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Leitartikel

Viel Inszenierung, wenig konkrete Politik

Von Eike-Clemens Kullmann 26. April 2019 00:04 Uhr

Sonderzug-Diplomatie ist die Fortsetzung der alten Familienstrategie

Wer vom ersten Gipfeltreffen zwischen Wladimir Putin und Kim Jong-un konkrete Lösungsvorschläge im Atomkonflikt erwartet hatte, wurde enttäuscht. Es gab lediglich viel Inszenierung, aber wenig konkrete Politik. Denn sowohl der Kremlchef als auch der Diktator hatten dafür kaum einen Spielraum. Putin kann die Sanktionen nicht einseitig lockern (jedenfalls nicht offiziell), der im gepanzerten Sonderzug angereiste Kim ist im Gegenzug nicht in der Lage, auf sein Drohpotenzial zu verzichten. So blieb es bei vagen Bekundungen, vor allem vom Kremlchef. Atomare Abrüstung sei ohne Garantie der territorialen Unversehrtheit Nordkoreas nicht möglich.

Ungeachtet dessen kam das Treffen zu einem spannenden Zeitpunkt: Kim brauchte nach dem gescheiterten Gipfel mit US-Präsident Trump dringend diplomatische Unterstützung. Und Russland wollte auf internationalem Parkett seine These untermauern, noch immer eine Großmacht zu sein. Das Treffen komplettierte Putins lange Liste der internationalen Konfliktlösungspolitik. Es passt zum Anspruch des Landes, mittlerweile bei Krisen in dieser Welt – ob in Venezuela, Libyen oder Syrien – stets mitzumischen.

Kim wiederum konnte zeigen, dass er auf der großen Weltbühne mitspielen kann – und neben der Volksrepublik China einen zweiten Verbündeten hat. Beide will er, wenn nötig, nach Belieben gegeneinander ausspielen. So wie dies schon die Strategie seines Vaters Kim Jong-il und Großvaters Kim Il-sung gewesen war, die beide ebenfalls mit dem gepanzerten Sonderzug nach Russland reisten. Die Familie perfektionierte über Jahrzehnte ihr Spiel, als "kleiner Bruder" – je nach Interessenlage – dem einen oder dem anderen "Freund" die kalte Schulter zu zeigen.

Wobei Russlands wirtschaftliche Hebelwirkung heutzutage eher gering ist. Waren vor den UN-Sanktionen noch 30.000 nordkoreanische Arbeiter als Holzfäller und Bauarbeiter in den russischen Ostteil entsandt, so sind es mittlerweile nur noch knapp mehr als 11.000. Und auch diese müssen eigentlich bis Ende des Jahres laut den Vereinten Nationen abgezogen werden, um die Kim-Dynastie von bitter benötigten Auslandsdevisen abzuschneiden. Im Vergleich zum dominanten China, das für rund 90 Prozent des nordkoreanischen Außenhandels verantwortlich ist, sind das bestenfalls Peanuts. Aber möglicherweise überlebenswichtige.

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Eike-Clemens Kullmann

Redakteur Außenpolitik, Weltspiegel

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