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Haiden am Donnerstag

Lügen für die Heimat

Von Christine Haiden   02. Mai 2019 00:04 Uhr

An dieser Stelle ist eine interessante Begebenheit aus unserem Nachbarland Ungarn nachzutragen.

Dort wird "Porgy und Bess" an der Staatsoper in Budapest mit großem Publikumszuspruch aufgeführt. Die Oper stammt aus der Feder des amerikanischen Komponisten George Gershwin. Sie spielt in einem Viertel von Schwarzen in Charleston, zeigt das Leben von Afroamerikanern um 1870 und darf nach dem Willen des Komponisten nur mit Schwarzen in den Hauptrollen besetzt werden.

Weil nach dem Verständnis Viktor Orbáns Ungarn den Ungarn gehören müsse, wollte man die Verfügung Gershwins umgehen, um das Stück zeigen zu können. Man ließ die Darsteller einen Zusatz zu ihrem Vertrag unterzeichnen, dass sie Afroamerikaner seien. Und sie haben es getan. Nun tanzen und singen ausschließlich Weiße zu "Summertime" und genieren sich nicht einmal dabei. Das ist ein selten plakatives Beispiel, was autoritäre Systeme mit Menschen machen. Sie nötigen sie zum Lügen, und um ihres eigenen Vorteils willen machen die Willfährigen auch prompt mit.

Orbán begründet sein Faible für die Ungarn mit ähnlichen Argumenten wie jene, die einen "Austausch" von einheimischer durch ausländische Bevölkerung fürchten. Vor allem Muslime und Juden möchte man am liebsten hochkant rauswerfen, aber man duldet offenkundig auch keine Afroamerikaner. Die "Volksschützer" berufen sich gerne auf ein alle verbindendes und andere ausschließendes christliches Abendland und seine Werte. Was sind diese Werte im historischen Rückblick? Nicht nur die vom Evangelium geforderte Nächstenliebe lässt sich da feststellen, sondern es finden sich im Namen des Christentums auch alle Formen von Gewalt und der ganze Kanon der Vergehen, die mittels der 10 Gebote vermieden werden sollten. Da wurde gelogen, gestohlen, gemordet und vergewaltigt.

Das alles ist Teil des christlichen Abendlandes, wie es auch Teil aller anderen menschlichen Kulturen ist. In der Bösartigkeit gibt es keine biologischen oder nationalen Unterschiede. Wenn solches Verhalten im Namen eines angeblich höheren Volkswillens gefördert oder angeordnet wird, ist das Machtmissbrauch. Es gibt keinen einheitlichen oder "natürlichen" Volkswillen, keine christlichen Werte, die ihn legitimieren. Auch Menschen, die Orbán nicht gewählt haben, sind Teil des ungarischen Staates. Statt sich auf irgendwelche nicht klar festlegbaren Werte zu berufen, geht es darum, funktionierende Institutionen einer Demokratie zu haben. Sie sichern die Freiheit der Bürger. Ungarische Gerichte müssen, so sie noch nicht kuschen, offenkundig sittenwidrige Zusätze zu Verträgen für ungültig erklären. Das ist der einzige Schutz vor den selbst ernannten Schützern von Werten, die perfid sind, wenn sie Menschen zu Rechtsbruch und Willkür verleiten.

 

Christine Haiden ist Chefredakteurin der Zeitschrift "Welt der Frauen". christine.haiden@welt-der-frauen.at

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