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Reisen

Wo Kirgistans Berge in den Himmel reichen

Von René Laglstorfer 17. August 2019 00:04 Uhr

Wo Kirgistans Berge in den Himmel reichen
Der See Kol-Kogur erinnert mit seinem Panorama an den Gosausee

Die Ex-Sowjetrepublik Kirgistan gilt als "orientalische Schweiz" und exotisches Wanderparadies. Das zentralasiatische Land ist fast zur Gänze mit Bergen bedeckt.

Verdutzt blickt Lilly ihre Tochter Moni an. "Warum denn ausgerechnet nach Kirgistan?", fragt die Schweizerin, als Moni ihrer Mama von ihrer nächsten zweiwöchigen "Wander-Expedition" in die zentralasiatische Ex-Sowjetrepublik erzählt. Dabei gilt Kirgistan als "orientalische Schweiz": 94 Prozent der Landesfläche sind mit bis zu 7400 Meter hohen Bergen bedeckt und mehr als zwei Drittel des Staates befinden sich auf über 3000 Metern Seehöhe. Entsprechend viel gibt es zu bestaunen: Gletscher, die zu den längsten der Welt gehören, Hochplateaus mit zauberhaften Gebirgsseen, Bergsteppen und sogar Wüsten.

Schon die Fahrt vom Flughafen in die rund eine Million Einwohner zählende Hauptstadt Bishkek gibt einen kleinen Vorgeschmack auf die bevorstehenden Wanderungen der nächsten Tage, denn am Horizont leuchten die schneebedeckten Gipfeln des Tienshan-Gebirges, das übersetzt Berge, die in den Himmel reichen, bedeutet. Bishkek selbst mit seinen breiten Boulevards und Parkanlagen strahlt noch immer sowjetisches Flair aus. Besonders angenehm ist es nachts, wenn die Temperaturen von tagsüber 40 Grad auf angenehme 20 absinken und die Bewohner in den vielen Straßencafés und -teestuben draußen sitzen und die sonst dunkle Stadt an manchen Plätzen und Straßenzügen hell erleuchtet erstrahlt.

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Auf dem 3000 Meter hohen Songköl-Hochplateau gibt es zahlreiche Yurtendörfer für Hirten und Gäste

Laghman und Tschetschewiznej

Per Minibus geht es frühmorgens viele Kilometer direkt an der kasachischen Grenze entlang zum Ausgangspunkt unseres viertägigen Trekkings, dem Nationalpark Tschong-Kemin. Dutzende Frauen schwingen am Straßenrand ihre Grillzangen im Kreis, um ihren gebratenen Kukuruz anzupreisen. Am Ende geht es über einen holprigen Weg immer tiefer ins Tal hinein. Am Ziel angekommen, verladen viele fleißige Hände Zelte, Kochgeschirr, Lebensmittel und unser Gepäck auf elf Pferderücken.

Entlang von bunten Blumenwiesen und Nadelwäldern steigen wir gemächlich auf und überqueren immer wieder kleinere Gebirgsbäche. Wüssten wir es nicht besser, so glaubten wir fast, wir wären nicht im Tienshan-Gebirge, sondern in den oberösterreichischen Alpen. In einem geschützten Hochtal-Trichter auf 2500 Metern Höhe schlagen wir die Zelte und damit unser erstes von insgesamt drei Nachtlagern auf. Der Nationalpark-Ranger schaut mit seinem Pferd vorbei und holt die mehr oder weniger offizielle Liegeplatzgebühr ab. Schon kurz nachdem die sengende Sonne hinter den hohen Bergen verschwunden ist, wird es klirrend kalt. Doch eine dicke Daunenjacke, eine Thermosflasche mit gekochtem Gebirgsbachwasser, die Linsensuppe "Tschetschewiznej" sowie das Nudelgericht "Laghman" wärmen über die Nacht. Sanft wiehern Pferde als kleine Gute-Nacht-Musik zum Einschlafen.

