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Reisen

Zwischen March und Monarchie

Von Manfred Wolf  15. Mai 2022 10:30 Uhr

Zwischen March und Monarchie
Bei der Ruine Theben mündet die March in die Donau.

Mit dem E-Bike unterwegs in einer der historisch bedeutendsten Regionen Österreichs, dem Marchfeld. Hier festigte sich die Habsburgermonarchie und hier fand sie auch ihr Ende. Zudem war die March jahrzehntelang Teil des Eisernen Vorhangs.

Viel Landschaft gibt es hier, im Marchfeld. Und noch mehr Gemüse. Der Boden im Marchfeld ist aber nicht nur äußerst fruchtbar, sondern auch historisch. Denn hier, zwischen Dürnkrut und Jedenspeigen, erhoben sich einst die Habsburger in der Schlacht auf dem Marchfeld endgültig zum Herrscherhaus, das Jahrhunderte später, weiter südlich, sein Ende fand. Nicht minder historisch aufgeladen ist jene Strecke, entlang der wir in den nächsten drei Tagen mit unseren E-Bikes diese Punkte verbinden – auf dem Radweg entlang des ehemaligen Eisernen Vorhangs.

Unsere Tour beginnt im idyllischen Dorf Hohenau, das nebst der March im Dreiländereck Österreich-Tschechien-Slowakei liegt. Bis Ende der 1980er-Jahre haben sich Fuchs und Hase hier, wo den Eisernen Vorhang eine Patina des Unbehagens überzog, Gute Nacht gesagt. Heute tollen Fuchs und Meister Lampe längst fröhlich zwischen den Ländern hin und her. So wie auch wir, eine Gruppe von Journalisten aus eben diesen drei Ländern. Also los …

Tag 1, Hohenau – Grub: Wir stehen mit den Hühnern auf und treffen uns beim March-Thaya-Zentrum in Hohenau, wo wir die Räder besteigen. Es sind nur wenige Meter, die wir entlang der Kamp-Thaya-March-Radroute (KTM-Weg) fahren, schon liegen die Zeichen der Zivilisation hinter uns – bis auf weite Erdäpfelfelder, aus denen ein kleines Holzgebäude mit der Aufschrift "Beringungsstation" herausragt. Hier wird das Verhalten von Zugvögeln erforscht.

Wir ziehen rasch von dannen, bis wir zu einem Föhrenhain kommen, der auf Maria Theresia zurückgeht. Sie wollte einst verhindern, dass der angeschwemmte Sand weggeweht wird, und ließ Bäume darauf pflanzen. Es ist dies die erste Spur in die Zeit der Monarchie, der noch viele folgen werden. Doch zuvor besuchen wir die Kellergasse in Sierndorf, eine von 1100 Kellergassen im Weinviertel. Leopoldine Rauscher empfängt uns im Kalmuck-Dirndl und mit selbstgebackenem Nussstrudel sowie Traubensaft. Die Kellergassenführerin geht mit uns durch die zwei Kilometer lange Kellergasse, an der sich 113 Weinkeller reihen.

Die Weinkeller, das ist so eine Sache. Heute presst kaum noch jemand Wein darin, moderne Presshäuser haben diese obsolet gemacht. Sie dienen der Beschaulichkeit, zuweilen auch als Rumpelkammer und sind nicht selten für die Erben der vierten, fünften Generation, die oft weit weg wohnen, eine Hypothek. Denn sie müssen in Schuss gehalten werden, damit keine der Dutzende Meter tiefen Kellerröhren einstürzt – und gelüftet werden. "Oft wohnen die Besitzer aber nicht mehr im Ort, dennoch tragen sie Verantwortung für den in der Terrasse darüber angelegten Keller", sagt Leopoldine Rauscher, der die Kellergassen-Kultur sichtlich am Herzen liegt.

Dass es im Weinviertel so viele Keller gibt – 40.000 –, ist ebenfalls so eine monarchische Spur. Sie führt zurück bis zu Kaiser Joseph II., der 1782 die Leibeigenschaft abgeschafft hat. Durfte bis dahin nur die Obrigkeit – Kirche und Herrscher – Wein produzieren, so konnten ab nun auch die Bauern Weine keltern. Weil sie im Marchfeld meist auch eine Landwirtschaft betrieben, unterscheiden sich die Kellerfassaden auch von jenen im übrigen Weinviertel. Sichtbar wird dies an den Heubodenfenstern unter dem Giebel, in denen das Futter für die Tiere gelagert wurde, die es andernorts nicht gibt.

