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Die Welt staunte über "Wunder von Wörgl"

Vor 80 Jahren blickte die halbe Welt interessiert auf den Tiroler Ort Wörgl. In den von Hoffnungs- und Arbeitslosigkeit bestimmten Anfängen der 1930er-Jahre belebte Ortschef Michael Unterguggenberger den scheintoten Geldkreislauf in seiner Gemeinde mit einem neuen Zahlungsmittel.

Die Welt staunte über

Wörgl gewinnt zwar keinen Schönheitspreis, ist aber eine weltoffene Stadt mit interessantem Erbe. Bild: Volker Weihbold

DDer Freigeld-Wanderweg in Wörgl führt vorbei an einer Brücke über den Wörgler Bach und an einer Natursprung-Schanze, deren Konturen im Wald noch zu erkennen sind. Das kleine Sprungzentrum ist heute noch in Betrieb, neben der Ur-Schanze aus der Zeit Unterguggenbergers stehen mehrere Schanzen für Trainingszwecke und nationale Bewerbe. Stefan Horngacher ist der bekannteste Skispringer der Stadt, die sich unter dem erhöht liegenden Auslauf ausbreitet.

Bestnoten für Ästhetik und Liebreiz wird Wörgl nicht gewinnen, obwohl der Schnee wie Make-up dem Stadtbild schmeichelt. Architekten kürten Wörgl einst sogar zur hässlichsten Stadt Österreichs. Schönheit liegt allerdings im Auge des Betrachters. Befremdlich mutet an, dass ein Schulzentrum eines Wiener Architekten aus den 1970er-Jahren, eine betongraue Bausünde, unter Denkmalschutz gestellt worden ist. Da hilft auch die Schneeabdeck-Kosmetik nichts mehr.

Vor achtzig Jahren hatten die Wörgler andere Probleme als das Erscheinungsbild ihres Dorfes. Die Wirtschaftskrise hatte auch vor dem Verkehrsknotenpunkt am Schnittpunkt von Sölllandl, Brixental und Inntal nicht haltgemacht. „Von damals 4200 Einwohnern hatten 400 Familienväter im Jahr 1931 keine Arbeit mehr“, sagt Veronika Spielbichler, Obfrau des Unterguggenberger Instituts in Wörgl und Kennerin der Geschichte ihrer Heimatstadt.

Zementfabriken, ein großer Zelluloseverarbeiter und die Eisenbahn mussten in der Wirtschaftskrise viele Arbeiter entlassen oder überhaupt ganz zusperren. Die Gemeindekasse war leer, die Not groß. Ein Spruch, der aus dieser Zeit stammt, lautet: „Wörgl, das schlimmste deiner Laster – ist dein Straßenpflaster“.

Der sozialdemokratische Bürgermeister Michael Unterguggenberger sah auf seinem Weg zum Gemeindeamt täglich die Menschen, die in langer Reihe um einen Teller Suppe anstanden oder auf Arbeit hofften. Der Ortschef kannte Armut aus eigener Erfahrung: Er musste als Zwölfjähriger im Sägewerk schuften, um seinen Teil zum armseligen Familieneinkommen beizutragen. Als Lehrbub in Imst reichte das Geld nicht einmal für eine zweite Hose. Unterguggenberger war vertraut mit den Lehren von Freiwirt Silvio Gesell (siehe Infokasten). Dazu hatte der Bürgermeister Arbeit und Wirtschaft aus vielen unterschiedlichen Blickwinkeln kennengelernt. „Er war Hilfsarbeiter im Sägewerk, später Lehrbub, beamteter Lokführer, Gewerkschaftsfunktionär und Politiker. „Durch seine zweite Frau Rosa, die ein eigenes Geschäft in Wörgl führte, lernte er auch die Unternehmerseite kennen.“

Und Unterguggenberger kannte die Menschen. Er spielte mehrere Instrumente, war Mitglied in vielen Vereinen und eine Art Kommunikationsgenie seiner Zeit. „Er ist immer am Boden bei den Leuten geblieben, er war kein abgehobener Nadelstreif-Träger“, weiß Spielbichler.

