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Wunderbarer wilder Süden

Von Reinhold Tauber 01. Juni 2019 00:04 Uhr

Wunderbarer wilder Süden
Die Kathedrale von Albi wirkt wie eine Festung und im Stil wie aus der gotischen Art geschlagen.

Streifzug durch ein faszinierendes Land, das es erst seit 2016 gibt: Frankreichs "Okzitanien"

Hochtürmende Gebirgszüge, die südlichen Ausläufer des Zentralmassivs, als Kontrast wilde, weite, einsame Hochflächen. Landschaft erloschener Vulkane. Landschaft kulinarischer Köstlichkeiten, Kleinodien der Kulturgeschichte, prächtiger Städte, Land der romanischen und gotischen Preziosen, der bis ins Frühmittelalter zurückreichenden Abteien, Landschaft mit Weltwundern menschlicher, technischer Fähigkeiten, aber auch Landschaft furchtbarer geschichtlicher Gräuel im Namen der Religion. "Okzitanien": Eine Landschaft, die neu ist in der politischen Ordnungsgeschichte. Frankreichs wunderbarer wilder Süden.

Mit 1. Jänner 2016 wurden die Regionen Languedoc-Roussillon und Midi-Pyrénées zu einer Verwaltungseinheit verschmolzen, 13 Departements mit 5,6 Millionen Einwohnern, das südliche Drittel Frankreichs. Der Name der neuen Region ist ihrer historischen okzitanischen Sprache entnommen, bezeichnete im Kern immer schon das Gebiet der "Langue d’oc". Sitz der neuen Verwaltungseinheit ist Toulouse, die Großstadt mit ihrem schönen alten Zentrum, doch im Charakter eine junge, lebensfrohe Stadt, die mehr zu bieten hat als die Fertigungszentrale des Airbus, der hier zusammengeschraubt wird wie ein Lego-Spiel, dessen Einzelteile vom Cockpit bis zum Leitwerk aus halb Europa herangekarrt werden – man kann die Fabrik besichtigen. Drumherum Faszinierendes, Kontraste.

Landschaft: Das Zentralmassiv schwächt sich nach Süden in die Cevennen ab, diese sind gegliedert in unwirsche Teilgebirge, durchzogen von tiefen Einkerbungen der Erdgeschichte, wie Hiebe in das Gestein gehauen, "Gorges" mit Flussläufen, gut für Rafting-Freunde, aber auch zu durchwandern. Manche waren auch Sperrriegel, hinter denen sich seit dem Mittelalter Herrschaftssitze verbargen, viele wurden erst in der jüngeren Neuzeit allgemein zugänglich gemacht.

Wunderbarer wilder Süden
Der Cevennen-Nationalpark ist im Zentrum eine gewaltige Hochfläche.

Der Cevennen-Nationalpark ist im Zentrum eine gewaltige Hochfläche, 900 Quadratkilometer, nur von 600 Menschen, aber vielen Schafen bevölkert, wie die von der Natur hier durchgepausten schottischen Highlands. Das französische Militär hat heroben einen Schießplatz, den es gewaltig erweitern wollte, aber eine kleine "Französische Revolution" machte das Projekt zunichte, wieder siegte das Volk.

Vulkane und urbane Glanzlichter

Kaum jemand macht sich bewusst, dass hier auch vulkanisches Land ist. Der "Puy du Dome" nahe Clermont-Ferrand ist das altvulkanische Zentrum mit mehr als 60 Kegeln in der Frühzeit der Geschichte erloschener Feuersgefahr – der höchste mit fast 1500 Metern kann sowohl erstiegen als auch seit einigen Jahren mit einer Zahnradbahn bequem erklettert werden. Er war schon in der Antike religiöses Zentrum, ein römischer Tempel wird auf seinen Resten rekonstruiert. Rundum breitet sich weit die von Poesie mit Ernst durchmischte Landschaft der Auvergne aus, gelegentlich in ihrem Gefleck aus Wäldchen, Feldern und Wiesen ans Mühlviertel gemahnend.

Wunderbarer wilder Süden
Wassersportler haben in den Schluchten ihre Freude.

Aber auch Landschaft faszinierender Tropfsteinhöhlen, manche sind zu besichtigen, wie die imponierende Grotte des Demoiselles mit ihrer 120 Meter langen und 40 Meter hohen großen "Halle". Die Auffahrt zum hochgelegenen eigentlichen Zugang wird im Berg mit einer steil hochziehenden Standseilbahn bewältigt, der ersten ihrer Art in Europa, auch sie ein technisches Wunder.