Futter, ein gutes Stichwort, denn der Hunger treibt uns weiter zum Schloss Jedenspeigen, einer musealen Perle, in der die Geschichte der Habsburger aufgerollt wird. Beginnend mit dem Tod Friedrich II. 1246 und dem einhergehenden Ende der 270 Jahre währenden Zeit der Babenberger. Böhmenkönig Ottokar II. Premysl füllte das entstandene Machtvakuum, doch sein Einfluss war den Kurfürsten des Heiligen Römischen Reiches rasch zu groß, sie wählten überraschend den aus der heutigen Schweiz stammenden – und lenkbar gedachten – Rudolf I. 1273 zum neuen römisch-deutschen König und beendeten das Interregnum, die Zeit der Zwischenregierung. Doch Ottokar erkannte die Wahl nicht an, es kam zur Schlacht auf dem Marchfeld, in der Rudolf I. – dank der Hilfe der Ungarn – 1278 den Böhmenkönig besiegte. In den Wirren der Schlacht wurde Ottokar ermordet. Es war der Beginn der Habsburgermonarchie und – um die Böhmen milde zu stimmen – deren Heiratspolitik.

Nach einem Mittagessen im Schloss (nur auf Reservierung, kein regulärer Gastbetrieb) genießen wir regionale Weine, den Grünen Veltliner DAC und den Habsburg-Wein, eine Interpretation des Grünen Veltliners. Überhaupt setzen sich die Winzer mit neuen Ideen auseinander, denn, so sagt Winzer Michael Müllner, "der Klimawandel ist spürbar, auch der Grüne Veltliner ist davon betroffen, viele rüsten um auf Rotwein".

Die Vergänglichkeit eben. Ein Symbol deren sehen wir auch bei unserem nächsten kurzen Stopp, dem Denkmal an die Schlacht im Marchfeld. Beinahe unbedeutend steht es neben der Bundesstraße – und doch könnte es als Wiege der Habsburger bezeichnet werden. Auf dem heute fruchtbaren Boden wurde einst eine der furchtbarsten Schlachten geschlagen. Erst jüngst wurden hier mittels Radar Strukturen eines möglichen Massengrabs gefallener Ritter entdeckt.

Der Tag schreitet voran und wir radeln seinem Ende bis nach Grub entgegen, wo wir im Weingut Küssler Herberge finden. Der findige Winzer bietet Weinverkostungen zu einer zünftigen Heurigenjause im alten Eiskeller mit prächtigem Gewölbe an – sowie Unterkunft in Weinfässerbetten.

Tag 2, Grub – Marchegg: Die Hühner sind heute schon deutlich länger wach als wir. Dafür radeln wir nach dem Frühstück umso flotter nach Angern, wo wir die Fähre über die March in die Slowakei besteigen. Gerade einmal 60 Meter ist die March hier breit, 60 Meter, die lange Zeit für Millionen Menschen unüberwindbar waren. Für jemanden, der nahe der Grenze zur damaligen Tschechoslowakei aufgewachsen ist, ist es immer wieder eine grenzenlose Freude, diese Grenze so einfach überwinden zu können. Wir wechseln auf den "Iron Curtain Trail", der durch ein idyllisches Augebiet, das ursprünglicher nicht sein könnte, führt. Teilweise fahren wir auf Schotterwegen, zumeist aber auf einem Asphaltweg, dem die darunter wachsenden Wurzeln den Anschein verleihen, als wäre er von Adern durchdrungen. Diese Wege wurden zur Zeit des Kalten Krieges für das Militär angelegt – gewissermaßen also schon damals Adern, durch die das Militär verschoben wurde, um in den noch heute vorhandenen Bunkern die Grenze zu bewachen. Bunker, die heute Graffitimalern als Untergrund und Touristen mal als Fotomotiv, mal als Mülleimer dienen.

Auf Höhe von Marchegg setzen wir wieder über. Die erst vergangene Woche eröffnete Radbrücke zeugt nicht nur vom Zusammenwachsen der Regionen, sondern auch vom weit vorgedrungenen Verständnis dafür, dass der Radtourismus längst als Zugpferd beiderseits der March dienlich ist.

Zwischen March und Monarchie
Alle Störche sind schon da, in Marchegg – und bald sind es noch viel mehr: Die Jungen schlüpfen.

Im Schloss Marchegg, das König Ottokar II. als Schutz vor den Ungarn errichten ließ, findet gegenwärtig die Niederösterreichische Landesausstellung "Marchfeld Geheimnisse – Mensch.Kultur.Natur" statt. Diese blickt auf die ersten Spuren der Menschen in der Region zurück. Doch sind es weniger die Menschen, die begeistern, als vielmehr die gut 50 Storchenpaare, die auf dem Schloss und den umliegenden Bäumen brüten. Dieser Tage schlüpfen die Jungen, während sich Vater Adebar von der Thermik nach oben treiben lässt und sich auf Futtersuche ins Augebiet beider Länder begibt. "Die Störche wiegen eineinhalb Kilo, sie sind leicht wie ein Papierflieger, gewinnen also rasch an Höhe", sagt Andreas Pataki, Geschäftsführer von Schloss-Marchegg, der seine Faszination über Flora und Fauna kaum verbergen kann.

