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Reisen

Wo (Welt-)Meister abfahren

30. Januar 2021 09:28 Uhr

Wo (Welt-)Meister abfahren
Cortina d’Ampezzo gehört zu den traditionsreichsten Wintersportorten Europas, 1956 gewann Toni Sailer hier drei Olympia-Goldmedaillen.

Im Februar ist Cortina d’Ampezzo Austragungsort der Alpinen Ski-WM. In dem kleinen Bergdorf trifft italienische Lebensart auf die Schönheit der Dolomiten.

Die Kachelöfen einheizen, damit sie bald wieder wohlige Wärme verströmen. Die Terrasse vom Schnee der Nacht befreien. In der Küche nach dem Rechten schauen: Sind genügend Knödel geformt, wie sieht es eigentlich mit dem Ragout aus und was macht die Polenta? Wenn Renata Ghedina und ihr Team alle Vorbereitungen getroffen haben, belohnt sich die Chefin mit einem Moment des Innehaltens. Die Ruhe vor dem Sturm zelebriert die 55-jährige Wirtin des Rifugios Pomedes, seit sie denken kann – mit einem Cappuccino und einem liebevollen Blick über das gesamte Ampezzaner Tal, aus dem die Spitzen von Croda da Lago (2715 m), Monte Cristallo (3218 m) und Punta Sorapiss (3205 m) markant hervorstechen. Jetzt kann der Tag kommen.

Vor zehn Uhr morgens schaut kaum jemand vorbei. Schließlich ist man in Italien, wo die Uhren entspannter ticken. Dolce Vita statt Pistenfresser-Zwang – das färbt übrigens auch erstaunlich schnell auf Urlauber aus dem Norden ab. Renata kann jeden sehen, der kommt. Einfach kurz nach hinten zum Dreier-Sessel spitzen, der unmittelbar vor der Punta Anna hält, einem kleinen Gipfel im mächtigen Tofana-Massiv. "Es gibt keinen anderen Weg zu uns", sagt Renata, die ihren Adlerhorst als "schönsten Ort der Welt" beschreibt.

Der legendäre Ghedina

Den hat ihr Großvater Luigi gebaut – der legendäre Luigi Ghedina, der 1939 mit Freunden die Eichhörnchen-Gruppe gründete, in die nach wie vor nur die besten Kletterer aufgenommen werden und die weltweit für ihre Verdienste in der Vertikalen bewundert wird. Er war es übrigens auch, der eigenhändig die Punta-Anna-Ferrata als einen der bekanntesten Klettersteige der Dolomiten anlegte. Doch unmittelbar vor den Olympischen Winterspielen 1956 arbeitete er über Monate als sein eigener Packesel: Die Lifte waren noch nicht fertig, oben wurde für die Spiele aber unbedingt ein Restaurant gebraucht. So schleppte Luigi einen Großteil des Baumaterials auf dem Rücken hinauf auf 2340 Meter Höhe. "Wir haben viel renoviert, aber bewusst den Charakter des schlichten Rifugios erhalten", sagt Enkelin Renata. Dieses einzigartige Ambiente wissen alle zu schätzen. Auch die Funktionäre und Spitzensportler, die sich während der Alpinen Ski-WM von 7. bis 21. Februar bei Renata aufwärmen.

Der berühmte "TV-Felsen"

Zur Alpinen Ski-WM werden 600 Athleten aus 70 Nationen erwartet. Zuschauer können die Wettkämpfe wegen der Corona-Pandemie nur in den TV-Übertragungen verfolgen. Man wird fast ein wenig neidisch auf Renata, die in der ersten Reihe sitzt: Denn bei ihr müssen die meisten "in echt" vorbei. Zur Olympia delle Tofane mit dem unverwechselbaren "TV-Felsen", der aus den Frauen-Weltcup-Rennen bekannt ist und auf dem die Damen in Abfahrt, Super-G und Riesenslalom antreten. Und zur neu modellierten Vertigine, auf der die Herren in Abfahrt und Super-G um Sekundenbruchteile kämpfen. Ein wenig weiter unten ist die Labirinti für den Riesenslalom der Männer präpariert, während auf der Col Drusciè A beide Geschlechter im Slalom über die schwarze Piste sausen, auf der Toni Sailer anno 1956 sein drittes Olympia-Gold holte.

Cortina d’Ampezzo liegt auf 1224 Meter Höhe mitten im Unesco-Weltnaturerbe der Dolomiten und gehört zu den traditionsreichsten Wintersportorten Europas. Hier in Venetien, wo italienische Lebensart auf hochalpine Schönheit trifft, eröffnet sich Urlaubern nicht nur deshalb eine besondere Welt. Das einzigartige Flair hat auch viel zu tun mit den Regole, den Gesetzen der ersten Siedler, die noch heute das Leben bestimmen. Die Natur, oder mit anderen Worten Wald und Weideflächen sind seit jeher für alle da und müssen im Interesse des Gemeinwohls geschützt werden. So verwundert es nicht, dass anlässlich der Alpinen Ski-WM nur eine zusätzliche Piste angelegt wurde und zwei Aufstiegshilfen neu sind. Augenmaß und Bedacht sind die Leitlinien in die Zukunft, auch im Hinblick auf die Olympischen Winterspiele, die 2026 in Cortina d’Ampezzo ausgetragen werden.

All das bedeutet keinen Stillstand, im Gegenteil: Man besinnt sich auf seine Stärken und optimiert mit Weitblick. So steht auch das alte Zeitmesshäuschen am unteren Ende der Olympia delle Tofane noch. Wo früher die Zeiten der Athleten mit der Hand genommen wurden, erwartet inzwischen Michael Oberhammer (46) seine Gäste – in einem noblen Restaurant mit stylischem Ambiente. Es heißt jetzt "Baita Piè Tofana" und hat 700 erlesene Weine im Angebot, die fast noch wichtiger sind als die Speisekarte. Einfach kosten und den Spirit spüren, der Cortina auszeichnet – bei Renata, bei Michael, im gesamten Bergdorf.

Cortina d’Ampezzo: 120 Pistenkilometer, 36 Aufstiegsanlagen; der Tagesskipass kostet 60 Euro für Erwachsene und 42 Euro für Jugendliche in der Hochsaison. Im Verbund Dolomiti Superski sind insgesamt zwölf Top-Skigebiete mit zusammen 1200 Pistenkilometern vereint (Tagesskipass 64 Euro, Jugendliche 45); italienische Skigebiete dürfen frühestens ab 15. Februar öffnen.

cortina.dolomiti.org

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