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Architekturkritik

Verborgene Himmelsleiter

Von Georg Wilbertz  16. Januar 2021 00:04 Uhr

Verborgene Himmelsleiter
Die Treppenspindel in der Turmspitze

Im Turmhelm des Linzer Doms entstand eine hochmoderne, gestalterisch anspruchsvolle Stahltreppe. Sie wird zukünftig für die Öffentlichkeit zugänglich sein.

Momentan möchte Linz an vielen Stellen der Stadt baulich hoch hinaus. Dabei werden architektonisch eher problematische Hochhausbauten mit moderner, zeitgemäßer Stadtentwicklung "verwechselt". Die negativen Auswirkungen für das Linzer Stadtbild und dessen bauliche Zusammenhänge werden negiert.

Auch das 19. Jahrhundert liebte hohe Türme. Erinnert sei an die in dieser Zeit geschaffenen Turmvollendungen mittelalterlicher Sakralbauten durch Anhänger und Baumeister der neogotischen Bewegung. Sie bewiesen einerseits, dass man in der Lage war, Bauten des Mittelalters mit hoher Perfektion zu vollenden. Andererseits galt die mittelalterliche Kunst im 19. Jahrhundert idealisierend als Referenzzeit für die geistig-religiöse Kultur der eigenen Gegenwart.

Und letztlich galt es, in den wachsenden Städten der Industrialisierung bauliche Identifikationspunkte zu schaffen, die dem städtischen Gemeinwesen die sprichwörtliche Mitte geben sollten. Der Linzer Dom generiert dieses Identifikationspotenzial bis heute mit einer über die Jahrzehnte gewachsenen Selbstverständlichkeit.

Es verwundert deshalb nicht, dass beim 1862 nach Plänen des Kölner Dombaumeisters Vincenz Statz (1819-1898) begonnenen neogotischen Domneubau in Linz nach der Chorvollendung (1885) zunächst bis 1901 der Turmbau fertiggestellt wurde. Das Langhaus wurde bis 1924 zwischen diese beiden Bauteile gespannt.

Endlich ganz hinauf

Natürlich, fertig im Sinne eines definitiven Abschlusses wird ein Organismus wie der Linzer Dom nie. Ende 2021 findet mit der Restaurierung und Sicherung des rund 60 Meter hohen steinernen Turmhelms eine der bisher herausforderndsten Sanierungskampagnen ihren Abschluss. Der steil aufragende, achtseitige Helm birgt einen der ungewöhnlichsten und großartigsten Innenräume des Doms. Bis zu den jüngsten Maßnahmen war die Helmspitze nur über ein lose mit der Wand verbundenes Leitergerüst aus der Bauzeit erreichbar. Eine für die Steinmetze der Dombauhütte nicht nur unpraktische, sondern gefährliche Aufstiegsmöglichkeit. An einen Zugang für die Öffentlichkeit war nicht zu denken.

Diese unbefriedigende Aufstiegssituation veranlasste den verantwortlichen Dombaumeister Wolfgang Schaffer, eine Treppenanlage zu planen, die nicht nur den besonderen Gegebenheiten des Bauplatzes angepasst wurde. Auch der Transport der Treppenteile und ihre reibungslose Montage im Turmhelm mussten sichergestellt werden.

Schaffer entschied sich für eine Stahlbaukonstruktion aus vorgefertigten Einzelteilen. Sie wurde aus Gründen des Feuerschutzes während der Montage ausschließlich zusammengesteckt bzw. verschraubt. Hierdurch entsteht ein fast "ornamental" wirkender Detailreichtum, der nicht zufällig an vergleichbare Ingenieurleistungen des 19. Jahrhunderts erinnert.

Neben praktischen Gründen für die Materialwahl bestand die gestalterische Absicht, den Treppeneinbau klar als bauliches Element der Gegenwart optisch gegenüber dem Altbestand abzugrenzen.

Verborgene Himmelsleiter
Perfekte Konstruktion

Der sich ergebende Materialkontrast zwischen den steinernen, sich nach oben verjüngenden Außenwänden des neugotischen Turmhelms und der metallisch glänzenden Treppenkonstruktion ist beeindruckend. Wie sehr diese als eigenständiges Bauelement verstanden wird, verdeutlicht ein weiteres gestalterisches Element: Die Seiten der Treppenläufe werden nicht durch einfache Gitter, sondern speziell angefertigte Lochbleche begrenzt. Auf diese Weise wird die neue Treppe zu einer räumlichen, fast skulptural in die Turmspitze aufstrebenden Architektur. Steht man am Treppenfuß (auf Höhe der Klause des Turmeremiten) ergibt sich aus all dem eine räumliche Dynamik, die den Betrachter nach oben zu ziehen scheint.

Im Verborgenen, hoch über Linz, entstand diese zeitgemäße, technisch und gestalterisch anspruchsvolle "Himmelsleiter", die zum spektakulärsten 360-Grad-Aussichtspunkt über der Stadt führt.

Die großzügige und sichere Auslegung der Treppe ermöglicht, dass nach den Zeiten der Pandemie geführte Gruppen mit maximal acht Besuchern bis zur Turmspitze steigen können, um das Stadtpanorama zu genießen.

Und auch wenn man dann auf viele merkwürdige "Bauleistungen" unserer Tage schaut, identitätsstiftend wird dieser Blick in jedem Fall sein.

Daten und Fakten

Bauherr: Bischof-Rudigier-Stiftung Mariendom Linz
Entwurf: Dombaumeister Arch.DI.Wolfgang Schaffer, Linz
Statik und Konstruktionsplanung: Weilhartner ZTW GmbH, Ried i. Innkreis
Stahlbauausführung: Metallwerkstätten Pöttinger
Fertigstellung: Mai 2020
Die ca. 45.000 kg schwere Stahlkonstruktion kann vollständig rückgebaut werden.

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Georg Wilbertz

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