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Welser Stadtschreiber

Welser Stadtschreiber

Von Stefan Kutzenberger   24. Januar 2019

Gestern hatte ich einen Auftritt im Schlachthof. Meine Hoffnung, viele Leute dorthin zu bringen, die sonst nicht in den Schlachthof gehen, erfüllte sich so naja.

Aber wenn ich auch nur eine Person dazu motivieren kann, aus der Blase herauszukommen und sich auf andere Bevölkerungsschichten und Meinungen der Stadt einzulassen, dann war meine Stadtschreiberei schon ein Erfolg. Der Schlachthof ist einer der spannendsten Veranstaltungsorte Österreichs. Zu meinem Schrecken pickt dort aber im Männerklo ein Sticker, auf dem steht: Linz ist fad. Das höre ich als Linzer nicht gern, und ich wäre fast versucht gewesen, Wels zum Duell zu fordern, doch stattdessen machte ich Atemübungen und sagte mir, dass ich hier nur Gast bin und dass man das Haus des Gastgebers nicht verwüsten darf, wenn einem ein Spruch an der Wand nicht gefällt. Außerdem wäre es nur allzu leicht gewesen zu kontern, doch auf Kleinere soll man nicht einschlagen.

Auf Größere jedoch schon, darum fangen wir mit Wien an, dort waren wir zumindest alle schon einmal, wogegen die Wienerinnen und Wiener, so es sie überhaupt gibt, noch nie in Linz oder Wels waren, denn sie gehen nie weg, sehen nie die Welt, lernen nie dazu, bleiben immer in der Stadt, die einmal Kaiserstadt war und nun nicht einmal noch die Hauptstadt von Niederösterreich sein darf. Wir Oberösterreicher und Oberösterreicherinnen gehen dagegen sehr wohl hinaus in die weite Welt, kehren aber verlässlich zurück in die Heimatstadt, da wir das Hoamatland ja genauso lieb haben wia a Kinderl sein Muada, so lieb wia a Hünderl sein’ Herrn. Und die Wiener haben nicht einmal eine Landeshymne. Ich schreibe das nur, weil ich gelernt habe, wie gerne die Welser auf Wien schimpfen. Wels wäre übrigens der vierzehntgrößte Bezirk von Wien. Das klingt jetzt nicht rasend beeindruckend, dafür hab ich eine Frage: Was haben Wels, Dortmund, Leeds, Nantes, Florenz und San Diego gemeinsam? Die Antwort ist: Sie sind jeweils die achtgrößte Stadt ihres Landes. Wels, das Florenz von Österreich, das wäre doch einmal ein Spruch für die Tourismusabteilung! Wels könnte leicht das Bordeaux Österreichs werden, die siebtgrößte Stadt Frankreichs nämlich, da nur 500 Menschen fehlen, um Villach als siebtgrößte Stadt einzuholen. Es scheint aber, dass Wels völlig antriebslos ist in diese Richtung, ohne jeden Ehrgeiz. Dabei sollten gerade wir als Skifahrernation wissen, dass jeder Punkt zählt. Als Achter kriegt man 32 Weltcuppunkte, als Siebter bereits 36, diese vier Punkte können am Ende der Saison einen Riesenunterschied machen, frag nach bei Benjamin Raich, der 2009 im Kampf um den Gesamtweltcup nur um zwei Punkte von Aksel Lund Svindal geschlagen wurde, der hätte sich liebend gern diese vier Punkte bei euch abgeholt. Obwohl fehlender Ehrgeiz ja grundsätzlich sympathisch ist, fehlendes Streben nach ewigem Wachstum eine gesunde antikapitalistische Haltung verrät, die durchaus auf eine Welser Herzensruhe schließen lässt.

Stefan Kutzenbergers Erfolgsroman "Friedinger" liegt in den Buchhandlungen der Stadt auf. Mehr vom Stadtschreiber lesen Sie auf der Homepage: wels.home.blog

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