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Reisen

Zu Gast bei Queen Victoria

19. Mai 2019 03:44 Uhr

Zu Gast bei Queen Victoria

Die zweite Etappe unserer großen Tour führt uns in den kleinsten Bundesstaat Australiens. Victoria macht seiner Namensgeberin alle Ehre und ist eine wahre Königin der spektakulären Küstenlandschaften, die mit vielen tierischen Überraschungen aufwartet.

Endlich raus aus Sydney, weg in Richtung Süden, und weil das Auto nun problemlos fährt, wird der Wohnwagen erst nach gut 100 Kilometern in den Southern Highlands wieder angehalten. Die Highlands, wie die Australier sagen, präsentieren sich namensgerecht als eine Mischung aus schottischem Hochland und der Eisenau im Salzkammergut. In dieser sanfthügeligen, grünen und fruchtbaren Landschaft wollen wir nach der hitzigen Zeit in Sydney einige Tage durchatmen.

Bald findet sich eine Familie, die gerne Camper zu Gast hat und sich über kulturellen Austausch freut. Das kleine Cottage von Matt und Hariette und ihren zwei Kindern liegt auf 600 Höhenmetern und fühlt sich an wie eine Almhütte. Den Wohnwagen parken wir im Garten neben den grasenden Kühen. Also irgendwie haben wir uns Australien anders vorgestellt – mehr mit roter Erde und Kängurus. Wir unternehmen Tagesausflüge zu Wasserfällen, gehen im Teich schwimmen, spielen mit den Kindern Cricket im Garten. Hunde, drei Pferde, Enten, Gänse und auch Meerschweinchen buhlen um die Aufmerksamkeit der Kinder.

Zu Gast bei Queen Victoria
Abkühlung hinter dem Wasserfall

An den Abenden am Lagerfeuer erzählen Matt und Hariette von ihren Reisen durch Europa und Japan. Besonders leuchten ihre Augen, wenn das Thema Outback zur Sprache kommt, insbesondere, wenn sie von ihren Weitwanderungen, den sogenannten "Tracks", und ihren Nächten unter dem leuchtenden Sternenhimmel berichten. Beide haben als Teenager ihren ersten "Swag", eine Mischung aus Schlafsack und robustem Einmannzelt, das vor Schlangen, Regen und Moskitos schützt, von ihren Eltern bekommen und setzen diese Tradition bei ihren Kindern fort.

Nach vier Tagen geht auch unsere Reise weiter – geprägt von Orten mit ungewöhnlichen Namen, die ihren Ursprung in der Kultur der Aborigines haben und häufig Naturgegebenheiten beschreiben, wie Jamberoo (Pfad), Ulladulla (sicherer Hafen) oder Wollongong (Meer des Südens). Die Kinder haben ihren Spaß damit, reimen mit den Ortsnamen, während wir auf den abgelegenen North Head Beach zusteuern. Es ist unser erster Strand, der nur mit einem Allrad zu erreichen ist. Dort lernen wir eine Familie kennen, mit der wir auf dieser Etappe immer wieder gemeinsame Tage verbringen. Mit ihnen, wie mit vielen anderen, verbindet uns das Ziel, Australien einmal auf dem Landweg zu umrunden. Man tauscht sich aus über Camping-Erlebnisse, seltene Tiere und die Beweggründe für so ein Abenteuer. Viele wollen dem Hamsterrad für ein Jahr entkommen und mehr Zeit als Familie verbringen. Bei all den Begegnungen fühlen wir uns als Europäer stets willkommen, haben doch vielen Australier europäische Wurzeln.

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Warten auf die Zwergpinguine

Tierische Bekanntschaften

Das Strandleben hält derweil viele Überraschungen bereit – die ersten Delfine in freier Wildbahn, die in einer Bucht gesichtet werden. Andere Tiere kommen uns näher. Im Schatten unseres Autos dösen Warane mit über eineinhalb Metern Körperlänge, ein paar handtellergroße Spinnen sitzen in ihren Netzen und um Mitternacht bekommen wir Besuch von zwei putzigen Beutelratten, sogenannten Opossums. Diese sichern sich mit einem Einstieg in unseren Wohnwagen durch das Fliegengitter ihre nächtliche Jause. Die anschließende Jagd auf die Nager zwischen den schlafenden Kindern erfordert unser aller Geschick. Genug der Wildnis – wir machen uns auf, stoppen kurz in einem historisch beschaulichen kleinen Ort am Fuße der Brown Mountains, durchqueren viele kleinere Nationalparks und ihre schier unendlichen Wälder, bis wir die unscheinbare Grenze zum Bundesstaat Victoria passieren.

