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Reisen

Zwischen Lava und Eis, Troll und Elf

Von Klaus Buttinger  21. August 2021 00:04 Uhr

Zwischen Lava und Eis, Troll und Elf
Der jüngste, „touristische Ausbruch“: Vulkans Fagradalsfjall vom Kleinflugzeug aus gesehen

Kein Land in Europa ist von solchen Extremen geprägt wie Island: 1200 Grad heiße Lava neben ewigem Eis, grüne Weiden neben grauer Mondlandschaft und über allem geistern die Geschichten von menschenfressenden Trollen und – manchmal – auch freundlichen Elfen

Man stelle sich einen achtmonatigen Winter vor, Kälte, Nebel und kein Fernseher. In den alten Tagen sah die unterforderte Fantasie in den isländischen Lavafeldern so manches Gesicht und interpretierte es als Troll oder Elf. Trolle, die nächtens aus ihre Höhlen kommen und Menschen fressen, daran glaubt in Island niemand mehr, "Elfen aber gibt es wirklich", sagt Reiseleiterin Marianne Giesswein augenzwinkernd. Tatsächlich wird in Island durchaus ernsthaft diskutiert, sollte eine Straße ausgerechnet die Räumung eines alten Elfenfelsens betreffen. Da baut man die Straße lieber darum herum. Doch eigentlich sollte die Reise weniger den magischen als den naturwissenschaftlichen Hintergründen der eisigen Insel gelten. Deshalb war OÖN-Wissenschaftskolumnist Leo Ludick an Bord des Busses, der kürzlich rund 2500 Kilometer durch Island zurücklegte, um die Insel zu entdecken und Fragen der Landesphysik zu beantworten.

Vulkanausbruch

Der aktuelle Vulkanausbruch, 25 km von der Hauptstadt Reykjavik entfernt. Der Geldingadalir-Vulkan spukt Lava, die in alle Richtungen fließt, gefilmt von einem Kleinflugzeug aus.

Warum ist Island voller Vulkane? 130 sind es, 18 sind seit der Besiedelung der Insel im Jahr 871 ausgebrochen. Mehrere Vulkane sind rechnerisch überfällig. Darunter der berüchtigste, die Hekla, 1500 Meter hoch, Tor zur Hölle genannt, zuletzt ausgebrochen 1947. Bis ins 19. Jahrhundert glaubte man darin die Seelen der Verdammten zu sehen. Tatsächlich findet man in elf Kilometern Tiefe eine 25 Quadratkilometer große Magmakammer. Und darunter? "Befindet sich ein Mantelplume, ein aufsteigender Strom von heißem Gesteinsmaterial aus dem Erdmantel", erklärt Ludick im sehenswerten Lava-Center von Hvolsvöllur. Noch dazu liegt Island auf dem Mittelatlantischen Rücken, wo die eurasische und die nordamerikanische Platte auseinanderdriften – so schnell wie ein Fingernagel wächst. Klar, dass auf diesem labilen Gelände die Thermalquellen sprudeln und die Vulkane spucken – wie eben jetzt und wie bestellt der Vulkan Fagradalsfjall nur 25 Kilometer entfernt von der Hauptstadt Reykjavik. Imposant fließen die Lavaströme in alle Richtungen, wenngleich es sich um einen "touristischen Ausbruch" handelt, wie Vulkanologen relativieren.

Zwischen Lava und Eis, Troll und Elf
Frische Lava des Fagradalsfjall Vulkans

Die Reise führt vom Vulkan über den schönsten Wasserfall Islands, den Gullfoss, der gut 100 Kubikmeter Wasser pro Stunde über zwei Stufen fallen lässt und die Geysirlandschaft von Haukadalur zum Gletscher Vatnajökull. Er ist der größte Europas, bedeckt acht Prozent der Landfläche Islands und seine Zungen lassen die Pasterze aussehen wie ein Rinnsal. Am schönsten präsentiert er sich in der Lagune Jökulsarlon. Hier kann man an Bord eines Amphibienfahrzeugs gehen, ein LARC-5 der US-Armee aus dem Jahr 1964, gebaut für den Vietnamkrieg, um eine Runde zwischen den Eisbergen zu drehen. Die Szenerie kommt einem irgendwie bekannt vor. "Hier wurde für James Bond gedreht", sagt Giesswein. Ach ja, der Eispalast aus "Stirb an einem anderen Tag". Generell ist Island als filmischer Hintergrund anhaltend beliebt, jüngst in der Serie "Games of Thrones".

