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Nach Bluttat: Verdächtiger sitzt in U-Haft und schweigt

WIEN. Mutmaßlicher Täter (16) gilt als "empathielos" – Seit gestern verweigert er jede weitere Aussage, Verteidiger will er keinen

Nach Bluttat: Verdächtiger sitzt in U-Haft und schweigt

Bild: APA/HANS PUNZ

WIEN. War er in einer emotionalen Ausnahmesituation? Ist er psychisch krank? Noch ist unklar, was den 16-Jährigen, der vergangenen Freitag in Wien-Döbling ein siebenjähriges Nachbarskind erstochen hat, dazu antrieb. Bei seiner Verhaftung hatte er als Auslöser eine "allgemeine Wut" geltend gemacht. Seit gestern sitzt er in der Justizanstalt Josefstadt in U-Haft und verweigert jede weitere Aussage. Bei den Vernehmungen soll er angegeben haben, "dass er keine Verteidigung wünscht".

Der Jugendliche mit tschetschenischen Wurzeln wird als "völlig empathielos" charakterisiert. Ein Phänomen, das laut Primar Michael Merl, Leiter der Kinder- und Jugendpsychiatrie im Linzer Kepler- Uniklinikum (KUK), drei Ursachen haben kann. Zum einen könne es Ausdruck der eigenen Persönlichkeit sein. Zum anderen werde das Wahrnehmen von Gefühlen bereits im Säuglingsalter geprägt: "Gute Eltern erkennen, wenn das Kind Schmerzen oder Hunger hat, und reagieren entsprechend auf seinen Gefühlsausdruck." Nehmen die Eltern diesen aber nicht wahr, lernen die Kinder auch nicht, richtig auf ihre Gefühle zu reagieren. Zu solchen Defiziten könne es kommen, wenn die Eltern – wie möglicherweise in dem konkreten Fall – durch Flucht oder Gewalt traumatisiert sind. Die Folge könne neben Frust-Essen auch unbändige Wut auf andere sein.

Auch die soziale Komponente spiele eine Rolle: "Empathie kann sich im direkten Umgang mit anderen durch deren Rückmeldung entwickeln." Das würden viele Jugendliche immer seltener erlernen, sagt Merl. Schuld hätten auch die sozialen Medien: "Wird etwa auf Facebook eine andere Person beleidigt, erlebt der Schreiber deren Reaktion nicht mit."

Fehlende Empathie: "Nur in den seltensten Fällen äußert sie sich in Gewalt gegen andere", sagt Philipp Ikrath vom Institut für Jugendkulturforschung in Wien. Doch unterschwellig sei sie heute allgegenwärtig. Gerade auch bei den Jugendlichen, "die oft in einem Umfeld aufwachsen, durch das sie auf Konkurrenz geprägt werden", so Ikrath. In einer solchen Gesellschaft werde Empathie als Schwäche ausgelegt.

Umso wichtiger sei dagegen die Fähigkeit zur egozentrischen Selbstdarstellung. "Man muss sich ‘verkaufen’ können", so der Experte. Die Folge sei eine grassierende Einzelkämpfermentalität. Motto: "Hinter mir die Sintflut." Den Glauben an eine "Solidargemeinschaft" hätten viele Jugendliche längst verloren.

Noch ein Phänomen schade der Entwicklung von Empathie: "In den sozialen Netzwerken verbreiten sich Inhalte gewalttätigen oder pornografischen Inhalts ungebremst, schon Volksschüler, die dagegen noch keine Schutzmechanismen aufbauen können, kommen damit in Kontakt." Und die Frage nach dem "Sinn des Lebens" werde kaum noch gestellt: "Religion und Politik haben ihre Funktion als ‘Sinnquellen’ längst verloren, gut ist nur noch, was funktioniert", so Ikrath. 

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Artikel (nieg/kri) 17. Mai 2018 - 00:04 Uhr
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