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Reisen

Zahn um Zahn: Eine Wanderung durch den Tessin

Von Bernhard Lichtenberger  24. April 2022 12:00 Uhr

Die Bergkette Denti della Vecchia zieht seit den 1930er- Jahren Kletterer an.

Wälder aus Edelkastanien und Buchen, Almen mit regionalen Genüssen, bizarre Felsen mit wenig schmeichelhaften Namen und südländisches Lebensgefühl begegnen dem Tessin-Wanderer zwischen den Schweizer Städten Bellinzona und Lugano.

Schroffe Zacken ragen empor, verwitterter Fels in bizarrer Gestalt, von der Natur geformter grober Dolomit, an dem sich schon in den 1930er-Jahren junge italienische Bergsteiger versuchten wie der legendäre Riccardo Cassin. Denti della Vecchia heißt das historisch bedeutende Klettergebiet, dessen höchster Zapfen 1491 Meter erreicht. Was auf Italienisch geschmeidig über die Lippen kommt, gerät in der deutschen Übersetzung wenig schmeichelhaft: die "Zähne der Alten". Die Bergkette mit den Stummeln, die bildhaft mit den lückenhaften, brüchigen Kauwerkzeugen greiser Menschen verglichen werden, schmiegt sich an die Grenze zu Italien. Für einen Blick auf den nahen Luganersee hatten die Schmuggler, die einst auf den Pfaden zwischen den Felsen mit Kaffee und Zigaretten unterwegs waren, gewiss keine Muße.

Auf Zacken trifft man auch in Bellinzona, Hauptstadt des Tessins und Ausgangspunkt unserer mehrtägigen Wandertour im untersten Zipfel des südlichsten Schweizer Kantons. Hier sind die steinernen Zähne allerdings ebenmäßig gestaltet und Teil eines mittelalterlichen Bollwerks, das seit dem Jahr 2000 zum Unesco-Welterbe gehört: die drei Burgen von Bellinzona. Die Wehranlagen aus dem 13. Jahrhundert wurden von den Herzögen von Mailand als Sperrriegel gegen die nach Süden drängenden Eidgenossen errichtet. Um 1500 schlugen sich die Bewohner auf die Seite der Schweizer, womit sich der Spieß umdrehte.

Das mächtige Castelgrande thront auf einem Gneisfelsen, den die letzte Eiszeit im Tal des Ticino-Flusses hinterlassen hat. Innerhalb der zinnenbewehrten Mauern erstreckt sich eine Wiese, auf der ein kleines Fußball-Kickerl ebenso erlaubt ist wie das Jawort zur Geliebten. Der Architekt Aurelio Galfetti, der die Hochburg restauriert und behutsam umgebaut hat, schenkte den Bewohnern von Bellinzona mit dem Grün einen urbanen Park. Auf dem Berghang über der Altstadt ragt der Turm des Castello di Sasso Corbaro zwischen der Vegetation hervor. Ein Stück darunter steht die dritte Burg, das kompakte Castello di Montebello, das ein archäologisches Museum beherbergt – und überdies dazu einlädt, seiner eigenen Salami Würze zu verleihen.

Die Hochburg Castelgrande thront über der Tessiner Hauptstadt Bellinzona.

Der Brotbaum der Armen

Unweit davon breitet eine betagte Edelkastanie ihre knorrigen Äste aus. Einst war sie der Brotbaum der Armen und galt über Jahrhunderte als Grundnahrungsmittel. Im Mittelalter stillte jeder Tessiner seinen Hunger mit rund hundert Kilo Kastanien pro Jahr, als gekochte oder gebratene Frucht oder in Form von Brot, Süßigkeiten, Fladen und Polenta, die aus Kastanienmehl zubereitet wurden. Mittlerweile ist der Konsum auf etwa ein Kilo pro Person geschrumpft.

Bis auf eine Höhe von 800 Metern begegnet der Wanderer den Kastanien, die vor hundert Jahren noch in 18 Sorten kultiviert wurden, auch heute noch auf Schritt und Tritt. Vom Örtchen Isone folgen wir der weiß-rot-weißen Markierung durch dichten Laubwald mit Buchen, Eschen, Kastanien, Eichen und Birken, ehe sich der Pfad mit der Via dei Sapori kreuzt, dem Weg des Geschmacks und der Aromen. Dieser verknüpft Almen und Hütten, die mit regionalen Köstlichkeiten aufwarten. Katya Mazaro bewirtschaftet die Alpe Zalto. Die 40-Jährige, die die Milch von 120 Ziegen an die Käserei liefert, weiß, was schmeckt. "Eine Tessiner Spezialität ist ein drei Monate altes Zicklein, das bei 200 Grad eineinhalb Stunden im Ofen gebraten wird", sagt sie und bohrt den Zeigefinger in die Wange – die typische italienische Geste, wenn etwas besonders mundet. Uns serviert sie verschiedene Sorten Hart- und Weichkäse, Hirsch und Wildschwein, das ihr jagender Mann erlegt hat. Am Wochenende kommt Polenta auf den Tisch.

