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Wunder Wald

Im Wald sind nicht nur Räuber

Von Christian Schacherreiter  04. Mai 2021 00:04 Uhr

Im Wald sind nicht nur Räuber
Von Wolfram von Eschenbach bis Thomas Sautner: der Wald als vielgenutztes Symbol

Zufluchtsort, tödliche Wildnis, Bewährungsraum, Heilungsort: Ohne den Wald wäre die Literatur um vieles ärmer

Der Siedlungsraum der Germanen, schrieb der römische Historiker Tacitus, sei rau, das Klima unwirtlich, die Sümpfe gefährlich, die Wälder ausgedehnt. Eine verfeinerte Hochkultur wie die römische könne unter solchen Bedingungen nicht entstehen. Tacitus konnte aber dem harten Leben der ungehobelten Wald- und Flurbewohner auch manches Vorbildhafte abgewinnen. Sein Mythos vom kernigen Naturvolk im Norden diente ihm als Warnung für die römische Gesellschaft: Wenn ihr so weitermacht, ihr dekadenten Weicheier, dann kommen die Germanen! Ganz falsch war das nicht, wie der Geschichtsverlauf gezeigt hat.

Dass das harte Leben im deutschen Wald die tapfersten Männer und die züchtigsten Frauen hervorbringt, diese Vermutung des Tacitus hat zwar das Selbstbild der Deutschen besonders in nationalen Kreisen bis weit in das 20. Jahrhundert hinein beeinflusst, aus zwei mittelalterlichen Epen erfahren wir aber Gegenteiliges.

Im Wald sind nicht nur Räuber
Joseph von Eichendorff

Der Zauberwald im Märchen

Im Parzival-Epos des Wolfram von Eschenbach zieht sich Mutter Herzeloyde mit ihrem kleinen Buben in die Wildnis zurück. Vater Gahmuret ist im Kampf getötet worden, dieses Schicksal soll Parzival erspart bleiben. Herzeloydes pädagogisch fragwürdiger Plan misslingt. So undurchdringlich sind die Wälder des Mittelalters nun auch wieder nicht, Parzival begegnet Artusrittern und sucht ab jetzt sein Glück bei ihnen, nicht bei Mutti im Wald.

Eine abgründige Funktion bekommt der Handlungsraum Wald im Tristan-Epos des Gottfried von Straßburg. Als König Marke bemerkt, dass ihn seine Frau Isolde mit Tristan betrügt, verweist er die beiden von seinem Hof. Und wohin flüchten sie? In die Wildnis, einen Kontrastraum zur höfischen Gesellschaft und ihrer Moral. Dort leben sie in einer märchenhaften Minnegrotte zusammen.

Im Wald sind nicht nur Räuber
Henry David Thoreau

Bei Gottfried von Straßburg wird die Wildnis nicht naturalistisch gezeichnet, sondern eher wie ein Zauberwald, also doppeldeutig. In Sage und Märchen ist der Wald ein magischer Raum, in dem man, wenn man Glück hat, eine nette Fee kennenlernt, er kann aber auch ein Ort der Bedrohung sein. Irgendwo lauert vielleicht ein böser Wolf, ein skrupelloser Räuber, aber auch Waldfrauen sind nicht immer gute Feen. Hänsel und Gretel können davon ein Lied singen.

In keiner anderen literarischen Epoche wurde die Ambivalenz des Waldes so symbolreich genützt wie in der deutschen Romantik. Einerseits flieht der romantische Mensch gerne in die unberührte Natur, weil ihn die Zivilisation unglücklich macht. Jean-Jacques Rousseaus Slogan "Zurück zur Natur!" hat seine Wirkung weit über Frankreich hinaus entfaltet. Auch Johann Wolfgang von Goethes Faust erholt sich von seinem unbefriedigenden Professorendasein gerne in einer Waldhöhle. Andererseits erweist sich die Zivilisationsflucht bisweilen als tödliche Gefahr, etwa in Joseph von Eichendorffs Lyrik. Eichendorff hat nicht nur Oden auf den Wald gesungen, sondern ihn auch zum Ort trügerischer Verlockungen gemacht. Im Gedicht "Waldgespräch" reitet ein Mann durch den Wald. Es wird Abend, aber er dreht nicht um, sondern erliegt dem Zauber der "Hexe Loreley". Unchristliche Hochrisikoerotik in freier Natur! Das muss sich rächen! Die schöne Loreley flüstert: "Es ist schon spät, es wird schon kalt / Kommst nimmermehr aus diesem Wald!"