Wir haben Arbeit, wir brauchen Geld, sagte sich der Bürgermeister vor 80 Jahren und startete sein Freigeld-Experiment. Der Dorfpfarrer rührte im Dorf die Werbetrommel, die Beschlüsse, in Wörgl den Versuch zu wagen, wurden im Gemeinderat einstimmig gefällt. In einer Zeit, in der die Politik von großen Koalitionen samt Kuschelkurs so weit weg war wie Wörgl von New York.

Der Freigeld-Wanderweg führt weiter und vorbei am ehemaligen Haus des Bürgermeisters, dem heutigen Unterguggenberger-Institut, in dem die Geschichte auf vielfältige Art und Weise dokumentiert ist. Es gibt dicke Wälzer über Freigeld und einen anschaulich gemachten Comic mit dem Titel „Der Schatz von Wörgl“.

Infrastrukturoffensive

Die Gemeinde startete ein Bauprogramm. Es wurden unter anderem Straßen, Brücken und die Skisprung-Anlage errichtet. Als Lohn wurden vom Wohlfahrtsausschuss Arbeitswertscheine, der Wörgler Schilling, ausgegeben. Die Scheine hatten einen Nennwert von 1, 2 und 5 Schilling. Als Vorbild diente der Freiwirt Silvio Gesell und Zweitwährungsversuche wie die damalige „Wära“ in Deutschland.

Monatlich musste eine Marke zu einem Prozent des Nennwertes auf die Geldscheine geklebt werden, um deren Gültigkeit zu erhalten. Die Arbeitswertscheine waren durch das Hinterlegen von Schillingen bei der örtlichen Raiffeisenkasse gedeckt und gleichwertig an die offizielle Schilling-Währung gekoppelt. Mit dem Freigeld konnten die Wörgler Gemeindesteuern bezahlen und im Ort einkaufen. „Der Erfolg war nicht die Geldmenge, sondern die Umlaufgeschwindigkeit der ausgegebenen Scheine“, erläutert Spielbichler.

Das neue Freigeld habe bis zu zehn Mal schneller zirkuliert als der Schilling. Spielbichler beschreibt das als eine Umkehr der Dynamik. „Eine Geldsteuer wurde eingehoben, von der die Allgemeinheit profitiert hat, anders als beim Zins, der das Privatvermögen vermehrt.“

Der Versuch im Währungslabor Wörgl war von Erfolg gekrönt. Die Arbeitslosigkeit ging von 21 auf 16 Prozent zurück, während sie im gesamten Land allenorts weiter anstieg. Die Internationale Presse wurde aufmerksam, bezeichnete das Experiment bald als „Wunder von Wörgl“. Aus Frankreich reiste Finanzminister Édouard Daladier an, in den USA schlug der Wirtschaftswissenschafter Irving Fisher der Regierung ein Wörgl-ähnliches Geld zur Überwindung der Wirtschaftskrise vor.

In Österreich wollten mehr als hundert Gemeinden dem Wörgler Beispiel folgen. Unter den Interessenten fand sich auch die Stadt Linz. Unterguggenberger erlangte einen hohen Bekanntheitsgrad, war gern gehörter und gesehener Referent bei Vorträgen. Unermüdlich warb er teils vor Tausenden Zuhörern für sein Experiment.

Während die politische Führung des Ständestaates das Freigeld duldete, ließ der Erfolg des Währungsexperiments bei den Spitzen der Nationalbanken die Alarmglocken schrillen. Es folgten mehrfache Verwarnungen und Verweise.

Nach 14 Monaten wurde das Wunder von Wörgl erstickt, ehe es sich richtig entfalten konnte. Die Nationalbank hatte beim Verwaltungsgerichtshof geklagt und Recht bekommen. Die Wörgler verstießen demnach gegen geltendes Recht und das Geldmonopol der Nationalbank. Alles Bitten der Tiroler in Wien half nichts. „Unterguggenberger und seine Mitstreiter wandten sich sogar an den Völkerbund, wollten einen Freistaat gründen, um ihr Freigeld am Leben zu erhalten, doch der Brief wurde nicht beantwortet“, berichtet die Obfrau des Unterguggenberger-Instituts.

Wörgl fällt wieder zurück

In Wörgl war die Aufbruchstimmung schnell dahin, die Arbeitslosenrate bald wieder so hoch wie im übrigen Österreich. Den Anschluss Österreichs an das Dritte Reich erlebte Unterguggenberger nicht mehr. Er starb 1936 an einem chronischen Lungenleiden.

