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Reisen

Wohnen in Wienacht auch Engel?

Von Manfred Lädtke   30. November 2019 00:04 Uhr

Wohnen in Wienacht auch Engel?
Märchen erzählen am Hüttenfeuer: Das "Storytelling" nach Schweizer Art ist winterliches Brauchtum im Appenzellerland.

Das Schweizer Appenzellerland steckt voll weihnachtlicher Überraschungen.

Wundersam irreal scheint die Winterwelt im Appenzellerland. Wenn dichter Schnee die Hügel vom Bodensee bis zum Säntis zudeckt, stapfen bei Urnäsch vermummte Frauen durch das hohe Weiß. Ulkig kostümierte Männer poltern mit scheppernden Schellen und komischem Kopfputz durchs Land, und vom einsamsten Appenzeller Dorf "Wienacht" ziehen Fackelträger zu einer altmodischen Bahnhofsschenke. Erst wenn am Ende der Reise im Biedermeierstädtchen Heiden beim Entspannen im dampfenden Whirlpool eines Hotelgartens der Blick zwischen wirbelnden Flocken hinüber zum Bodensee schweift, sind die soeben erlebten Wintermärchen Erinnerung. Während der Kellner im Advent ein paar Tage zu früh die coole Variation eines Neujahrs-Cocktails serviert, fliegen die Gedanken noch einmal zurück zu jenem finsteren Bergweg bei Urnäsch …

Wulstige graue Wolken drücken die Tannenspitzen des Schöngauwaldes. Von Urnäsch immer den Bergdamm entlang, hatte die Pensionswirtin gesagt: "Bei der Streuimooshütte wartet die Waldfrau auf euch." Schneesternchen taumeln vom Himmel und kleiden die Schweizer Winterwelt in ein zartes Weiß. Als allmählich die Dämmerung dem Dunkel weicht, bewegt sich im fahlen Licht ein schwarzer Strich durch das winterliche Stillleben. Im Lodencape, mit Kapuze und Stock, kommt die Geschichtenerzählerin näher. "Folgt mir, der Schnee wird immer dichter", ruft sie und steigt zu einer Lichtung hinab. Bis die Streuimooshütte erreicht ist, liest sie Spuren von Tieren, erklärt die heilende Wirkung von Kräutern und zeigt auf tief hängende Tannenzweige, die sich unter der Last des Schnees beugen. Nicht hochheben, mahnt sie, bestimmt ruhe dort ein "Tierli" in seinem Versteck.

In der Mitte der Hütte flackert ein Feuer, Petroleumlampen spenden schummriges Licht. Bei Kräuterschnaps und heißem Tee erzählt Marianne Maier uralte "Märli" (Märchen): Vom Peter, der als Waise im Wald aufwuchs, von allerlei Mächten, von Menschenschicksalen und dem harten Leben in der Bergwelt. Ja, sie sei eine Märli-Erzählerin, nickt die gelernte Erzieherin. Besuchern berichte sie aber auch von versteckten Orten und wahren Begebenheiten im Appenzellerland. Damit wolle sie großen und kleinen Gästen das Brauchtum und die Natur des Halbkantons näherbringen. Storytelling nach Schweizer Art.

"Habt ihr einen Pferdeschlitten zurück zum Dorf bestellt?", fragt die Erzählerin beim Abschied. Nein! Gut, lächelt sie. "Seht, wie Mond und Sterne den Schnee funkeln lassen. Der Abend beschert eine märchenhafte Wanderung." Ein freier Tisch im rustikalen Wirtshaus ist Belohnung für den abendlichen Marsch. "Kabier"-Fleisch empfiehlt die Wirtin. Wer ihren Erläuterungen glaubt, könnte meinen, die Schweizer spinnen. Im Stall einer Familie in Appenzell kommen nämlich Kühe täglich in den Genuss einer belebenden, reinigenden Massage mit Bierhefe. Resultat dieser tierischen Gersten-Wellness ist ein zartes, geschmackvolles Fleisch – eine Appenzeller Variante des exklusiven japanischen Kobe-Beefs.

Wohnen in Wienacht auch Engel?
Am letzten Tag des Jahres und am 13. Jänner ziehen "wüeschte" und "schöne" Silvesterchläuse von Haus zu Haus und Hof zu Hof.

Blick auf sechs Länder

Am nächsten Morgen ruft der Säntis – auch wenn der massige Hausberg der Ostschweiz heute gar nicht zu sehen ist. Ein Kleinbus mit Schneeketten schraubt sich 1352 Meter hinauf zur Bergbahnstation auf die Schwägalp. Im Schneetreiben ist nur zu erahnen, wo das seit tausend Jahren genutzte Weideland der Alp endet und der Säntis beginnt. Derweil bereitet der Koch im Berggasthof ein Käsefondue mit Champignons und Glühwein vor. Als Appetitmacher empfiehlt er eine Mini-Winterwanderung um das Hotel. Laternen weisen den Weg auf dem 500 Meter langen Rundparcours. Der ist zwar sehr überschaubar, verlangt bei 70 Zentimeter Schneetiefe aber eine engagierte Beinarbeit. Zwölf Stunden später verhüllt am blauen Himmel nur noch ein Wolkenhut die Spitze des Säntis. Durch Nebelschwaden schwebt die Gondel 2502 Meter hoch auf den Gipfel. Um in der kalten Jahreszeit mit dem Berg warm zu werden, ziehen die Kabinengäste ihre Jacken fester zu, setzen Mützen und Sonnenbrillen auf und treten auf die Terrasse vor das Panorama-Restaurant, das einen 360-Grad-Rundblick auf sechs Länder eröffnet.