Im Wald sind nicht nur Räuber
Thomas Bernhard

Adalbert Stifter war in seinen literarischen Anfängen noch von der Romantik beeinflusst, aber schon in den Vierzigerjahren wurde er zum bedeutendsten Vorreiter der realistischen Naturschilderung. Berühmt wurde seine Erzählung "Hochwald". In vielen Texten Stifters ist der Wald nicht nur Kulisse, sondern Lebens- und Bewährungsort für den Menschen. Stifter war kein Naturidylliker, das Lebensspendende der Natur sah er ebenso wie das Schreckliche und Tödliche. Beides schilderte er mit der Genauigkeit des Naturforschers und mit der Ehrfurcht vor einer unbegreiflichen Schöpfung. Herausragend ist Stifters beklemmende Beschreibung eines 72-stündigen Schneefalls im bayrischen Wald.

Landbewohner als Hinterwäldler

Zur selben Zeit, in der Stifters Waldschilderungen entstanden, zog sich sein amerikanischer Zeitgenosse Henry David Thoreau in eine selbst gebaute Blockhütte am Walden-See (Massachusetts) zurück und schrieb dort sein Werk "Walden oder Leben in den Wäldern". Thoreau kritisierte das Leben des industriellen Zeitalters als entfremdet, ermunterte zur Rückbesinnung auf elementare Bedürfnisse und ein "natürliches" Leben in Muße. Damit beeinflusste er nicht nur Leo Tolstoi und Mahatma Gandhi, sondern auch alternative Lebenskonzepte unserer Zeit.

Im Wald sind nicht nur Räuber
Adalbert Stifter

In der jüngeren österreichischen Literatur hatte der Wald darunter zu leiden, dass ihn Heimatfilm und Heimatroman der Nachkriegszeit als Kitschkulisse missbraucht hatten. Kritische Literatur bezog daher oft Gegenposition. In Thomas Bernhards "Jagdgesellschaft" ist nicht nur die Gesellschaft vom Niedergang, sondern auch der Wald vom Borkenkäfer befallen. Und der Landbewohner ist meist ein "Hinterwäldler", der mit dem gesunden Naturburschen, den Tacitus schätzte, eher wenig zu tun hat.

Das wachsende ökologische Bewusstsein ist an der Literatur zwar nicht spurlos vorübergegangen, hat dort aber eher zu apokalyptischen Öko-Erzählungen geführt als zu modernen Hymnen auf den Wald. Ausnahmen bestätigen aber die Regel. Thomas Sautner wickelt die Handlung seines Romans "Die Erfindung der Welt" hauptsächlich in einem Wäldchen ab und verbindet auf diese Weise romantische Waldsymbolik mit ökologischem Bewusstsein. Donald Trumps poetische Idee, dass Österreicher in Waldstädten leben, wartet noch auf ihre literarische Ausführung.

Im Wald sind nicht nur Räuber
Viktoria Urmersbach

Lesetipps

  • Adalbert Stifter: Sämtliche Erzählungen nach den Erstdrucken, dtv, 1640 Seiten, 30,95 Euro. Ob „Hochwald“, „Waldsteig“ oder „Waldbrunnen“, Stifter ist und bleibt der Großmeister der Waldschilderung.
  • Henry David Thoreau: „Walden. Ein Leben mit der Natur“, dtv, 368 Seiten, 11,90 Euro. Thoreaus Selbstexperiment des naturnahen Lebens beeinflusst alternative Lebensmodelle bis heute.
  • Joseph von Eichendorff: Gedichte. Fischer Klassik, 416 Seiten, 13,40 Euro. Der deutsche Romantiker gilt als der Lobsänger des Waldes, sein Waldzauber hat aber auch gefährliche Abgründe.
  • Thomas Sautner: Die Erfindung der Welt. Picus, 400 Seiten, 24 Euro. Wer Öko-Utopien mit einem Schuss neoromantischer Ironie mag, wird den Roman mögen.
  • Viktoria Urmersbach: „Im Wald, da sind die Räuber. Eine Kulturgeschichte des Waldes“, Vergangenheitsverlag, 180 Seiten, 15,20 Euro. Das Buch bietet einen kulturhistorischen Überblick zum Thema Wald in Literatur, Mythos und politischer Ideologie.

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