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Wirtschaft verstehen

Das "versteckte" Nein im chinesischen Wissenschaftsbetrieb

Von Friedrich Schneider   21. November 2018 00:04 Uhr

Ende Oktober reiste ich für zwei Wochen nach China in die Städte Wuhan, Lanzhou und Peking.

Ich war eingeladen, meine gemeinsam mit einem jungen chinesischen Wissenschaftler, der ein Jahr bei mir in Linz forschte, erarbeiteten Studien zur Schattenwirtschaft und Korruption in China und den 30 chinesischen Provinzen zu präsentieren.

Ich hoffte auf einen kritischen Dialog vor Ort, um meine Arbeiten zu verbessern. Der Diskussionsprozess bzw. die Präsentation der Ergebnisse gestaltete sich allerdings viel schwieriger, als ich es mir je hätte vorstellen können. An den von mir besuchten chinesischen Universitäten hat das Senioritäts- oder Hierarchie-Prinzip immer noch oberste Priorität. Dies bedeutete, dass zuerst immer darauf geachtet wurde, wie der ranghöchste Professor auf meine Ergebnisse reagierte. Wenn der mit ihnen nicht einverstanden war, wurde keine inhaltliche Kritik geübt, sondern die Ergebnisse über das Ausmaß an Schattenwirtschaft oder Korruption als falsch angesehen.

Mit dieser Einstellung wird wissenschaftliches Arbeiten sehr erschwert, da Widerspruch und Kritik es sind, wovon Wissenschaft lebt und nur dadurch besser wird. Ein Nein oder Kritik wird in China als Kränkung empfunden.

Mein Alter und meine Reputation halfen mir bei den Vorträgen insoweit, als ich vortragen konnte. Aber ich lernte wenig bis nichts. Dies bedeutet, dass produktives wissenschaftliches Arbeiten mit den Wissenschaftlern vor Ort sehr mühsam war.

Welchen Trick gibt es, diese Kollegen aus der Reserve zu locken? Es ist das "versteckte" Nein. Was heißt das? Widerspruch oder ein Nein sollte eben nur versteckt geäußert werden, in dem Sinne, dass ein anderer Wissenschaftler in einem anderen Land diesen und jenen "Fehler" machte.

Ich "übertrug" also meine Ergebnisse nach Indien, wo es nach Meinung der chinesischen Wissenschaftler sehr viel mehr Schattenwirtschaft und Korruption gibt. Jetzt konnte offen und produktiv diskutiert werden, da dies ja ein ganz anderes Land betraf.

Allerdings brauchte ich häufig recht lange, bis ich erkannte, was ich von der geäußerten Kritik an den "ausländischen" Ergebnissen für meine konkrete Arbeit über China verwenden konnte. Dies bedeutet, dass ich zuerst einen wissenschaftlichen "Watschenmann" im Ausland, der natürlich überhaupt nichts mit meiner Arbeit über China zu tun hatte, aufbauen musste. Dann ging etwas weiter. Die Methode ist aber sehr mühsam und zeitraubend. Die wissenschaftliche Produktivität ist entsprechend gering.

Was lerne ich daraus? Ich erkannte wieder einmal, wie wichtig die Freiheit in der Forschung und Lehre ist, und darüber hinaus, wie schwer sich Länder ohne Demokratie damit tun.

 

Friedrich Schneider ist emeritierter Professor für Volkswirtschaftslehre an der Universität Linz

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