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Ein echter Australier

Bei strahlendem Wetter statten wir in Eastern Gippsland einer Gruppe von beeindruckenden Kalksteinhöhlen einen Besuch ab. Das Wasser des nahegelegenen Felsenbades kommt mit 17 Grad direkt aus den Höhlen. Wir sind die einzigen Badegäste an diesem heißen Tag. Abgekühlt geht es weiter und es zieht uns wieder ans Meer. Am 90-Miles-Beach und seinen 145 Kilometern wird unser Bedürfnis nach Wellen und Weite gestillt. An einem der vielen Gratis-Stellplätze tauchen wir für einige Tage in die Stille ein. Hier überrascht uns, das erste Mal seit wir Österreich verlassen haben, ein Regentag, der den Strand mystisch, ja fast unheimlich erscheinen lässt. Den Kindern scheint das Wetter nichts auszumachen, sie erkunden ein altes Schiffswrack und spielen stundenlang in den Dünen, während die Elterngeneration dem starken Wind mit Haube und Daunenjacke trotzt. Wo ist der Sommer?

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Der 90-Miles-Beach scheint uns alleine zu gehören.

Ganz im Süden

Das lässt Victoria nicht auf sich sitzen. Königlich strahlend kehrt die Sonne zurück, gerade rechtzeitig, um im Wilsons Promontory National Park den südlichsten Punkt des australischen Festlands zu entdecken (siehe Höhepunkte). Wahrlich fürstlich gestaltet sich auch der Preis des Campingplatzes, was uns nach zwei Nächten wieder weiterziehen lässt – zu einem der bevorzugten kostenlosen Stellplätze. Dort, irgendwo im nirgendwo, wartet die nächste tierische Überraschung: Ein kleiner Koala blickt ganz verschlafen von seinem Baum herunter. Es geht tierisch weiter. Berühmt für ihre Zwergpinguine ist Philipp Island, unser nächstes Ziel. Allabendlich kommen sie aus dem Meer, um ihre Jungen zu versorgen.

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Koalas schlafen bis zu 20 Stunden täglich.

Das vielfach gepriesene Glanzlicht mit bis zu 1000 Tieren verläuft sich schnell im sprichwörtlichen Sand. Nach zwei Stunden Wartezeit kommen gerade einmal 30 Pinguine aus dem Meer und huschen in der Dämmerung kaum wahrnehmbar an uns vorbei. Ja, die Natur lässt sich eben nicht planen. Enttäuscht, müde und ausgefroren "watscheln" wir zurück zu unserem Schneckenhaus und hoffen, dass wenigstens Melbourne, die Metropole Victorias (siehe Höhepunkte), ihr Versprechen hält. Dort werden wir von Matthew, einem Baggerfahrer, eingeladen, für ein paar Tage bei ihm und seiner Familie in der Auffahrt zu stehen. Abends beim Grillen gibt es nur ein Thema: Einmal rund um Australien. Wann immer wir von unserer Reise erzählen, freuen sich die Australier mit uns und teilen ihre Sehnsucht, es uns irgendwann gleichzutun. Auf Spielplätzen oder Skate-Parks werden unsere Kinder oft von anderen Kindern gefragt, ob sie nicht mit auf die Reise kommen könnten.

230 Kilometer Steilküste

Nach Melbourne wartet die Great Ocean Road (siehe Höhepunkte) auf uns, die oft zitierte spektakuläre Küstenstraße, die sich über 230 Kilometer entlang der Steilküste windet. Vorbei die Ruhe, die Stille und die Gratis-Stellplätze. Aber die Annehmlichkeiten eines Campingplatzes haben auch ihr Gutes. Die Wäsche wird gewaschen und unsere Körper mit einer heißen Dusche verwöhnt. 48 Stunden später ist alles beim Alten, fernab vom Trubel auf einem kostenlosen Stellplatz im nahe gelegenen Nationalpark: Dieses Mal bekommen wir Besuch von neugierigen Kängurus, die bis an den Wohnwagen kommen. Hinweisschilder raten vom Füttern ab, aber wo Kinder essen, landet schon einmal etwas auf dem Boden. In der Früh sind alle Reste weg.

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Zwei der ursprünglich zwölf Apostel

Wir fahren einige der beliebten Surf-Strände entlang der Route ab, um den Profis zuzusehen. Unsere Kinder bekommen auch Lust, auf den Wellen zu reiten und entdecken die Liebe zum Body-board, einem kürzeren Surfbrett, auf dem man sich bäuchlings liegend von den Wellen zum Strand tragen lässt. Fast am Ende der Great Ocean Road wartet das Aushängeschild der Küstenstraße schlechthin: die zwölf Apostel. Wind und Wellen haben die bis zu 60 Meter hohen, bizarren Kalksteinfelsen einst geformt und tragen sie nun auch wieder ab, weshalb heute nur noch acht übrig sind. Spektakulär sind sie allemal. Die vielen Kilometer der vergangenen Tage verlangen nach einer Pause, fernab von Touristenattraktionen.

