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Reisen

Zwischen Piste und Cholera

Von Martin Roithner  22. Januar 2022 00:04 Uhr

Zwischen Piste und Cholera
Mit zwölf Kilometern Länge ist der Aletschgletscher die größte Eismasse der Alpen. Weltweit gibt es nur in Norwegen und in Island größere Gletscher.

Im Wallis ticken die Uhren anders – trotz Schweizer Pünktlichkeit. Warum man am größten Gletscher der Alpen Krankheiten sogar essen kann und es sich lohnt, das Handy trotz des Panoramas in der Hosentasche zu lassen.

Der Einkehrschwung verheißt nichts Gutes. "Cholera" ist auf einer der Tafeln beim Panorama-Restaurant auf 2600 Meter Höhe zu lesen – als ob eine andere mit dem dritten Buchstaben im Alphabet beginnende Krankheit nicht genug wäre. Im Gegensatz zur derzeit grassierenden Pandemie kann man die vor rund 170 Jahren wütende bakterielle Infektion aber sogar verspeisen: der Gemüsekuchen mit Lauch, Kartoffeln, Käse und Äpfeln, eingewickelt in Blätter- oder Mürbteig, erinnert in Form und Geschmack an die französische Quiche Lorraine.

Cholera ist eine Spezialität im Schweizer Kanton Wallis. Damals, Anfang des 19. Jahrhunderts, hatte die Krankheit die Region im Griff. Aus Angst, sich anzustecken, verließen die Menschen ihre Häuser kaum. Sie kochten mit dem, was Speicher und Garten hergaben.

Heute ist längst der Tourismus in den Walliser Bergdörfern angekommen – auch der Infektionskrankheit Covid-19 zum Trotz. Da ist auch die Aletscharena keine Ausnahme, die die drei auf rund 2000 Höhenmetern gelegenen Orte Bettmeralp, Riederalp und Fiescheralp miteinander verbindet und den mit zwölf Kilometern Länge größten Gletscher der Alpen beheimatet.

Zwischen Piste und Cholera
Skifahren mit Aussicht – im Hintergrund ist das Matterhorn zu erspähen.

Der Aletschgletscher lockt jährlich Tausende Touristen in eine Gegend, in der normalerweise nur 750 Einwohner leben und dicht aneinandergereihte Holzhäuser die Ortsbilder prägen. Dass der Fremdenverkehr den Weg in die Aletscharena gefunden hat, ist einem Briten zu verdanken. Bankier Sir Ernest Cassel reiste auf Anraten von Sir William Broadbent, dem Hofarzt der britischen Königin Victoria, nach Riederalp, um seine gesundheitlichen Probleme auszukurieren. "Es hat ihm gut gefallen, doch hat er den damaligen Standard des Hotels als unzureichend empfunden. Da hat er beschlossen, sein eigenes Domizil zu bauen", erzählt David Kestens, ein gebürtiger Belgier, der seit mehr als 20 Jahren in der Gegend lebt und sich um die Marketingbelange im Tourismusverband der Aletscharena kümmert.

Umringt von Bergen

Bankier Cassel errichtete von 1900 bis 1902 eine gleichnamige Villa im viktorianischen Stil, nutzte sie bis zum Ersten Weltkrieg als Sommerresidenz und empfing auch Gäste wie Winston Churchill. 1969 endete der Hotelbetrieb, aber noch heute thront die Villa auf dem Berg und wirkt wie ein Mahnmal. Derzeit wird das Innere der Villa zu einer Ausstellung umfunktioniert, bei der vor allem die Landschaft in den Mittelpunkt rücken soll.

