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Reisen

Zwischen Sturm und Flaute

Von Andreas Kremsner   17. September 2011 00:04 Uhr

Zwischen Sturm und Flaute
Gewichtstrimm: Jeder verfügbare Mann ist am Bug.

KROATIEN. Segler lieben die 1800 Kilometer lange Küste Kroatiens. Zwischen den Inseln lässt es sich herrlich manövrieren, da fast keine Untiefen lauern. Perfekt, um auch die erste Regatta seines Lebens zu absolvieren.

Dichter Rauch hüllt die Marina Kremik nahe Primosten ein. Hafenarbeiter löschen, was das Zeug hält. Wenige Minuten bevor wir Samstagnachmittag in der Marina eintrefen, ist dort ein Brand ausgebrochen. Das Feuer breitet sich rasch aus. Wälder brennen wie Zunder, Bewohner fürchten um ihre Häuser. Löschflugzeuge und zwei Helikopter mit Löschbehältern fliegen im Dauereinsatz, um die Flammen einzudämmen.

Uns und den anderen Crews der Regatta bleibt nichts anderes übrig, als zu warten. Es ist – ich verwenden das Wort nur ungern – skurril. Wir können nichts anderes tun, als abzuwarten, im Restaurant zu sitzen und den Helfern zuzuschauen. Alles andere wäre zu gefährlich.

Brand-Aus

Am späten Nachmittag sind die Brände gelöscht. Gegen Abend können wir die Schiffe übernehmen: Abnahme mit dem Vercharterer, Kontrolle der Segel, Überprüfung der Ausrüstung. Das Beiboot lassen wir an Land, es würde bei der Regatta nur unnötiges Gewicht bedeuten, entscheidet unser Skipper. Nach dem Bunkern der Lebensmittel und Getränke geht es hinaus.

Logbuch: 18.30 Uhr, auslaufen – Ziel Rogoznica. Wir wollen die erste Nacht in einer Bucht verbringen.

Zuvor steht noch ein erstes Kennenlernen des Schiffes an. Die Salona 37 ist ein Regatta-Schiff, schnell, wendig und vor allem extrem leicht zu steuern, wenn der Trimm stimmt. Einziger Nachteil: Unsere „Jazz“ ist alt, wird heuer ausgemustert – alt, aber gut!

Scharfe Spaghetti

Abendessen an Bord: Spaghetti mit Thunfisch, extrem scharf. Kaum Wind, wenig Wellen. Perfekt, um in einer Bucht zu ankern. Ruhig und entspannt verläuft die Nacht.

Der kommende Tag beginnt – wie auch die anderen beginnen werden – mit Omelette, Kaffee, Orangensaft. Dann geht‘s raus zum Üben. Wir haben nur einen Tag Zeit, um das Schiff kennenzulernen. Auch das Fahren mit dem Spi-Segel wird geübt.

Die Nacht vor der ersten Wettfahrt (insgesamt vier) verbringen wir im Hafen von Trogir: wunderschöne Altstadt, das Essen ist gut, reichhaltig und günstig. Da lächelt sogar der Zahlmeister beim Begleichen der Rechnung.

Montag: 11.30 Uhr. Start der ersten Wettfahrt. 13 Schiffe versammeln sich vor der Startlinie – zwischen einem Leuchtturm und einer Inselspitze. Es wird gekreuzt, gehalst, die perfekte Position gesucht. Das Adrenalin steigt, schließlich will man nicht mit einem anderen Schiff kollidieren, trotzdem die perfekte Startposition einnehmen. Alle verhalten sich fair.

Ein Schuss entlässt die Schiffe auf ihren Kurs. Wir schwächeln, ein Schiff nach dem anderen zieht an uns vorüber.

Wir diskutieren, finden keine Lösung. Den ersten Teil der Strecke müssen wir den anderen nachschauen. Doch unsere Taktik beim ersten Kurswechsel macht sich bezahlt. Wir überholen ein Schiff nach dem anderen, dann setzen wir alles auf eine Karte.

Alles auf eine Karte

Der Wind kommt von hinten (achtern), wir setzen das Spi-Segel (großes, bauchiges Vorsegel). Unsere Mitbewerber misstrauen unserer Aktion: zu starker Wind, zu hohe Wellen, das hören wir am Ende des Tages bei den Nachbesprechungen. Nur vier Boote setzen während der Wettfahrt das Spi. Zwei kommen abends mit kaputten Segeln an. Wir können uns absetzen, nur ein Schiff überquert nach der 28 Meilen langen Etappe vor uns das Ziel. Fängt ja gut an, wir fühlen uns unbezwingbar. Abends wird euphorisch gefeiert. Der Skipper schwört uns ein: „Man muss die Siege feiern, wie sie fallen.“ Er sollte Recht behalten.

Die kommenden Wettfahrten (Dienstag und Mittwoch) zeigen uns Grenzen auf. Zwei Mal gehen wir als Letzte durchs Ziel. Am Dienstag queren wir zwei Stunden nach dem Sieger die Ziellinie. Es gab nur wenig Wind, unsere Taktik ging nicht auf. Lehrgeld!

Unser Vorhaben für die letzte Wettfahrt: Nicht als Letzter durchs Ziel gehen. Beim Start lassen wir drei Schiffe hinter uns. Wir setzen wieder unser Zaubersegel. Doch diesmal machen es die anderen ebenfalls.

Die Seemeilen ziehen sich, alle Schiffe sind noch in Sichtweite. Wir entscheiden uns, den Kurs weit rechts (steuerbord) zu fahren, erneut macht sich die Taktik bezahlt. Kurz vor dem vorletzten Kurswechsel der Regatta sind wir Fünfte. (Die Zwischenzeiten werden gepeilt und über Funk durchgegeben. Leider können wir auf der Jazz zwar Funksprüche hören, aber selber keine durchgeben. Das Handy hilft aus.)

Unser schärfster Konkurrent ist direkt hinter uns. Aber wir befinden uns auf der windabgewandten Seite (Lee), haben deshalb Wegerecht. Das heißt: Wenn wir mehr in den Wind gehen (anluven), zwingen wir den anderen zum Kurswechsel, er wäre damit abgeschlagen. Wir luven an, aber zu wenig. Unser Konkurrent zieht an uns vorbei, verdrängt uns vom fünften Platz. Ärger und Anerkennung der gegnerischen Leistung halten sich die Waage.

Die Jazz im Ziel

Trotzdem ein Erfolg. Die Jazz wird Gesamt-Siebente. Und das – altersbedingt – bei ihrer letzten Regatta.

Abends wird in Zlarin gefeiert, die Sieger werden gekürt. „Nächstes Jahr sind wir vor euch im Ziel.“ „Ihr mit eurem Spi-Segel.“ ... Seglerlatein – und alle freuen sich auf die Regatta im kommenden Jahr. Und bis dahin: „Immer eine Handbreit Wasser unterm Kiel.“

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