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Leitartikel

Die vierte Welle

Von Gerald Mandlbauer  06. November 2021 00:04 Uhr

Corona-Patient im Spital

Corona-Graben bis ins Linzer Landhaus. Der politische Zweck schlägt die Moral.

Es ist ein Herbst der vielen Wirklichkeiten, der kalte Wind kommt von allen Seiten. Oberösterreich ist das Land mit den höchsten Infektionszahlen und der niedrigsten Impfrate, und man fragt sich, warum es für die Gesellschaft so schwer ist, das Richtige zu tun.

Dass es nur eine Wirklichkeit gibt, ist eine Illusion. In Schweden, lange Zeit das Musterland für die militanten Corona-Zweifler, wird das Verhalten der Regierung von einer Untersuchungskommission hart kritisiert. In Deutschland geraten Ärzte und Gesundheitsminister in Streit über die richtige Impfstrategie. Derweil zeigen Länder wie Italien, Spanien oder Portugal, dass sich mit Führungsstärke die Dinge halbwegs kontrollieren lassen.

In eine gegenteilige Richtung läuft es bei uns, die Grantigkeit auf allen Seiten nimmt zu. Die Geimpften warten auf die dritte Teilimpfung. Mutige Leadership ist nur in Wien erkennbar, während Bund und Länder gestern noch über verschärfte Maßnahmen berieten, eilt Michael Ludwig dem voraus. Er ist in Österreich Mann der Stunde.

Das Prinzip Vorsicht, erkennbar an den Masken, kehrt damit zurück, es wird uns den Winter über erhalten bleiben. Die Maske wird wieder zum Unterscheidungsmerkmal. Wer leichtfertig auf sie verzichtet, bringt zum Ausdruck, dass ihn die Argumente dafür nicht berühren. Die Ungeimpften zerfallen in mehrere Segmente. Der harte Kern mit seinem radikalen Autonomieansatz hat nicht begriffen, dass diese Interpretation von Freiheit nirgendwo festgeschrieben steht. Der Zwilling der Freiheit ist schließlich die Pflicht. Es ist kein Zufall, dass in den ostasiatischen Gesellschaften Covid bisher viel effektiver bekämpft worden ist. Es könnte damit zu tun haben, dass dort Rechte und Pflichten der Bürger denselben Stellenwert haben, während bei uns die Rechte viel stärker betont werden.

Leute, deren Wissensstand über Viren und Pandemien bis vor zwei Jahren bei null war, wissen heute alles besser. Sie sind taub für Argumente, die gefühlte Unfreiheit ist unter ihnen groß, die Eingriffe des Staates werden als überschießend bezeichnet, alles ein Ausdruck unserer Verfasstheit. Freie Gesellschaften sind voller Widersprüche, sie zu tolerieren, fällt nicht leicht.

Von den Kritikern vernachlässigt wird dabei die Betrachtung der Pandemie aus dem Blickwinkel derer, die seit beinahe zwei Jahren im Brennpunkt stehen: Es geht um das Personal auf den Intensivstationen. Die OÖN beleuchten die Lage heute in einer berührenden Reportage. Die Situation, so wird es beschrieben, sei extrem angespannt. Erneut hat die Politik es nicht geschafft, Spitäler zu schützen. Operationen werden verschoben, das Wort Triage kommt vor, schon wieder ist es so weit.

Wie hat es dazu kommen können, speziell in Oberösterreich? Die Politik redet sich auf die Fachleute aus. Die Fachleute sagen informell, dass sie seit zwei, drei Monaten vor genau dieser Entwicklung warnen, aber wegen der Landtagswahl nicht durchgedrungen sind.

Das deckt sich mit dem Eindruck, dass unser Bundesland sich nicht gerade mit Entschlossenheit hervorgetan hat – freundlich formuliert. Die Bevölkerung, hochgradig sensibel, hat dieses Zaudern und Wursteln erkannt. Damit ist diese Woche miserabel für die Landespolitik verlaufen. Eine Beamtin wurde vorgeschickt und konnte bei Armin Wolf nur verlieren. Dies wirkt als Vertrauensverlust bei den Landesbediensteten, im Krisenstab und in der VP lange nach.

Auf einer der Intensivstationen, deren Personal wieder am Anschlag zu arbeiten beginnt, wurde vor einigen Monaten Manfred Haimbuchners Leben gerettet. Der medizinische Standard und der wissenschaftliche Konsens zu Corona haben das geschafft. Man sollte annehmen, der FP-Chef würde als Teil der Landeskoalition alles tun, um diese Abteilungen und diesen Konsens zu schützen, damit sich die Lage nicht weiter verschärft. Das tut er leider nicht und er wehrt sich auch nicht dagegen, dass dieser Konsens von seinen Leuten in den sozialen Medien untergraben wird.

Während der Landeshauptmann Ende der Woche den Ernst begriffen hat, fällige Entschlossenheit zeigte und eine härtere Linie einschlägt – endlich –, fallen ihm die Freiheitlichen dabei in den Arm.

So erreicht der Corona-Graben Landhaus und Regierung, das Krisenmanagement wird brüchig, es gleicht dem einer Corona-Bezirksliga. Die Frage ist, wie lange es die VP überhaupt noch schafft, sich ihren Partner mit seiner verqueren Deutung von Regierungsräson schönzureden. Der Ruf Oberösterreichs leidet darunter. Es ist der VP anzukreiden, dass sie diesen Konflikt in einer elementaren Frage nicht hat kommen sehen. Sie ist zu blauäugig gewesen.

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Artikel von

Gerald Mandlbauer

Chefkommentator und Mitglied der Chefredaktion

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