Denn Skifahren, Schneeschuhwandern, Langlaufen, Rodeln (bei den Schweizern "Schlitteln" genannt), Tourengehen und im Sommer Mountainbiken, Golfspielen, Klettern, Yoga und Waldbaden sind in der Gegend vor allem mit einem verbunden: dem Rundumblick auf die meisten 4000er der Alpen. Über der linken Schulter ragt das Matterhorn hervor, weiter hinten versteckt sich der Mont Blanc, und zu der Rechten thronen Eiger, Mönch, Jungfrau und Jungfraujoch. "Die Alpen haben 65 Berge, die 4000 Meter überragen. Bei uns im Wallis stehen 35 bis 47 davon", sagt Marketingmann David und grinst. Die Zählweise hänge davon ab, welchen Berg in Grenzregionen man zu welchem Kanton oder Land addiere.

Zwischen Piste und Cholera
„Cholera“ ist eine Spezialität der Walliser Küche und vergleichbar mit der französischen Quiche Lorraine.

Ins Schwärmen über das Panorama in der Gegend gerät auch Klaus Minnig, der nach 40 Jahren bei der Kantonspolizei Wallis 2018 in Pension gegangen ist und nun als Wanderführer Urlauber durch die Bergwelt lotst – mit Wander- oder Schneeschuhen.

Wenn Autos tabu sind

Zu den Vorzügen der Ortschaften Bettmeralp, Riederalp und Fiescheralp zählt für Minnig auch die Tatsache, dass Autos in den Bergdörfern tabu sind. Wer Dinge oder Personen transportieren will, nutzt motorisierte Schneetaxis, die Skier oder geht zu Fuß. Lebensmittel, Kleidung und Medikamente bringt die im Viertelstundentakt fahrende Gondelbahn auf den Berg, deren Talstation Charme aus den 1980er-Jahren versprüht. Eine Frischzellenkur könnte der Ausstattung des Ski- und Wandergebiets nicht schaden. Dessen ist man sich auf dem Hochplateau bewusst.

Lieber heben Kestens und Minnig jedoch den Blick auf die 4000er hervor – und raten ausländischen Urlaubern, das Handy in der Hosentasche zu lassen. Für Nicht-Schweizer kann der Griff zum Handy ganz schnell teuer werden, wenn sie ihre Datennutzung aktiviert haben. Denn obwohl die Eidgenossen im Herzen Europas liegen, gehören sie nicht zur EU. Deshalb tappen Touristen rasch in die Gebührenfalle.

Dieses Geld ist besser aufgehoben in einem der vielen Restaurants der Gegend, die vor allem mit Käsespezialitäten auftrumpfen. Der Preis entspricht dabei selbstverständlich Schweizer Verhältnissen – Cholera hin, Corona her.

Das Wallis – Der sonnenreichste Kanton der Schweiz

Mit einer Fläche von 5000 Quadratkilometern ist das Wallis der drittgrößte Kanton der Schweiz – nach Graubünden und Bern. Die Größe entspricht etwa der Hälfte von Oberösterreich. Der westliche Teil ist französischsprachig, der östliche deutschsprachig.

Die Lage zwischen Walliser Alpen im Süden und Berner Alpen im Norden beschert den Einwohnern ein trocken-mildes Klima und durchschnittlich 300 Sonnentage im Jahr. Das ist der Spitzenwert bei den Eidgenossen, wenngleich die benachbarten Tessiner ebenfalls den ersten Platz an der Sonne für sich beanspruchen. Historisch gesehen ist das Wallis ein Durchgangsland, das seit den frühesten Zeiten Kaufleute, Priester und Soldaten benutzten.

Zürich liegt rund acht Auto- bzw. Zugstunden und eineinhalb Flugstunden von Wien entfernt. Vom Schweizer Finanzplatz aus geht es mit dem Zug über die Hauptstadt Bern nach Brig. Dann folgt eine Busfahrt, ehe die Gondelbahn aufs Hochplateau nach Bettmeralp und zum Aletschgletscher führt. Informationen hält der Schweiz Tourismus unter myswitzerland.com bereit.

Artikel von

Martin Roithner

Redakteur Wirtschaft

Martin Roithner

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