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Wirtschaft verstehen

Neid- und Reichtums-Weltmeister

Von Teodoro Cocca   06. März 2019 00:04 Uhr

Dass Neid gegenüber Reichen beziehungsweise Reichtum gerade in Österreich besonders ausgeprägt sein soll, erstaunt.

Jüngst veröffentlichte Daten deuten auf eine international besonders neidische Haltung der Deutschen gegenüber Reichen hin. In Österreich sei dies nicht viel anders, so der Tenor in den Kommentaren dazu.

Dass Neid gegenüber Reichen beziehungsweise Reichtum gerade in Österreich besonders ausgeprägt sein soll, erstaunt. Einerseits gehört Österreich zu den reichsten Ländern der Welt, hat weltweit betrachtet ein äußerst geringes Maß an Ungleichverteilung der Einkommen und international einen sehr hohen Anteil an Steuereinnahmen, welche über das Sozial- und Wohlfahrtssystem wieder verteilt werden. Ohne Zweifel hat auch das österreichische System Verbesserungspotential, aber es gibt wohl kaum ein Land, welches mit "faireren" Rahmenbedingungen, was Reichtum und Wohlstand betrifft, gesegnet ist. Woher kommt also dieses Neidgefühl?

Grundsätzlich zeigen Studien zu Neid Folgendes. Erstens: Menschen sehen Belohnungen immer im Vergleich zu anderen. Man fühlt sich glücklicher, wenn man 100 Euro am Tag, der Arbeitskollege aber nur 80 Euro bekommt, als 120 zu bekommen, wenn der Kollege 140 bekommt.

Zweitens: Beim Erlangen der vorher beneideten Belohnung der Bessergestellten endet der neidbedingte Antrieb – die erlangte Belohnung wird nun gegenüber anderen verteidigt und als richtig empfunden. Das Gefühl des Neides scheint somit primär der Befriedigung der eigenen egoistischen Bedürfnisse und weniger einem allumfassenden Wunsch nach Gerechtigkeit zu dienen.

Drittens: Neid wirkt vor allem gegenüber Menschen in "Reichweite". Auf den größeren VW des Nachbarn ist man neidischer als auf den Rolls-Royce von Bill Gates. Besonders schmerzhaft wird es anscheinend dann, wenn wir unser Gegenüber als besonders ähnlich wahrnehmen und die angepeilten Ziele eine hohe persönliche Relevanz für uns besitzen. Entscheidend ist offenbar der Impuls: "Das würde eigentlich mir zustehen!". Das Paradoxe am österreichischen Neidkomplex wäre somit der Umstand, dass die Reichtumsunterschiede so eng beieinander liegen. Gerade dies nährt den Neidreflex in besonderem Maße. Unterschieden werden kann zwischen dem depressiv-lähmenden und dem ehrgeizig-stimulierenden Neid, der auf Veränderung drängt. Der nach Glück Strebende sollte sich wohl auf Letzteren konzentrieren.

Jordan Peterson, Psychologe und einer der meistbeachteten Denker unserer Zeit, provozierte kürzlich mit der Aussage, man soll nicht neidisch auf das Vermögen von Bill Gates schielen, sondern sich fragen, ob man die letzte Stunde so verbracht hat, dass jemand einem dafür 50 Dollar zahlen würde. Ich muss also sofort mit dem Tippen aufhören und zurück zu meiner Arbeit.

Teodoro D. Cocca ist Professor für Asset Management an der JKU

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