Die Route

Über das Hochland rumpeln

Eine Islandreise bedeutet allerdings Erlebnis live. Eine Durchquerung des Hochlands steht an – auf der Piste F 26 nach Norden. Das heißt: einspurige Aschetrasse, Geröllstraße, Furten – noch vor 100 Jahren zu Pferd ein lebensgefährliches Unterfangen. Der Hochlandbus stellt sich der Herausforderung mit verstärktem Fahrwerk. Auf den Waschbrettwellen spielt das tapfere Gefährt das Lied von der klappernden Mühle am rauschenden Bach. Unglaublich was Bus, Hintern und Plomben aushalten.

Hochlandpiste

Um das Hochland zu befahren, brauchen Autos und Busse hochgestellte, verstärkte Fahrwerke. Dennoch eine aufrüttelnde Sache.

Furt

Brücken finden sich im Hochland kaumt. Schmelzwasserflüsse von den Gletschern gilt es via Furt zu durchqueren.

Lohn für das Gerumpel ist Landmannalaugar, ein Ort in einer alten Vulkan-Caldera, inmitten des farbenprächtigen Liparitgebirges. Eine gut einstündige Wanderung führt durch ein außerirdisch anmutendes Lavafeld aus schwarz-glänzendem Obsidian und vorbei an dampfenden Löchern, aus denen es nach Schwefel riecht. Wer vom Duft der inneren Welt noch nicht genug hat, kann sich in dem Camp in ein natürliches Warmwasserbad in einen kleinen Fluss setzen. Allein sein wird er dort nicht. Landmannalaugar ist kein Geheimtipp mehr, trotzdem sehenswert.

Zwischen Lava und Eis, Troll und Elf
Eisberge kalben in die Gletscherlagune Jökulsarlon.

Dann wieder Hochlandgerüttel durch die größte Einöde der Insel, schwarz-graue Mondlandschaft, die nicht einmal mehr Schafe lockt. Erodierte Hügel und gletscherbehütete Berge bilden die Umrahmung für ein steinernes Meer, unterbrochen von einem Altschneeloch da, einem kleinen Feld rosaroter Weideröschen oder neongrünen Strichen von Flechten, die sich an ein Rinnsal klammern. Bäche und Flüsse rauschen wie weißgelbe Milch daher – und immer wieder flankieren Lavafelder in allen Stadien der Verwitterung die Straße. Besonders hübsch sind jene Felsen-Hubbel, die sich blonde Flechten aufgesetzt haben.

Island ist voller Wasserfälle. Von großer Anziehungskraft auf Geologen ist der Aldeyjarfoss, der von skurrilen Basaltsäulen umrahmt ist, unten stehen sie gerade wie Soldaten, oben krümmen sie sich wie Magenschmerzgeplagte. Die unteren konnten langsam auskühlen, "die oberen wurden von frischer Lava erneut aufgeschmolzen", erklärt der Experte.

Von den meisten Wasserfällen wird berichtet, man habe einst Gold darin versenkt. In den erwähnten Gullfoss "soll ein reicher Mann seinen Schatz geworfen haben, weil er ihn nicht vererben wollte", erzählt Giesswein. Im Götterfall nahe dem Ort Laugar aber, soll der Sage nach Häuptling Thorgeir anno 1000 die Bilder der heidnischen Götter geworfen haben, um fürderhin Christ zu sein. Laut Überlieferung hat er 24 Stunden unter einem Schaffell darüber gebrütet.

Islandpferde

In der Nähe des Götterfalls donnert eine Herde Islandpferde über die Brücke. Die jungen Pferde werden getrieben, um Kondition für ihre späteren Aufgaben zu tanken.

