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Alltagsdinge

Das Phänomen der Kinderkreuzzüge

Von Roman Sandgruber 15. Juni 2019 00:04 Uhr

Das Phänomen der Kinderkreuzzüge
Greta Thunberg und Arnold Schwarzenegger

Wenn schon die Erwachsenen die Herausforderungen nicht lösen können oder wollen, dann müssen es die Kinder tun.

Zu den groteskesten Auswüchsen des Mittelalters gehört das Phänomen der Kinderkreuzzüge. Im Frühling des Jahres 1212, als die Kreuzzugsbewegung nach dem von den Venezianern für ihre eigenen Interessen missbrauchten und völlig verunglückten vierten Kreuzzug auch bei den Befürwortern bereits weitgehend in Misskredit geraten war, waren plötzlich visionäre jugendliche Heilsprediger aufgetaucht, die mehrere Tausende Kinder und Jugendliche aus Deutschland und Frankreich zu einem unbewaffneten Kreuzzug ins Heilige Land zu motivieren vermochten.

Ein fünfzehnjähriger Dorfbub und Hirte aus dem Loire-Tal namens Étienne oder Stefan hatte behauptet, Jesus habe ihm in Gestalt eines armen Pilgers den Auftrag zur Befreiung des Heiligen Landes gegeben. Er predigte in großen Kirchen und wurde sogar vom König empfangen.

Im Rheinland formierte sich eine ähnliche Bewegung, angeführt von einem Jugendlichen aus Köln namens Nikolaus. Bis zu 30.000 Kinder, wohl eher Jugendliche, sollen den Aufrufen gefolgt sein. Der Papst, damals der mächtige Innozenz III., soll gesagt haben: "Diese Kinder beschämen uns. Während wir schlafen, ziehen sie fröhlich aus, um das Heilige Land zu erobern."

Aber viele Zeitgenossen sahen in ihnen nichts als dumme Kinder, die sinnlos ins Verderben gehen. Ihr Ende war tatsächlich erbärmlich. Die Jugendlichen kamen zwar bis Italien. Aber ihr Schicksal liegt weitgehend im Dunklen: Sie erlagen den Strapazen, verhungerten, wurden von Bauern, deren Felder sie verwüsteten, erschlagen oder von Sklavenjägern verschleppt.

Die Bilder kommen einem vertraut vor. Wenn schon die Erwachsenen die Herausforderungen nicht lösen können oder wollen, dann müssen es die Kinder tun. Natürlich sind die Ziele der Kreuzzüge und die Auftritte der 16-jährigen Schwedin Greta Thunberg und die von ihr ausgerufenen Schulstreiks nicht vergleichbar. Aber die falschen Unterstützer und eigennützigen Profiteure sind ähnlich rasch zur Stelle wie im Mittelalter, und die wirklichen Adressaten in China und den USA, auf die fast die Hälfte des weltweiten CO2-Ausstoßes entfällt, sind genauso unerreichbar wie die Sarazenen einst im Heiligen Land.

Donald Trump reibt sich die Hände. Und Arnold Schwarzenegger, der am Vormittag zusammen mit Greta Thunberg gegen die Energievergeudung und Klimagefährdung durch den Flug- und Autoverkehr protestierte, lobt am Nachmittag das Lebenswerk seines Freundes Niki Lauda, das zur Gänze der Luftfahrtindustrie und dem Energie vergeudenden Autorennsport gewidmet war, und reist am Abend mit dem Privatjet, der energieintensivsten aller Reisemöglichkeiten, zum nächsten Event weiter. Er bläst dabei an einem einzigen Tag mehr als das Fünffache des Jahresausstoßes eines durchschnittlichen österreichischen Autofahrers in die Luft.

Roman Sandgruber ist emeritierter Professor für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte an der Johannes Kepler Universität Linz. 

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