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Schöne neue Welt

Der Netflix-Overkill

Von Martina Mara   16. Februar 2019

Ein Tag hat nach Abzug eines Durchschnittsmaßes an Schlaf so etwa 17 Stunden. Subtrahiert man von dieser angenommenen Wachphase des Individuums Zeitaufwände für profane Körperhygiene und Nahrungsmittelbeschaffung, könnte man sich zumindest theoretisch, also als sehr einsamer Privatier beispielsweise, 16 Stunden pro Tag auf die Couch schmeißen, um Filme, Serien oder Dokus anzusehen. Das wären 5840 Bildschirmstunden pro Jahr. Diese würden allerdings nicht einmal ansatzweise reichen, um die Programmangebote von Streaming-Diensten wie Netflix auszunutzen. Netflix – Sie wissen schon: das Fernsehen aller U40er, die sagen, dass sie längst nicht mehr fernsehen – hat 2018 etwa 1000 Eigenproduktionen gelauncht. Jeden Freitag erscheinen auf der Onlineplattform zig neue Serien, in der Regel gleich staffelweise. Darunter war in der Vergangenheit gutes Zeug, teils Mutiges abseits des Mainstreams, teils sehr Erfolgreiches wie "House of Cards", "Stranger Things" oder die T-Shirt-Falt-Lebenshilfe "Aufräumen mit Marie Kondo". Nur: Es wird einfach zu viel. Neben Netflix gibt es schließlich auch noch Amazon Prime, YouTube Premium und die Mediatheken der TV-Sender. Und Disney, Warner, Facebook und Apple haben angekündigt, bald ebenfalls eigenproduzierte Formate zum Streaming anzubieten.

Das (First World-)Problem, über das im Netz daher neuerdings immer öfter lamentiert wird, lautet: Wer soll sich das bitte alles noch anschauen? Wir ertrinken doch im Stream, vernetflixt noch mal! Und wer soll sich bei der absurd großen Auswahl überhaupt noch für einen einzelnen Film oder eine Serie entscheiden können? Ein potenzieller Streaming-Abend spielt sich in vielen Wohnzimmern doch längst so ab: Person A und Person B wischen getrennt voneinander über hunderte digitale Filmplakate auf der Benutzeroberfläche ihres mobilen Endgerätes. Eineinhalb Stunden später hat jeder dreiundzwanzig Trailer von Serien gesehen, die dank algorithmischer Analyse zu mindestens 96 Prozent dem persönlichen Geschmack entsprechen, und man weiß am Ende trotzdem nicht so recht, ob denn nun "Matrjoschka" (98%) oder "The IT Crowd" (97%) mehr persönliche Zeit wert wäre. Man verfällt in Paralyse und versteht plötzlich sehr gut, warum erfolgreiche Typen wie Barack Obama oder Mark Zuckerberg zur Vorbeugung persönlicher Entscheidungsermüdung darauf schwören, jeden Tag das Gleiche anzuziehen.

Schlussendlich schaltet man den ganz normalen Fernseher ein, dessen Senderanzahl bei digitalaffinen Netflixern oft ohnehin kleiner gleich fünf ist, und fühlt sich angesichts des beschränkten Angebots insgeheim erleichtert. Eigentlich ist man mit dem Österreich-Tatort eh ganz zufrieden.

 

Martina Mara ist Professorin für Roboterpsychologie an der JKU. E-Mail: mara@nachrichten.at

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