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Wirtschaft verstehen

Europa ist der Hort der Marktwirtschaft, nicht die USA

Von Hermann Neumüller   07. November 2018 00:04 Uhr

Die EU hat ihre Lektion in Marktwirtschaft gelernt und offensichtlich ihren Lehrmeister dabei überflügelt.

Um eine derartige Behauptung aufzustellen, braucht man untadelige Zeugen. Germán Gutierrez und Thomas Philippon heißen sie. In einer Studie für das US-amerikanische National Bureau of Economic Research (NBER) kommen sie zum Schluss, dass die europäischen Märkte eine geringere Konzentration, also mehr Konkurrenz, weniger extrem hohe Gewinne und niedrigere regulatorische Eintrittsbarrieren für neue Wettbewerber aufweisen.

Dieses Ergebnis sei auch für sie überraschend, schreiben die beiden Autoren. Denn bis in die 1990er Jahre war es genau umgekehrt. Die EU hat ihre Lektion in Marktwirtschaft gelernt und offensichtlich ihren Lehrmeister dabei überflügelt. Warum? Die Autoren haben eine einfache Antwort: die EU bzw. deren Wettbewerbsaufsicht.

"Übernationale Behörden sind politisch unabhängiger als solche, die der durchschnittliche Politiker zu Hause gerne hätte", zitiert Josef Joffe in der Wochenzeitung "Die Zeit" aus der Studie. Übernationale Wettbewerbshüter können unabhängiger agieren und härter durchgreifen. Das zeigen die harten Urteile der EU-Wettbewerbsbehörden gegen große und kleine Kartelle. Davon waren auch österreichische Unternehmen betroffen.

Schon allein die Tatsache, dass sich Firmen bei Preisabsprachen nie sicher sein können, ins Visier der Brüsseler Behörde zu geraten, reicht meist. Diese Autonomie macht es für Unternehmen schwieriger, Einfluss zu nehmen. Nationale Aufsichtsbehörden sind mehr politischem Druck ausgesetzt. "US-Firmen geben bedeutend mehr für Lobbyarbeit und Wahlspenden aus", heißt es in der Studie. Fast drei Milliarden Dollar waren es 2015 in den USA, eine Milliarde in der EU.

In den USA werden die Internet-Konzerne mit Samthandschuhen angefasst. Ihre exzessiven Gewinne etwas zu reduzieren, darum bemüht sich die EU-Kommission. In den USA sind ähnliche Bestrebungen nicht bekannt. Man versucht nur, das Geld, das sie in Steueroasen bunkern, via Steuerzuckerl zurück ins Land zu holen.

Wir haben das eh schon immer gewusst, werden die Kapitalismus-Kritiker sagen. Der Neoliberalismus hat sich bei uns durchgesetzt. Aber warum bei uns und nicht in den USA? Ist es erstrebenswert, dass nur jemand US-Präsident werden kann, der Milliardär ist oder Milliardäre hinter sich hat? Die spenden nicht nur, weil sie den oder die Politikerin für das Präsidentenamt als geeignet halten. Sie säen, um nach der Wahl zu ernten.

Vom intensiven Wettbewerb profitieren die Konsumenten. In Amerika kostet ein Breitband-Anschluss fast doppelt so viel wie in der EU. US-Verbraucher würden 65 Milliarden Dollar weniger zahlen, wenn der Wettbewerb auf dem Mobilfunkmarkt so intensiv wäre wie in Deutschland.

Hermann Neumüller ist Wirtschaftsredakteur der OÖN

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