Stadt-Kostbarkeiten: Albi mit seiner Kathedrale wie eine Festung, im Stil aus der gotischen Art geschlagen; Carcassonne, die größte Festung Europas, ihr Inneres beschützt und bewacht von 45 Türmen; Castres mit seiner einmaligen Fluss-Stadt-Landschaft, eine Art französisiertes Amsterdam; das bezaubernde Cordes sur Ciel, ein den Berg steil hochkletterndes, mittelalterliches Schmuckstück; Collonges la Rouge, die "Rote", ein wichtiger Punkt auf dem Jakobsweg nach Spanien, gilt als schönstes Dorf Frankreichs, ein heimeliges Ensemble, ausschließlich aus dem hier gewonnenen roten Sandstein erbaut.

Wunderbarer wilder Süden
Architekt Norman Foster hat die längste Schrägseilbrücke der Welt nahe der Stadt Millau entworfen.

Sie nannten sich die Vollkommenen

Aber diese Landschaft ist auch jene der mittelalterlichen Katharer und der Albigenser, deren Wurzeln zwar in Deutschland zu orten sind, die aber hier im französischen Süden zu einem Flächenbrand wurden, der das ganze Land erfasste. Sie nannten sich die Vollkommenen, hatten ihre eigene Auffassung von christlicher Lehre, die sich jener der katholischen Kirche in keiner Weise anpasste. Solches war nie gut, hier und damals schon gar nicht. Auch um von eigener Problematik abzulenken, wurden Kreuzzüge gegen die Abweichler organisiert, der erste 1209, 1219 der zweite, das letzte Aufräumen mit Feuer und Schwert erfolgte 1226. Verbrannt wurden gelegentlich Hunderte auf einen Streich, bis zu geschätzten 15.000, die ganze Bevölkerung der Stadt Béziers am 22. Juli 1209 hingemezelt, in einem Aufwaschen mit dem Bescheid des päpstlichen Legaten "Tötet alle, Gott wird die Seinen schon erkennen". Carcassonne war die Hochburg der Bewegung, daher wurde hier auch das Zentrum der inquisitorischen Verfolgung eingerichtet. Auch die Kathedrale von Albi war – Baubeginn nach den Kreuzzügen – eine Demonstration der Kirchenmacht.

Es war auch eine unheilige Allianz: Die Kirche verbrannte den "Irrglauben", die französische Krone riss sich die großen Besitztümer der Verfolgten unter den Nagel.

Die Burgen der Katharer

Puilaurens, Quéribus oder Peyrepertuse hocken wie Adlerhorste auf kaum zugänglichen Bergspitzen, ihren Bewohnern konnte nur beigekommen werden, indem man ihnen buchstäblich das Wasser abgrub. Sie zu besichtigen ist eine Sache, die auch heute noch Knie-schwachen nicht empfohlen werden kann. Technische Weltwunder, sozusagen ein Brückenschlag über Jahrtausende: Der antike römische Pont du Gard überspannt das Flusstal mit einem Aquädukt, der Nîmes mit Wasser aus 35 Kilometern Entfernung versorgte und heute noch so dasteht, als wären die Maurer erst gestern abgezogen: Drei gewaltige Bogengänge, ohne Mörtel, der Dachweg 275 Meter über Grund.

Wunderbarer wilder Süden
Die Katharerburg Queribus.

Dazu das Brücken-Pendant der Gegenwart, das nahe der Stadt Millau den "Schlussstein" der Autobahn Richtung Spanien über den Tarn bildet und seit 2004 gewaltige Umwege einspart. Es ist die längste Schrägseilbrücke der Welt, 2460 Meter lang, maximale Pfeilerhöhe 343 Meter, sie hält Winddruck bis 205 km/h stand. Der weltweit tätige Architekt Norman Foster hat auch hier die technische Großarbeit organisiert.

Okzitanien ist auch das Land der Köstlichkeiten: In der engen Schlucht von Roquefort reift in Höhlungen bis zu zehn Meter tief in der Erde der kontinental berühmte Schimmelkäse aus Schafmilch, angeliefert von 140 Schafbauern, der sich wirklich nur so nennen darf, wenn er aus dem zwei Kilometer langen/kurzen Tal kommt.

Fangen wir an, vom Wein zu reden (wovon sonst in diesem Land), könnten wir schnell außer Atem kommen. In den Achtzigerjahren produzierte das Languedoc zehn Prozent (!) der Weinerzeugung weltweit, aber Gewohnheiten und Strukturen haben sich geändert, das Languedoc musste sich weintechnisch umorientieren. Die hier zu ortenden ältesten Reben Frankreichs müssen mit anderen verschnitten werden, was erlaubt ist. Das ist vor allem Rotweinland, auch Rosé schiebt sich in der internationalen Rangordnung weiter nach vorn, Weißweine mit Charakter schreiben sich in die Referenzenliste ein, auf jeden Fall haben sie eigenen mediterranen Charakter. Aufzählen sinnlos. Kommt und trinkt. Kommt überhaupt her, um das Land zu genießen.

Artikel von

Reinhold Tauber

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