 Uhr
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