Wo Kirgistans Berge in den Himmel reichen
Kirgisen singen beim nächtlichen Lagerfeuer ihre Nationalhymne

Zum Frühstück locken wärmender Tee und heißer Haferbrei, aufgepeppt mit Schokolade. Weite Hochtäler, abgeschliffen von gigantischen Gletschern, wechseln sich mit engen Canyons ab. Leuchtend-grüne Berge im Norden stehen den von der Sonne ausgetrockneten schroffen Felsen im Süden gegenüber. Vom 2800 Meter hohen Pass schweift der Blick vor imposanter Bergkulisse schließlich 400 Meter hinunter zum Hochgebirgssee Kol-Kogur, übersetzt "Smaragdgrünes Wasser", an dessen Ufer wir unser Quartier aufschlagen. "Wie tief der See ist, wissen wir nicht. Er wurde nie erforscht", sagt Diana Abdyrazaeva, unser Guide. Die 31-jährige Kirgisin lebte fünf Jahre als Au-pair-Mädchen in Wien, das für sie heute noch eine zweite Heimat ist.

Murmeltiere kommunizieren

Nach unserer sechsstündigen Trekking-Tour bietet der Smaragdgrüne See eine willkommene Abkühlung. Trotz strahlenden Sonnenscheins donnert es hoch oben in den schneebedeckten Bergen, aber das Glück ist uns hold und das Sommergewitter zieht weiter. Am Abend, als es wieder bitterkalt wird, entzünden die fleißigen Köche und Stallburschen ein großes Lagerfeuer. Funken stieben in den Abendhimmel und aus vielen Kehlen erklingen nicht nur kirgisische, sondern auch österreichische, deutsche, Schweizer und sogar dänische Lieder.

Am nächsten Morgen brennt die Sonne bereits frühmorgens so unerbittlich auf das Hochplateau herunter, dass nur das erneute Eintauchen in den Gebirgssee vorübergehende Linderung verschafft. Erneut steigen wir durch ein Meer von Blumen auf. Es begegnen uns Reste von archaisch anmutenden Steinmauern, die Nomaden einst als Ställe dienten, um ihr Vieh vor Wind, Wetter und Raubtieren zu schützen. Schnaufend am 3400 Meter hohen Passübergang angekommen, öffnet sich vor uns ein langgezogenes Hochtal, durch das wir sanft bergab schreiten. 400 Meter über uns grasen Hunderte Schafe auf Hochweiden. Plötzlich ist ein lautes Pfeifen zu vernehmen, das von der anderen Talseite kräftig erwidert wird. Auf beiden Seiten erspähen wir überaus gut genährte Murmeltiere, die blitzschnell von einem Erdloch zum nächsten huschen.

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Am Eingang zum Tal der Blumen steht die rötliche Felsformation „Jety-Ögüz“ (sieben Ochsen)

Schließlich reitet ein Mann mit seinem Hund im Schlepptau auf uns zu. Er heißt Machtar, ist von Beruf Hirte und sein Gesicht ist sonnengegerbt. Machtar spricht zwar kein Russisch, aber er erzählt auf Kirgisisch, einer mit dem Türkischen eng verwandten Turksprache, von seiner Frau und seinen drei Kindern, mit denen er vor einem Monat in das Hochtal kam, um das Vieh seines ganzen Dorfes über den Sommer zu bringen.

80 Schafe erfroren im Mai

Ein Stückchen weiter talabwärts begegnen wir Ainura und ihrem kleinen Sohn Ormon vor ihrem Ziegelhäuschen mit Fensterscheiben aus Plastikfolie. Der Bub freut sich ausgelassen über die mitgebrachte Schokolade. Wir bekommen Palatschinken mit Sauerrahm zum Probieren. "Das ist eine kirgisische Tradition für alle Gäste", sagt Diana. Die siebenköpfige Familie hütet für geringen Lohn die mehr als 600 Schafe, 20 Kühe und 20 Pferde ihres Dorfes. Nur ein kleiner Teil davon gehört ihnen selbst. "Vorigen Mai hat es einen Wintereinbruch mit eineinhalb Meter Schnee gegeben", erzählt Ainura. "80 Schafe und sogar Pferde sind erfroren", klagt die Mutter von fünf Söhnen.

