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Alltagsdinge

Das Gasthaus im Museum

Von Roman Sandgruber   18. Mai 2019 00:04 Uhr

Das Gasthaus im Museum
Wirtshauskultur im Linzer Nordico

Gasthäuser sind Heimat. Sie stehen allen offen, den Einheimischen und den Fremden, den Honoratioren und den Hacklern.

Im Linzer Stadtmuseum Nordico sind die Gasthäuser zu Gast. Früher war das ganze Land voller Gasthäuser. Muss man sie heute schon im Museum suchen? Dass die Museen manche Funktionen des Gasthauses übernommen haben, macht die derzeitige Sonderausstellung im Nordico mit dem Titel "Prost, Mahlzeit" deutlich. Die Museen wecken nicht nur nostalgische Erinnerungen, sondern bieten auch Unterhaltung und geistige sowie leibliche Genüsse.

Am Sonntag, 19. Mai, dem Internationalen Museumstag, ist in den oberösterreichischen Museen Tag der offenen Tür und wie es sich in einem Gasthaus gehört, Eintritt frei! Alle Linzer Museen und insgesamt 55 Museen und Sammlungen in ganz Oberösterreich beteiligen sich mit diversen Aktionen und Aktivitäten. Das Programm gibt es in einer gedruckten Programmbroschüre, in einem Online-Veranstaltungskalender des Verbunds oberösterreichischer Museen und auf einer digitalen Landkarte im oö. Rauminformationssystem DORIS.

Gasthäuser sind Heimat. Sie stehen allen offen, den Einheimischen und den Fremden, den Honoratioren und den Hacklern, nach der Arbeit, zu gemeinsamen Festen und Aktivitäten, aber auch in einsamen Stunden und stiller Trauer. Früher gab es neben der Kirche nur wenige Orte der Gemeinsamkeit. Nach der Messe, in die man erst nach der Predigt hineinging und die man schon nach der Wandlung wieder verließ, ging es ins Wirtshaus. Hier wurde gezecht und gelacht, politisiert und gemunkelt, gestritten und gerauft. Gegessen wurde eher selten. Man hatte ja eine kochende Gattin zuhause.

Das Wirtshaus fungierte als Wohnzimmer und Kommunikationszentrum. Hier hatten Stammtischrunden, Bruderschaften, Krankenunterstützungsanstalten, Sparvereine und sonstige gesellige oder gemeinnützige Organisationen ihren Sitz. Die Wirte standen zumeist an deren Spitze. Es gab die verschiedenartigsten Originale, die künstlerisch begabten und die politisch engagierten Wirte. Sie erscheinen immer wieder als Anführer von Volksaufständen, in den oberösterreichischen Bauernkriegen ebenso wie im Tiroler Freiheitskampf. In einem Wirtshaus aufgewachsen zu sein, bietet Politikern, und heute auch Politikerinnen, einen erklecklichen Startvorteil: Hier lernt man Kommunikation und Sitzfestigkeit, denn man kommt selten vor Mitternacht ins Bett.

Das Wirtshaus ist in einem tiefgreifenden Wandel begriffen: Als Ort der täglichen Kommunikation wird es immer mehr verdrängt. Die Information und Unterhaltung erfolgt über Fernsehen und Handy, das Bier kauft man im Supermarkt, gegessen wird in der Kantine und im Buffet, die neuen Treffpunkte sind am Fußballplatz oder im Fitnesscenter. So geht man seltener ins Wirtshaus. Doch wenn man eines sucht oder braucht, dann fehlt es einem. Drum auf ins Nordico und in die anderen oberösterreichischen Museen!

 

Roman Sandgruber ist emeritierter Professor für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte an der Johannes Kepler Universität Linz. 

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