Verfolgt von neugierigen Pferden.

Fragt man nach Tessiner Gerichten, die kein Gaumen missen möchte, legt Wanderführer Antonio Borra los: Risotto mit Pilzen, Ossobucco mit Risotto, Brasato (Schmorbraten) mit Polenta, Wild mit Kastanien. Der Kultur- und Bauingenieur kennt hier jeden Berg und jede Route. Seit seiner Schulzeit zieht er sonntags los. "Wenn ich an einem Sonntag nicht wandere, geht’s mir nicht gut", sagt der 68-jährige Naturliebhaber. Er empfiehlt auch einen Abstecher auf den Monte San Giorgio, der sich zwischen den beiden südlichen Armen des Luganersees auf knapp 1100 Meter erhebt. Der Berg birgt einen Schatz aus der Vergangenheit, der seit 1850 von Paläontologen gehoben und erforscht wird: 240 Millionen Jahre alte Fossilien, die vom Meeresleben der Trias-Zeit zeugen. Eintauchen in diese Welt können Interessierte im Fossilienmuseum in Meride. Der kleinste präparierte Fund ist die Spore einer Pflanze mit 0,03 Millimeter Durchmesser.

Wir bewegen uns, begleitet von ein paar neugierigen Pferden, auf Tesserete zu. Eine halbe Stunde vor dem Etappenziel passiert man das Kloster Bigorio, die älteste Niederlassung der Kapuziner in der Schweiz. Hier werden Kekse, Liköre, Honig und Essenzen aus Heilpflanzen und Kräutern feilgeboten. Den müden Körper schleppt man zur nächtlichen Entspannung am besten ins Hotel Tesserete, einen Geschichte atmenden Jugendstilbau mit zwölf Zimmern und einem entzückenden Garten, in dem Palmen den Gast begrüßen. Bevor es in der seit zehn Jahren von der Familie Besomi geführten Herberge in die Horizontale geht, drängt der Appetit ins gegenüberliegende Ristorante Stazione, in dem die Besomis seit 1930 Kulinarik vom Feinsten kredenzen, die ein Glas Capriasca Merlot aus dem Dorf abrundet.

Auf Schritt und Tritt trifft man auf Edelkastanien.

Über 2000 Sonnenstunden

Cimadera ist der Ausgangspunkt zur 13 Kilometer langen grenzgängerischen Tour am Kamm mit den eingangs erwähnten "Zähnen der Alten". Buchen muss hier keiner suchen. Sie finden sich zu ausgedehnten Wäldern zusammen. Bei schönem Wetter und klarer Fernsicht – im Tessin mit mehr als 2000 Sonnenstunden im Jahr nicht ungewöhnlich – versüßt der Monte Boglia den Aufstieg auf 1516 Meter mit einem Blick aufs Matterhorn, das hinter dem Monte-Rosa-Massiv hervorlugt.

Auf steinigem Weg geht es nach fünfstündiger reiner Gehzeit schließlich bergab ins Dörfchen Brè – und noch einmal über unzählige Stufen, denen eine gewisse Bösartigkeit nicht abzusprechen ist, hoch zum Monte Brè. Von dort strebt die 110 Jahre alte Zahnradbahn dem Zentrum von Lugano entgegen, das mit seinem mediterranen Flair umgarnt.

Anschließend an die Seepromenade lädt der 63.000 Quadratmeter große Parco Ciani zum Flanieren unter dem Blätterdach von mehr als hundert Jahre alten Bäumen ein. In einem besonderen Mikroklima gedeihen subtropische Pflanzen, "es gibt hier praktisch nie Frost", erklärt der Stadtführer. Es braucht die pflegenden Hände von 50 Gärtnern, um die florale Pracht der grünen Lunge der Stadt zu erhalten.

Der drittwichtigste Finanzplatz der Eidgenossen, in dem Menschen aus 163 Staaten der Welt ein Daheim gefunden haben, präsentiert sich als Mischmasch aus Banken in Palästen, Piazzi mit südländischer Atmosphäre, jahrhundertealten Steinhäusern und Laubengängen mit Luxusgeschäften – und einem rotbärtigen Original mit schwarzem Mantel und Zylinder. Seit mehr als 30 Jahren ist der gebürtige Hamburger Jörg Wolters mit seiner Drehorgel nicht aus dem Stadtbild von Lugano wegzudenken. Wer auf der Lindenpromenade am Seeufer entlangspaziert, landet unweigerlich vor der Kirche Santa Maria degli Angioli mit dem bedeutendsten Renaissancewerk der Schweiz: Das Freskengemälde des Da-Vinci-Schülers Bernardino Luini stellt die Passion Christi dar.

Eurotrek bietet die aussichtsreiche, individuelle Genusswanderung "Tessiner Highlights" (7 Tage/6 Nächte, Gepäcktransport etc.) zwischen 30. April und 16. Oktober ab 869 Euro an.

Infos: eurotrek.ch, myswitzerland.com, swisstravelsystem.com, oebb.at/sparschiene

Artikel von

Bernhard Lichtenberger

Bernhard Lichtenberger

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