Der verschneite Freiwanderweg geht vorbei am Grab des ehemaligen Bürgermeisters. Lia Rigler, die Tochter Michael Unterguggenbergers, erinnert sich an ihren Vater: „Er war in der Familie der Boss, meine Mutter hat ihn sehr unterstützt in seinem Tun und nicht eingeengt.“ Ihr Vater sei sehr musikalisch gewesen, „beinahe jeden Abend fand zu Hause ein Zitherkonzert statt.“ Nach dem Tod des Vaters habe die Mutter Unterguggenbergers Andenken in Ehren gehalten, „seine Unterlagen aufbewahrt wie ein Heiligtum.“ Sie habe dieses Erbe aufrechterhalten und ihrerseits an ihre Kinder und Enkelkinder weitergegeben. „Es muss etwas dran sein an dem Währungsversuch meines Vaters, denn die Wahrheit stirbt in dieser Welt nicht.“

Die Freigeldwander-Runde führt vom Friedhof Richtung Stadtzentrum und Stadtamt, von der Vergangenheit in die Gegenwart. Wörgl hat heute 13.000 Einwohner. Was ist vom Erbe Michael Unterguggenbergers geblieben? „Das Unterguggenberger-Institut und das Freigeldjahr 2007 in Wörgl halten die Erinnerung an damals wach“, sagt Bürgermeisterin Hedwig Wechner (SP), die seit 2010 im Amt ist. Im Kleinen seien auch noch Zweitwährungen in der Stadt im Einsatz. „Beim Jugendprojekt I-Motion erbringen Jugendliche Dienstleistungen, etwa in Form von Computerkursen für Senioren und erhalten dafür Zeitwertkarten, bewertet mit 2,5 Euro pro Stunde.

Das Laster mit dem Pflaster plagt die Stadt in abgewandelter Form auch heute noch: Vor einigen Jahren meinte Wechners Vorgänger, die Stadt müsse eine Stadtumfahrung auf eigene Kosten und Risiko bauen. Diese Nordtangente ist immer noch nicht fertig, schränkt den finanziellen Handlungsspielraum Wörgls extrem ein. Mitten im Zentrum erinnern noch drei Bauernhäuser an die ursprünglich sehr dörfliche Struktur der Stadt. Mehrmals im Jahr treibt ein Bauer seine vierzehn Kühe an Schaufenstern vorbei, vom Stadtzentrum auf angrenzende Wiesen. Nichtsdestotrotz sagt Spielbichler: „Wörgl war nie ein gegenüber der Außenwelt verschlossenes Dorf, die Stadt ist heute noch Verkehrsknotenpunkt, weltoffen und multikulturell.“

"Die asiatische Mittelschciht zieht Europa mit"

„Wir haben in gewisser Hinsicht eine ähnliche Situation wie in Wörgl vor 80 Jahren“, sagt Professor Heimo Losbichler, Studiengangsleiter Controlling, Rechnungswesen und Finanzmanagement an der Fachhochschule Steyr und Vorsitzender der International Group of Controlling (IGC). Wer sein Geld auf dem Sparbuch liegen lasse, müsse bei niedrigen Zinsen und steigender Inflation einen tatsächlichen Wertverlust in Kauf nehmen. „Aus diesem Grund waren auch in jüngerer Vergangenheit Panik- oder Frustkäufe zu beobachten – vom neuen Auto bis zur neuen Küche.“ Er sei allerdings skeptisch, ob sich das Freigeld-Experiment von Wörgl 1932/33 in die heutige Zeit projizieren lasse: „Ich glaube nicht, dass solche Dinge reproduzierbar sind, unabhängig von Ort und Zeit.“ Zum gegenwärtigen Finanzsystem, das in der Krise steckt, sagt der Fachmann: „Die Kapitalwirtschaft ist sehr komplex geworden und hat sich weitgehend von der Realwirtschaft abgekoppelt.“ Er trete für strengere Spielregeln auf den Finanzmärkten ein. Zur Diskussion in Österreich rund um Sparpaket und einer eventuellen Reichensteuer sagt Losbichler: „Leistung muss sich auch in Zukunft lohnen – da habe ich in Österreich langsam Bedenken, ob das wirklich noch so ist“. Und was bringt die Zukunft? „Wir leben in einer spannenden Zeit. Manche Experten sagen den nächsten großen Crash für 2015 voraus. Ich gehöre zu den Optimisten und meine, dass uns die aufstrebende Mittelschicht in Asien mitziehen wird.“