Bis Mitte August ist das Klappern der Störche noch zu hören, haben die Jungen Zeit, die Thermik zu meistern, dann segeln sie nach Afrika – die Jungen kommen erst in zwei Jahren zurück, wenn sie geschlechtsreif sind. So sie nicht in der Savanne gefressen werden.

Wir schummeln nun ein wenig, stellen die Räder hier ab und lassen uns von einem Taxi nach Obersiebenbrunn chauffieren, wo wir unser Quartier beziehen. Zwar führt der Marchlandkanal-Radweg auch hier vorbei, doch die Abbiegung liegt weiter südlich, bei Schloss Hof, wohin wir aber erst morgen kommen. Dafür hält unser Taxi kurz beim Storchenbräu in Untersiebenbrunn. Auch Bier wird gebraut im Weinviertel.

Zwischen March und Monarchie
Schloss Eckartsau

Tag 3, Marchegg – Schloss Eckartsau: Wir frühstücken in Bauers Gästehaus und nehmen die bestellten Picknickkörbe mit, die wir in Marchegg auf die Räder montieren. Dann überqueren wir wieder die Brücke und radeln auf der slowakischen Seite gemütlich bis zur nahe Bratislava gelegenen Burgruine Theben, die imposant auf einem Berg thront. Unterhalb mündet die March in die Donau. Doch die March wirkt, als hätte sie keine Lust, ihr verträumtes Flussbett zu verlassen und in die hektisch vorbeiziehende Donau zu fließen. Beinahe scheint es, als würde sie stehen bleiben. Vielleicht tut sie das auch, um beim Denkmal kurz innezuhalten. Es ist jenen gewidmet, die bei ihren Fluchtversuchen über die damalige Grenze des Eisernen Vorhangs erschossen wurden. Die Patina des Unbehagens kam nicht von ungefähr.

Wie wohlklingend ist jetzt erst der Name jener Brücke, über die wir – wieder etwas zurückgeradelt – nun fahren: die Brücke der Freiheit. Sie führt uns geradewegs zu Schloss Hof, das wir rechts liegen lassen und Richtung Donau radeln, wo der KTM-Weg in den Donauradweg mündet. Von hier geht es donauaufwärts bis zum Schloss Eckartsau, wo wir im Park gemütlich die Picknickdecke ausbreiten und endlich unsere Körbe öffnen.

Monarchische Nostalgie umweht uns danach bei der Führung durch das Schloss, das Maria Theresia einst ihrem Gemahl, Kaiser Franz I. Stephan, zum Geschenk gemacht hat. Von hier haben Kaiser Karl I., der letzte Kaiser von Österreich, und seine Frau Zita am 23. März 1919 die junge Erste Republik "Deutschösterreich" für immer verlassen. Nach der Messe in der Schlosskapelle wurde ein letztes Mal das "Gott erhalte" angestimmt, bevor sie per Zug in die Schweiz fuhren, dorthin, wo das Geschlecht der Habsburger seinen Ursprung hat. Somit schließen sich zwei Kreise auf einmal, denn zudem hauchte, mit der Abreise aus Eckartsau, die Herrschaft von Gottes Gnaden gewissermaßen ihren letzten Odem dort aus, wo sie einst siegreich ihren Anfang nahm, im Marchfeld.

Auch unsere Tour endet hier. Eine Fahrt entlang der Geschichte Österreichs und Europas, durch ein Viel an Landschaft, entlang eines Flusses, der Monarchien und Grenzen überdauert und selbst die Patina des Unbehagens weggespült hat.

Wissenswertes am Wegesrand

  • Anreise: Bequem mit der Nordbahn (wer mit dem Fahrrad anreist: Reservierung im Zug nicht vergessen) – vom Hauptbahnhof Wien bis Hohenau/March (ca. 1 Stunde 15 Minuten, weitere Haltestellen sind unter anderem Angern, Dürnkrut, Jedenspeigen und Sierndorf). Rückfahrt nach Wien mit der Marchegger Ostbahn (führt auch weiter nach Bratislava) – Stationen: Marchegg, Untersiebenbrunn
    www.marchthayazentrum.at
  • Am Wegesrand: Schloss Hof (imposantes Schloss, das einst Prinz Eugen von Savoyen gehörte); Bio-Sanddorn von Veronika und René Burik (Führung durch die Plantage mit kräftigem Vitamin-C-Schub)
    www.sanddorngarten.com
  • Landesausstellung: Eine Führung durch die Niederösterreichische Landesausstellung ist lohnenswert, zudem sind die Störche noch bis ungefähr Mitte August in Marchegg; eine Naturvermittlung durch die Au neben dem Schloss (mit verschiedenen Wanderwegen) ist mehr als eine Empfehlung! Das Schloss wurde für die Ausstellung um 12 Millionen Euro saniert.
  • Radverleih: Wer sich ein Rad ausborgen will, wird bei „Radwerk“ fündig. www.radwerk-w4.at

Artikel von

Manfred Wolf

Redakteur Magazin, Chef vom Dienst

Manfred Wolf

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