Magisch und geheimnisvoll sei eine Fahrt bei Vollmond auf den Thron des Alpsteins, rät eine Romantikerin, als die Säntis-Schwebebahn zurück zur Alp schnurrt und leuchtendes Abendrot das gewaltige Massiv in eine dramatische Stimmung taucht. Als kleinster Kanton der Schweiz drängt Appenzell sich mit seinem dichten Bahn- und Busnetz für kleine Rundreisen und Ausflüge geradezu auf.

Nur eineinhalb Fahrstunden von Urnäsch entfernt ist dem Gründer des Roten Kreuzes in Heiden das Henri-Dunant-Museum gewidmet. Während einer Schlacht war Dunant Zeuge, wie der Weihnachtsmann durch die verfeindeten Reihen ging, Geschenke verteilte und unentwegt eine Glocke läutete, damit die Soldaten ihn nicht für einen Feind hielten. Keiner rührte einen Finger gegen ihn. Da sei Henri

Dunant der Gedanke gekommen, ein internationales Sanitätswesen zu schaffen, das alle Kriegsparteien respektieren, ist in dem großen Eckgebäude in der Asylstraße 2 nachzulesen. Draußen an den Ufern des Dorfbachs zeugen klassizistische Villen vom Ruf Heidens als einer der reichsten, berühmtesten Kurorte Europas im 19. Jahrhundert. Heute ist von dem 4000 Seelen großen Ferienort nahezu jedes Dorf im Appenzellerland erreichbar.

Knapp zehn Minuten fährt eine Zahnradbahn bis Wienacht. Vom Bahnhäuschen schwenkt ein Pfad hinab zu den jahrhundertealten Appenzeller Bauernhäusern, die sich in einem engen, trichterförmigen Tal drängen. Wie aus einem alten Heimatfilm mutet die beschauliche Szenerie an. Weihnachtlich geschmückte Fenster und Höfe in stiller Abgeschiedenheit machen dieses Kleinod dörflicher Architektur in der Adventzeit zu einem beliebten Ziel für Winterwanderungen. Wenn am 1. Dezember der Weihnachtsmarkt geöffnet ist, reagieren die 350 Einwohner sogar auf Fragen wie "Wohnen hier auch Engel?" oder "Herrscht in Wienacht ewiger Frieden?" mit Engelsgeduld und einem Christkindlächeln.

Fleischplättli mit Bier

Zu vorgerückter Stunde wartet vor dem Bahnhof ein pensionierter Posthalter, verteilt Karten mit einem Wienachter Stempel und führt seine Gäste im stimmungsvollen Fackellicht zum Wirtshaus "Station". Bei einem "Höckle" genießen Bauern und ländliche Originale ein zünftiges Fleischplättli mit Bier. Alte Schlager schallen aus einer Sechziger-Jahre-Musikbox, die in dem betagten Schankraum das vermutlich modernste Interieur ist.

In Heiden sitzen die Hotelgäste immer noch bis zum Hals im warmen Pool. Einige bleiben bis Jänner im Appenzellerland, um in Urnäsch beim Silvesterchlausen dabei zu sein. Bei diesem urtümlichsten aller Winterbräuche sind am letzten Tag des Jahres die Chläuse los. Schon in den Morgenstunden tauchen aus den Wäldern "Schöne", "Wüeschte" sowie mit Moos, Gräsern und Zapfen kostümierte wilde "Wald- und Naturchläuse" auf. Touristenscharen verfolgen dann das Treiben der mit Schellen und schweren Glocken lärmenden Gestalten. Auf ihren ausladend modellierten Hüten stellen die Männer bäuerliche Szenen zur Schau und toben unter grässlichen Masken aus Rinderzähnen und Knochen mit archaischem Jodeln von Haus zu Haus. Dieser keineswegs heidnische Brauch ist auf einen spätmittelalterlichen St.-Nikolaus-Feiertag von Klosterschülern zurückzuführen. Weil die Kirche aber schon 1663 keine wüsten Schreckensfratzen in der Vorweihnachtszeit duldete, machten sich die Urnäscher Chläuse halt an weniger heiklen Tagen auf den Weg: Am 31. Dezember und nach dem julianischen Kalender nochmals zum alten Silvester am 13. Jänner. Wenn der 31. Dezember oder der 13. Jänner auf einen Sonntag fallen, wird am vorangehenden Samstag gechlaust.

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