Walter Otto Ötsch ist Volkswirt Kommunikationsexperte und lehrt an der Linzer Uni. „In einem lokalen Rahmen kann Komplementärgeld sinn- und wertvoll sein – in der global vernetzten Wirtschaft wäre es nicht praktikabel.“ Die Kritik der Freiwirte am Zinssystem könne er nicht nachvollziehen. „Der Kapitalismus hat sich durchgesetzt. Zinsen spielen seit dem 12. Jahrhundert eine tragende Rolle im Geldkreislauf.“ Es bringe wenig, sich gedanklich aus der Realität zu beamen. Die Debatte rund um Schulden und Verschuldung geht für Ötsch „in die falsche Richtung“. Sich zu verschulden, sei Teil des Systems. „Es geht mehr um die Frage, was dürfen die Banken?“ Dazu brauche es Lösungen, „die Spekulationen gegen einzelne Staaten unterbinden.“

3 Fragen an Andreas Eschbach

Der Schriftsteller ist einer der gefragtesten Science-Fiction-Autoren Europas. Der Deutsche lebt mit seiner Familie in der Bretagne. Einen hohen Bekanntheitsgrad erlangte er mit dem Buch „Das Jesus Video“. Mit dem Thema Geld beschäftigt sich Eschbach in dem Buch „Eine Billion Dollar“.

OON: Wie ist Ihr persönlicher Zugang zu Geld. Sind Sie eher Bausparer, Casinozocker oder Aktiendealer?

Eschbach: Ich bin Schwabe, folglich sparsam. Das kriegt man nicht raus. Casinos interessieren mich nicht die Bohne, Bausparen auch nicht, und Aktien tue ich mir nicht an, weil ich mehr Wert auf einen ruhigen Nachtschlaf lege als auf Geld. Das Ideal, das ich anstrebe, ist, meinen Lebensstil und mein Einkommen so auszubalancieren, dass ich mir über Geld keine Gedanken zu machen brauche. Heute fasziniert mich an dem Thema, dass niemand wirklich zu verstehen scheint, wie es funktioniert. Bemerkenswert, wenn man bedenkt, dass Geld – im Gegensatz zu Elementarteilchen, Viren oder Klimaveränderungen – zu 100 Prozent menschliche Schöpfung ist.

OÖN: Es gibt viele Formen von Komplementärgeld: Vom Schweizer „Wir-Franken“ bis zu Tauschsystemen basierend auf „Talenten“. Die Freigeld-Bewegung sagt: „Zins ist Diebstahl“ ...

Eschbach: ... Ja, und deswegen darf sich die Freigeld-Gemeinde auch nicht wundern, wenn man sie nicht ernst nimmt. So einfach ist es nicht. Zins gehört zum Geld wie ein Schatten. Seinen Schatten kann man auch nicht wegdiskutieren, abschaffen oder verbieten. Das Freigeld nach Silvio Gesell ist ein faszinierendes Konzept – selbst wenn man die „Gesell’schen Spielregeln weltweit einheitlich einführen würde – was für sich schon eine absolute Utopie ist –, würden die Menschen sofort nach Wegen suchen, diese zu umgehen und gewissermaßen ein „schwarzes“ Geld zu schaffen, das dem heutigen entspricht.

OÖN: Wenn Sie Griechenland und die Finanzkrise betrachten, fühlen Sie sich da als Science-Fiction-Autor von der Realität überholt?

Eschbach: Erstaunlich ist auf jeden Fall die Geschwindigkeit, mit der sich die Dinge gerade entwickeln, und geradezu absurd ist der Anlass, der das ganze Kartenhaus ins Wackeln gebracht hat: Dass amerikanische Banker Millionen Leuten ohne Geld und Einkommen riesige Kredite aufgedrängt und das allen Ernstes für ein gutes Geschäft gehalten haben. So eine Idee hätte man in einem Roman nicht bringen können, das hätte einem der Lektor und die Leser als „total überzogen“ um die Ohren gehauen.

 

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Artikel Martin Dunst 11. Februar 2012 - 00:04 Uhr
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