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Leitartikel

Europas 9/11 – sie werden es wieder versuchen, und wieder

Von Gerald Mandlbauer   15. November 2015

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Warum? So fragen die OÖNachrichten groß auf ihrer Titelseite am Montag. Dabei beginnt das Missverständnis damit, dass für die andere Seite unsere Werte und Maßstäbe nicht gelten.

Dieser Gegner passt in keines unserer Schemata, er kann mit unserem Denken nicht begriffen werden. Er will nicht reden, nicht verhandeln, keine Kompromisse schließen. Mitgefühl ist ihm fremd, er tötet wahllos, was er für des Teufels hält.

Es handelt sich um eine Steigerung des Bösen, um Fanatiker, die mit den Anschlägen in Paris in die europäische Herzkammer vorgedrungen sind und wieder zuschlagen können. Und wieder.

Es braucht nicht viel dazu, ein paar Kalaschnikows, Sprengstoff, Handys, Autos und wenige verhetzte Männer, die Massenmord für eine Erfüllung ihrer religiösen Pflichten halten. Das Reservoir für diese Endzeit-Krieger ist groß.

Dagegen kann es keinen Schutz geben, nicht einmal totalitäre Staaten können ihn garantieren. Massenmörder legen die Weichteile unserer Ordnung offen.

Der Nährboden für ihre feigen Angriffe ist ideal gedüngt. Der ungelöste Konflikt in Syrien, der Arabische Frühling, der sich in Unordnung aufgelöst hat, eine Flüchtlingswelle gigantischen Ausmaßes, dazu eine unübersehbare Schwäche europäischer Institutionen, all das macht es Terroristen einfacher. Dazu kommen poröse Außengrenzen, mangelhafte Koordination in Sicherheitsangelegenheiten, eine zunehmend multiethnische Bevölkerung mit gesteigertem Aggressionspotential.

Unsere Verwundbarkeit zeigt sich darin, dass wir abermals in Floskeln und Betroffenheitsprosa zur Bewältigung der Ereignisse flüchten. "Die Freiheit wird gewinnen." "Wir werden unsere Werte nicht opfern." Diese Basis-Bausätze, geschrieben in unmittelbarer Betroffenheit bei 9/11, bei den Anschlägen auf Charlie Hebdo, gelten auch für Paris 11/13. Wir müssen sie gut abspeichern, es kann jederzeit den nächsten Verwendungszweck geben.

Diese Erschütterungs-Formeln stehen für ein Europa, das soeben sein eigenes "nine eleven" erlebt hat und das mühevoll begreifen lernt, dass es erst zu neuer Stärke finden muss, wenn es diese Metastasen des islamistischen Terrors endgültig beseitigen will.

Der dazu notwendige Krieg ist hybrid, niederschwellig, doch es ist Krieg, der mit mehr Überwachung, mehr polizeilichen Befugnissen, mehr Datenerfassung geführt werden wird, vor allem jedoch mit Überlegtheit und Ruhe. Hysterie ist fehl am Platz.

Man muss auch kein Prophet sein, um vorherzusagen, dass die Anschläge der Flüchtlingsdebatte neue Richtung geben werden. Es wird zu einer anderen Politik kommen, der Ton wird hörbar rauer.

Zugleich gilt – und das ist kein Gegensatz –, dass Europa umso stärker dem Islamischen Staat in die Hände spielt, wenn es den Islam ausgrenzt und als Feindbild markiert.

Wir brauchen also rechtes Maß und Differenzierung. Schrankenlose Offenheit ist genauso falsch und weltfremd wie eindimensionale Fremdenfeindlichkeit, die nach Paris ohnedies zusätzliches Feuer erhalten wird.

Niemand darf in dieser Auseinandersetzung gegen den Terror beiseite stehen. Auch Österreich nicht. Es kann nicht länger auf sein bewährtes Prinzip zurückgreifen und sich die Tuchent über den Kopf ziehen für den Irrglauben, auf diese Weise gefeit zu sein vor den Wirren dieser Welt.

Österreich hat dieses Danebenstehen perfektioniert. Es guckt durch die Löcher im Maschendraht auf die Weltpolitik, lässt die anderen tun und fährt seine Sicherheitssysteme herunter. Jetzt ist der Punkt einer kraftvollen Umkehr gekommen. Dieser Krieg kennt keine Neutralität.

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