Nachhaltig enttrollt ist Island nicht, wie sich im Lavalabyrinth Dimmuborgir in der Region Myvatn zeigt. Hier, wo 2000 Jahre alter Tuffstein skurrile Formen zeigt, verstecken sich unterm Jahre die 13 Weihnachtsgesellen, Nachfahren der Trolle, die manchen Schabernack zum Weihnachtsfest treiben. Übrigens: Der höchste Feiertag der Isländer ist der Song Contest. Der fegt die Straßen leer.

Zwischen Lava und Eis, Troll und Elf
Regenbogen-Straße zur Kirche: Reykjavik versteht sich als Hauptstadt der Diversität.

Baden mit Bier

An etlichen Orten in Island frönt man dem Freiluftbaden, so auch im Myvatn Nature Bath, einer früher natürlichen, nun künstlich ausgebauten Lagune voll warmem seifigem, milchig-blauem Thermalwasser. Zur Abkühlung gibt es eine Bierbar am Beckenrand, wobei die Alkoholpreise in Island höher liegen als der Geysir spritzen kann.

Die Hauptstadt im Norden heißt Akureyri, hat 19.000 Einwohner und liegt ideal für Wintersport, Whalewatching-Ausflüge und Polarlicht-Beobachtungen. Wie das entsteht: "Elektrisch geladene Teilchen von der Sonne treffen in oberen Atmosphärenschichten auf Stickstoff- oder Sauerstoffmoleküle und regen sie zum Leuchten an. Ja, und man kann sie nur im Winter sehen, wenn es nachts wirklich dunkel ist." Danke, Herr Professor Ludick.

Im Winter ist es lange finster. Bevor der Strom auf die Insel kam – Island versorgt sich heute klimaneutral zu zwei Drittel aus Wasserkraft und einem Drittel aus Geothermie – wurden Lampen mit Fischtran betrieben. Man lebte in Häusern, die mit Grassoden gedeckt waren, wie das sehenswerte Freilichtmuseum in Glaumbaer zeigt. Zum Leben damals gehörte das Islandpferd genauso wie das Schaf. "Heute", sagt Giesswein, "ist Islandpferde zu haben eine Lebenseinstellung." Man treffe sich jeden Abend mit Gleichgesinnten im Stall. Und niemand sagt Pony – das wäre ein Sakrileg.

Wer weiß, welche Sühne es dafür im Mittelalter gegeben hätte, als sich das frühe Parlament Islands (Althing) am Lögberg zu Gerichte setze. Überliefert ist, dass man ehebrecherische Frauen ertränkte, Diebe und Mörder köpfte. Island, ein extremes Land, immer schon.

Fakten & Tipps

Anreise: Am einfachsten fliegt man von München nach Keflavik (KEF), den internationalen Flughafen von Reykjavik.

Einreise: Momentan braucht man eine Anmeldung auf dem Portal visit.covid.is und bekommt dafür einen Barcode, den man bei der Einreise vorzeigen muss. Zudem: Impfnachweis und aktueller Test.

Transport: Individualreisende wählen Mietwagen, deren Preise derzeit äußerst hoch sind. Wer ins Hochland fahren will, braucht spezielle 4-WD-Modelle. Gruppenreisende fahren in so genannten Hochlandbussen mit robusterem Fahrwerk.

Geld: Bargeld (Kronen) ist in Island nicht notwendig. Selbst Kleinstbeträge werden mit Kreditkarte bezahlt.

Literaturtipp: Hallgrimur Helgason: "Zehn Tipps das Morden zu beenden und mit dem Abwasch zu beginnen", Krimi, Tropen Verlag, 20,60 Euro.

Kooperation: Die Reise fand auf Einladung des Reisebüros Kastler in Ottensheim statt.

Dyrholaey

Die Südspitze Islands mit schwarzem Strand und Steilküsten auf der die Papageientaucher brüten. Was man als Island-Tourist dort und in anderen Naturschutzgebieten nicht tun sollte.

Artikel von

Klaus Buttinger

Redakteur Magazin

Klaus Buttinger
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