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Kotankos Corner

Zornige Senioren: Was Androsch, Busek, Mitterlehner und Co. bewirken

Von Christoph Kotanko   01. Februar 2019 00:04 Uhr

Zornige Senioren: Was Androsch, Busek, Mitterlehner und Co. bewirken
Kritisiert den „Rechtsruck“ unter Kurz: Ex-ÖVP-Obmann Reinhold Mitterlehner

WIEN. Zwischenrufer. Prominente Ex-Politiker nerven ihre Partei durch Meinungsfreude, manchmal Besserwisserei. Sie hören sich selbst gerne reden – und haben zugleich Einfluss auf die Meinungsbildung.

Hans Niessl, der scheidende Landeshauptmann des Burgenlandes, weiß, was er nach dem 28. Februar nicht machen wird: "Es wird keine Zwischenrufe von mir geben, weder aus der Muppet-Loge noch von sonst irgendwo."

Von Altlandeshauptleuten wie Josef Ratzenböck, Josef Pühringer oder Waltraud Klasnic hat man seit ihrem Abgang kein abfälliges Wort über die eigene Partei oder über die Politik allgemein gehört.

Auch für Ex-Bundeskanzler Werner Faymann stand bei seinem Abschied fest: "Ich werde kein Balkon-Muppet sein, das ständig dazwischen g’scheiterlt."

So viel Bedürfnislosigkeit ist unter Altpolitikern nicht die Regel. "Aufhören, das liegt mir nicht", sagte Erhard Busek anlässlich seines 70. Geburtstages 2011.

Seither ist der frühere ÖVP-Chef und Vizekanzler nicht stiller geworden. Unablässig mengt er sich in die Tagespolitik ein, wobei die eigene Partei die bevorzugte Zielscheibe ist. Auch Amtsträger der katholischen Kirche kommentiert der Christdemokrat gern bissig: "Die Kirche ist durch ihre Repräsentanten nicht umzubringen."

Zu gescheit für die Politik?

Die Entwicklung der ÖVP verfolgt Busek wahlweise "mit Sorge" oder "alarmiert", er sieht bei den Schwarzen bzw. Türkisen viel "Konfliktscheu" und weitere "ganz schreckliche Zeichen".

Ist er ein Muppet wie Waldorf und Statler in der "Muppet-Show", zwei ältere Herren, die das Geschehen aus der Loge kommentieren? "Ich bin ein politischer Mensch und lebe sehr stark mit", erklärte Busek einmal in der "Presse" und fügte an: "Wenn mich etwas aufregt, muss ich was sagen."

Während Busek (er war laut Pühringer "zu gescheit für die Politik") als Pointenschleuderer eine gewisse Anerkennung genießt, wird Reinhold Mitterlehners Lästern in der heutigen ÖVP als Anzeichen von Verbitterung interpretiert.

Mitterlehner hat sein Verhalten merkbar geändert. Unmittelbar nach seinem erzwungenen Rücktritt schwieg er eisern.

Das änderte sich ab Mitte 2018, denn: "Mich juckt es, wenn die Dinge nicht so behandelt werden, wie es sachlich logisch wäre."

Seither nimmt er öffentlich den "Rechtsruck" der Kurz-ÖVP aufs Korn – was dort mit wachsendem Unbehagen registriert wird.

Mitterlehner bereitet mit einer "Falter"-Autorin ein Buch über die korrekte politische Haltung vor, Subtext: Die der ÖVP ist gegenwärtig falsch. Diese Woche schrieb er in einem Leserbrief an die OÖN, er gelte in seiner Partei inzwischen als "so was wie ein Linker".

Grantelnde Old Boys

Was Mitterlehner ungern zugibt: Er selbst wollte den türkisen Jungstar als Nachfolger. Nur war er dann nicht mehr stark genug, um den Zeitpunkt zu bestimmen.

Randalierende Rentner (laut Busek "das letzte Aufgebot") gibt es in fast allen Parteien.

Hannes Androsch nervt die SPÖ mit seinen Mahnungen ("Es gelingt ja nicht einmal, einen Elfmeter ohne Tormann zu verwandeln"). Johannes Voggenhuber greint über die Grünen ("ein Intrigantenstadl voll zynischer Überheblichkeit"). Zu den grantelnden Old Boys gehört auch Ex-FPÖ-Minister Friedhelm Frischenschlager, der zu den Liberalen überlief und dort ein weiteres Mal scheiterte.

Der Protest prominenter Pensionisten ist keine heimische Spezialität. In den USA wurde der Wahlverlierer Al Gore zum Quälgeist mehrerer Präsidenten; er konnte sagen, was er dachte – für einen aktiven Politiker unmöglich.

Die eigene Nase schöner malen

In Deutschland ließ Altkanzler Helmut Schmidt die Köpfe seiner Nachfolger rauchen. Nur auf eine Abrechnung in Buchform verzichtete er, denn: "Memoiren sind eine Verleitung, die eigene Nase schöner zu malen, als sie ist."

Die Altvorderen hören sich gerne selber reden – doch was bewirken sie wirklich?

Der Politikforscher Peter Hajek (Public Opinion Strategies) glaubt, dass die Wortmeldungen "in der breiten Öffentlichkeit wenig bis keine Auswirkung haben. Man muss den Zeitfaktor sehen."

Viele Ex-Politiker seien historische Figuren. Androsch etwa wurde Finanzminister, als die heute 50-Jährigen ein Jahr alt waren.

Bei Mitterlehner, der bis 2017 amtierte, sei es womöglich anders; er habe noch eine hohe Bekanntheit, "das kann bei dem einen oder anderen Wähler etwas bewirken."

Wichtiger als für die breite Öffentlichkeit seien solche Wortmeldungen innerhalb der Partei, sagt Hajek. "Da hat es schon Gewicht, wenn ein langjähriger Funktionär in die innere Opposition geht."

Zwei Fragen bleiben: Warum haben die zornigen Senioren die Probleme nicht gelöst, während sie in der Spitzenpolitik waren?

Und: Warum kommen so wenige Jüngere nach, die – wie einst der Parteirebell Josef Cap – das Establishment aufmischen?

Hajek verweist auf den 32-jährigen Kurz: "Die Jungen haben eh schon das Ruder übernommen."

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