Kuchen aus dem Kugelgrill

Gemeinsam mit jener Familie, die wir bereits vom Beginn dieser Etappe kennen, wird gefeiert – Ulis 41. Geburtstag. Die Kinderschar ist zwei Tage lang damit beschäftigt, Dekoration zu basteln und Karten zu zeichnen. Der Kuchen kommt aus dem Kugelgrill – rauchig im Geschmack und mit besonders intensiver Kruste. Erholt verlassen wir die Gegend, werfen einen Blick auf einen malerischen Vulkansee, und rollen danach weiter in Richtung Portland, der kleinen Hafenstadt an der Grenze zu Südaustralien. Ein kleines Museum erzählt voller Stolz darüber, die erste Siedlung Victorias zu sein und über das harte Leben von Walfängern und Walen. Während der Wanderung zu einer kleinen Seelöwen-Kolonie sehen wir in der Ferne dann tatsächlich unsere allerersten Wale auf ihrem Weg entlang der Küste. Ein mehr als krönender Abschluss unseres Besuchs bei Königin Victoria. Während der vierwöchigen Audienz und den 3100 Kilometern haben wir ihr sonniges Gemüt schätzen und an den Küsten ihr aufbrausendes Temperament kennen gelernt.

Unsere Route führt uns weiter in Richtung Westen in den nächsten Bundesstaat Südaustraliens. Wie dieser sich darstellt, welche Freuden und Herausforderungen die Menschen dort haben und was es dort alles zu entdecken gibt, lesen Sie in unserem nächsten Artikel Anfang Juni.

Australien-Wissen

„Australia Day“: Der Nationalfeiertag der Australier erinnert an die Ankunft der ersten europäischen Flotte in Sydney am 26. Jänner 1788. Doch anstatt gemeinsam zu feiern, spaltet er die Bevölkerung in zwei Lager. Die Ureinwohner Australiens (Aborigines) als auch die kritisch denkenden „neuen“ Australier nennen ihn „Invasion Day“, begann doch damit die Unterdrückung der indigenen Völker. Doch die patriotische
Hälfte der Australier feiert ihn sehr ausgiebig, lautstark und in den Nationalfarben geschmückt.
Jegliche Bemühungen, einen neuen und gemeinsamen Nationalfeiertag zu finden, sind bisher leider im Sand verlaufen.

Victoria und Melbourne: Mit 6 Millionen Einwohnern ist Victoria , benannt zu Ehren der damals sehr populären englischen Königin Victoria, der am dichtesten bevölkerte Bundesstaat. Knapp ein Viertel aller Australier lebt in Victoria auf nur drei Prozent der Gesamtfläche des Landes. Darüber hinaus wartet Melbourne auf uns, eine Mulitkulti-Metropole, die sich seit Jahren einen der obersten Plätze der lebenswertesten Städte der Welt sichert.
Mit seinen 36 Nationalparks ist Victoria ein wahres Paradies für Wanderer und Naturbeobachter. Aufgrund der wärmeren Temperaturen ist die beste Reisezeit von Dezember bis Februar. Touristisch nahezu unattraktiv sind dagegen die kalten Monate von Mai bis September.

Höhepunkte

Wilsons Promontory National Park: Der Nationalpark liegt 160 Kilometer westlich von Melbourne. Der Landvorsprung ist der Überrest einer ehemaligen Landbrücke, die Australien mit Tasmanien verband und die überflutet wurde, als gegen Ende der Eiszeit vor etwa 10.000 Jahren der Meeresspiegel anstieg. Ein besonderes Erlebnis bietet die 32 Kilometer lange Wanderung zum südlichsten Punkt. Der Weg führt durch luftige Eukalyptuswälder, durch den typisch australischen Busch und durch einen kleinen Regenwald, bis er schließlich den Blick auf den Ozean freigibt. Weil der Weg für die Kinder zu weit ist, geht Birgit die Tour – empfohlen für zwei Tage – alleine, allerdings an einem Tag. Als Alternativprogramm mit Kindern eignet sich der Gipfel des Mount Oberon (ca. 1,5 Stunden Gehzeit).

Melbourne: Die wirtschaftlich aufstrebende Stadt zählt derzeit 4,75 Millionen Einwohner aus aller Herren Länder. Mit jeder Einwanderungswelle wurde das städtische Mosaik erweitert, und heute feiert Melbourne das indische Kulturfestival genauso wie das deutsche Oktoberfest. Eine kostenlose Straßenbahn versucht die Innenstadt möglichst autofrei zu halten und erhöht somit natürlich die Qualität beim vielfältigen Erleben der Stadt mit ihrer dichten Kunst- und Kulturszene. Das Wetter in Melbourne wird oft als „Vier Jahreszeiten an einem Tag“ beschrieben. Schnelle Wetterumschwünge sind hier besonders im Frühling und Sommer an der Tagesordnung.

Great Ocean Road: Die Idee, entlang der Küste eine Straße zu bauen, gab es bereits 1864. Die konkrete Umsetzung erfolgte dann erst 1919, als für 3000 heimgekehrte Soldaten Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen erforderlich waren und außerdem ein Kriegsdenkmal für deren gefallene Kameraden geschaffen werden sollte. 1932 wurde die Straße fertiggestellt und seit 2011 ist sie als nationales Denkmal gelistet. Heute gilt sie als das Surferparadies im Osten und ist berühmt für die Shipwreck Coast im Westen. Mehr als 160 Schiffe sollen hier auf Grund liegen.

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