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Wohnen

Zwischen Tradition und Innovation

Von Georg Wilbertz  21. März 2020 00:04 Uhr

Zwischen Tradition und Innovation
Die 2019 eröffnete Krankenpflegeschule in Kufstein zeigt die Potenziale heutigen Holzbaus.

Die Architekten Christoph Gärtner und Dietmar Neururer im Gespräch über Bauen heute, Ökologie und Holzbau sowie die Wettbewerbskultur.

Seit 30 Jahren arbeiten Christoph Gärtner und Dietmar Neururer in ihrem Vöcklabrucker Büro zusammen. Mit zehn Mitarbeitern bestreiten sie vor allem Wettbewerbe und sind hier sehr erfolgreich. Kennzeichnend für ihre Arbeit ist die Mischung aus traditioneller Arbeitsweise und stetiger methodischer Innovation. Gärtner/Neururer schaffen für unterschiedlichste Planungsaufgaben solide, funktionale Entwürfe, die eine beachtliche architektonische Qualität aufweisen. Ihre besondere Stärke liegt im ausgewogenen Verhältnis von Bauwerk, Raumanordnung und Innenraumgestaltung.

OÖNachrichten: Wie sind Sie zusammengekommen, und wie sieht Ihre konkrete Zusammenarbeit aus?

Gärtner: Wir haben uns auf einer Reise in die Schweiz kennengelernt. Es ergab sich schnell die Frage einer möglichen Zusammenarbeit. Optimal ist der Zugang Dietmars vom Möbelbau und der Innenarchitektur her. Dadurch können wir sehr gut innen und außen zusammendenken. Wir erreichen so eine selten gewordene gestalterische Dichte.

Seit rund 30 Jahren arbeiten Sie zusammen. In der Rückschau: Ist das Bauen schwieriger geworden?

Gärtner: Die Antwort ist ein eindeutiges Ja. Es ist schwieriger, komplexer, juristisch gefährlicher geworden. Die Gesetzeslage wird immer komplizierter. Vor zehn bis 15 Jahren hat es circa 500 Normen gegeben, heute sind es rund 7000. Die Zahl der beteiligten, spezialisierten Fachleute ist deutlich gewachsen. Früher dominierten eindeutig die Architekten den Prozess. Dies ist nicht mehr so.

Zwischen Tradition und Innovation
Dietmar Neururer (l.) und Christoph Gärtner

Ein Beispiel?

Gärtner: Vor allem im sozialen Wohnbau ist das Korsett aufgrund der ökonomischen Vorgaben eng. Ein anderes Beispiel: Seit 15 Jahren gibt das Land Oberösterreich beim Altenheimbau eine Pauschale von 105.000 Euro pro Zimmer vor. In ihr sind umgerechnet alle baulichen Maßnahmen der Gesamtanlage enthalten. Bei den heutigen Ansprüchen ist diese Vorgabe selbst bei günstigster Erstellung nicht mehr realistisch. Oft ist eine sparsame Bauweise die Folge: Massivbau mit aufgeklebter Fassade. Darin steckt bezogen auf ökologische Fragen eine Tragik. Diese Bauweise produziert eigentlich Sondermüll. Die Entsorgung ist inzwischen teurer als das Material selbst.

Welche Alternativen sehen Sie?

Neururer: Der Holzbau bietet die Möglichkeit, das Bauwerk und seine Fassade nach der Nutzung in seine einzelnen Teile zu zerlegen. Außerdem ist Holz entgegen landläufiger Meinung langlebiger. In Österreich wächst die für ein Haus notwendige Holzmenge in rund 20 Minuten nach. Holzbau ist schlicht nachhaltiger, schneller zu errichten und strahlt eine wärmere Atmosphäre aus. Dies beginnt schon auf der Baustelle. Allerdings erfordert der Holzbau hinsichtlich der Detailplanung und des technischen Ausbaus eine viel genauere, diszipliniertere Planung. All dies erklären wir den Leuten, und die Resonanz ist momentan durchwegs positiv.

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Die Krankenpflegeschule in Kufstein von außen

Gibt es noch die althergebrachten Vorbehalte gegen Holz, was Haltbarkeit, Stabilität usw. angeht?

Gärtner: Immer weniger. Sorgen bestehen manchmal hinsichtlich der optischen Alterungsprozesse, da man befürchtet, ein Holzgebäude sähe zu schnell alt aus. Heutzutage Produziertes soll möglichst keine Alterungserscheinungen haben. Historische Holzbauten beweisen aber, dass das Material eine lange Haltbarkeit und Stabilität besitzt.

Welche Rolle spielen Wettbewerbe für Ihr Büro?

Neururer: Wir haben schlicht Erfolg damit. In 30 Jahren hat das Büro rund 170 Wettbewerbe mitgemacht. Davon wurde rund ein Drittel gewonnen, was eine erstaunliche Quote darstellt. Wettbewerbe halten das Büro frisch. Dabei reizt uns vor allem der analytische Zugang zum Projekt. Zur Analyse gehören zunächst die Anforderungen des Bauherrn. Wir sehen dies allerdings nicht nur funktional. Es geht immer auch um Architektur. Funktion und Gestaltung müssen parallel gedacht werden. Weiterhin gehört natürlich der Kontext der Projektaufgabe dazu. Umgebung, Städtebau, Topografie etc. Ein Wettbewerb ist ein kontinuierlicher Prozess des Entwerfens und Hinterfragens.

Wie flexibel kann man beim Entwerfen mit einer Wettbewerbsausschreibung umgehen?

Neururer: Zunächst: Die Ausschreibungen müssen verlässlich, überprüfbar und für alle verbindlich sein. Natürlich kann man mit eigenständigen Gedankenblitzen, die uns gut erscheinen, auch verlieren. Wir können aber inzwischen gut abschätzen, wie groß die Spielräume in einem Verfahren sind.

Sie gehen beide mit dem Mittel der Zeichnung an einen Entwurf. Welche Rolle spielt dieses quasi traditionelle Mittel für Ihre Arbeit?

Neururer: Wichtig ist, dass man sich nicht zu früh festlegt. Und: Es gibt auch den Zufall, den unerwarteten Strich, der Dinge, Qualitäten bis zum Schluss verändern kann. Dieser unerwartete Strich ist natürlich eine Stärke der Zeichnung. Uns ist nicht klar, wie er am PC möglich sein soll.

Wie sehen Sie das manchmal konfliktreiche Verhältnis von Funktion und Ästhetik?

Gärtner: Architektur als ausschließlich ästhetische Aufgabe liefern wir nicht. Dafür sind andere, schillerndere Büros zuständig. Wir haben keine Klienten, die in diesem Sinn sagen: "Mach mir Architektur bitte." Architektur bedient eben auch immer funktionale Aspekte. Tut sie es nicht, reden wir wohl eher von Kunst.

Zum Büro

Architekten: Gärtner + Neururer ZT GmbH, Stadtplatz 14, 4840 Vöcklabruck

Christoph Gärtner, geboren 1954 in Steyr
Dietmar Neururer, geboren 1961 in Wien

Infos unter: www.gaertner-neururer.at

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