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Leitartikel

Wohlstandsseuche Apathie

Von Gerald Mandlbauer 18. Mai 2019 00:04 Uhr

Großvater lag an der Piave. Wir fahren auf Urlaub dorthin. Über ein Europa, in dem alles Gewöhnung geworden ist.

Diese Woche war unser OÖN-Korrespondent in den USA, Thomas Spang, zu Besuch in seiner Heimatredaktion und erzählte über seine Bodenstation Washington. Dort wird das Leben immer teurer, mit 70.000 Dollar Jahreseinkommen klopft man an der Armutsschwelle.

Wir lernen daraus, dass vieles relativ und Definitionssache ist und aus der jeweiligen Zeit heraus, in historischem Zusammenhang, gesehen werden muss. Die Armen von heute sind nach den Maßstäben unserer Großeltern oder als Österreicher global gesehen in privilegierte Zeiten hineingeboren. Sie leiden nicht Hunger, sind sozial abgesichert, haben ein Dach über dem Kopf, was vor achtzig Jahren keine Selbstverständlichkeiten gewesen sind. Großvater lag im Schützengraben an der Piave, heute fahren wir auf Urlaub dorthin. Europa – eine wunderbare Sache.

Zwischen Tristesse unserer Großeltern und heutigem Komfort liegen die Errungenschaften des Wohlfahrtsstaates und nicht zu vergessen der europäischen Integration. Kooperation anstelle von Konfrontation hat einen Wohlstandsschub bewirkt. Studium, fester Arbeitsplatz, Kündigungsfristen, Urlaubsanspruch und Urlaubsgeld sind Normalitäten. In der Welt meines Großvaters, der von seinen Eltern weggegeben worden war, weil sie ihn nicht durchfüttern konnten, ist das alles noch ferne Utopie gewesen.

Diese heutigen Wohlfahrtsansprüche wurden in Form von Harmonisierung der Leistungen europaweit auf immer höheren Stand forciert. Die solidarischen Gesten gingen uns leicht von der Hand, solange auf Probleme mit Ausbau von Leistungen oder Geld reagiert werden konnte. Nichts ist zu groß, um diesen Erfolg zu beschreiben.

Doch wie es so ist mit Ideen und Werten wie Friede, Wohlstand, Freiheit, Stabilität: Sie verblassen mit den Jahrzehnten. Für die Nachgeborenen ist Europa heute vor allem eine Sache des materiellen Nutzens geworden.

Auch diese Frage nach dem Ego-Bonus hätte man vor zehn Jahren noch als eine durchwegs positive Geschichte erzählen können. Heute, viele Probleme und Krisenfälle später und am Vorabend einer Wahl, die einen Erfolg der Europaskeptiker und -gegner bringen könnte, fällt das ungleich schwerer, weil hinter Europa viele Fragezeichen stehen und keine Ausrufezeichen mehr.

Dabei lässt sich, selbst wenn wir Europa auf eine rein materiell bewertete Angelegenheit reduzieren, an diesem Erfolg nicht zweifeln. Schauen Sie sich die Entwicklung der österreichischen Handels- und Leistungsbilanz an – und Sie werden merken, was gemeint ist. Vieles davon ist generöse Normalität, die zu erkennen man ein gutes Auge benötigt und entsprechendes Interesse.

Ähnlich ist es mit der kommenden Europawahl. Sie zählt vielen so wenig, weil sie damit nichts Visionäres mehr anfangen können und weil es für sie keinen Unterschied macht, ob sie wählen oder nicht. Sie haben keinen Anreiz, alles ist selbstverständlich geworden.

Mit dem Verblassen der Friedensidee und dem Verschwinden europäischer Leidenschaften sind uns die weitreichenden Träume unserer Großeltern abhanden gekommen und mit den Träumen die großen Europäer (Kohl und Mitterrand sind die letzten gewesen). Erst so konnte ein konträres Europa in unseren Köpfen entstehen, das Bild einer „Zwangfabrik“ (Zitat M. Enzensberger), in der ein Chaos aus Vorschriften und Eingriffen die Rechte der Staaten aushöhlt.

Wir reden dabei von einem Zerrbild, das dem gesamten Konstrukt so nicht gerecht wird. Ein weiteres Paradoxon ist, dass viele davon profitieren, dass die Grenzen verschwunden sind, und sich dieselben als Reaktion darauf ebendiese Grenzen wieder wünschen.

Die kommende Europawahl könnte von den Kritikern und Skeptikern bestimmt werden. Noch größer wird das Lager jener sein, die den Wahlen überhaupt fernbleiben werden.

Deren Europa-Apathie ist nicht minder gefährlich für die Idee von der Überlegenheit der Kooperation. Auch dazu eine simple Erklärung, nennen wir sie Ignoranz, oder noch besser beschrieben vom Biologen Klement Tockner diese Woche in den OÖN: „Wenige wissen viel, viele wissen wenig.“ Die Kluft zwischen Wissen und Nichtwissen wird größer, an der Urne zählen die Stimmen beider Lager jedoch gleich. Auch das gehört eben zur Demokratie, dass sie sich damit aus sich selbst heraus gefährden kann.

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