Gletscher und warmer See

Je weiter wir absteigen, desto wüstenhafter und ockerfarbener wird die zuvor noch sattgrüne Landschaft. Langsam taucht am Horizont der Yssykköl-See auf – mit 182 Kilometern Länge und bis zu 60 Kilometern Breite nach dem Titicacasee in Südamerika der weltweit zweitgrößte Hochgebirgssee. So weit das Auge reicht, säumen von Gletschern bedeckte Gipfel das andere Ufer des leicht salzigen "kirgisischen Meeres" auf 1600 Metern Seehöhe. Der bayerische Forschungsreisende Gottfried Merzbacher schrieb schon im Jahr 1906 über Kirgistan zurecht: "Hier spricht die Natur ungleich verständlicher, klarer, in mächtigen Schriftzügen, in gewaltigeren Verhältnissen als in unseren heimischen Alpen."

Wo Kirgistans Berge in den Himmel reichen
24 Meter hoher Wasserfall

Bereits in sowjetischer Zeit wurde der durch unterirdische Thermalquellen gespeiste "Warme See" für Kuraufenthalte genutzt. Nach dem viertägigen Trekking genießen wir die fast mediterrane Sommerfrische-Stimmung am Strand. Der Kontrast zwischen dem einfachen Hirtenleben in den Bergen und der hedonistischen Freizeitgesellschaft am See könnte größer nicht sein: Wohlhabende Russen, Kasachen und Kirgisen urlauben in See-Villen, fahren Jetski und ihre Kinder in Mini-Polizeiautos am Strand umher.

Über Karakol gelangen wir ins "Tal der Blumen", wo wir erstmals in einer der traditionellen Nomaden-Yurten nächtigen und zu einem 24 Meter hohen Wasserfall wandern. Die Umrundung des riesigen Yssykköl-Sees vollenden wir in Kochor, von wo es über Serpentinen und einen 3065 Meter hohen Gebirgspass hinauf zum Songköl-See geht, dem größten Süßgewässer Kirgistans. Dort breitet sich, umrahmt von schneebedeckten Gipfeln, ein riesiges Hochplateau aus, das der kirgisische Schriftsteller Tschingis Aitmatow in seinem Buch "Kindheit in Kirgistan" als "märchenhaft und paradiesisch" beschrieb. Noch heute gilt "Dshajloo", der Weidesommer auf der Hochalm, für viele Kirgisen als Inbegriff einer nostalgischen Idylle, die selbst in Zentralasien nur noch selten zu finden ist. "Dieses Gefühl der Abgeschiedenheit hat man in den Alpen selten", sagt die Salzburgerin Maria.

Aus den weißen Yurtendörfern steigt Rauch auf, Kinder tollen herum. Riesige Herden von frei weidenden Pferden, Kühen, Schafen und Ziegen genießen die endlos scheinende Freiheit. Es fühlt sich an, als gebe es wieder, wie einst in den Weiten der asiatischen Steppe, Wildpferde. Ohne Sattel oder Saumzeug galoppieren sie vergnügt herum, wälzen sich in den frischen Almwiesen, übersät mit Edelweiß und Enzian. "Bei uns ist alles so eng, hier gibt es diese große Weite, weit und breit kein Bauernhof und kein Mensch", sagt die Schweizerin Moni.

Nurtschan verbringt seit fünf Jahren mit ihrer Familie die Sommer auf der Hochalm und bewirtet Touristen. Wir probieren am Ende der Reise Kymyz (vergorene Stutenmilch) und das genauso gewöhnungsbedürftige Schoro, ein Getränk aus vergorenem Getreide, sowie Tokotsch (kirgisischer Langos ohne Knoblauch) und Borsok (gebackene Teigtaschen). "Ich gebe Tee aus und wir reden und vergessen die Zeit", sagt Nurtschan zum Abschied.

"Kirgistan und seine Hochgebirgsseen" mit dem Grazer Reiseveranstalter Weltweitwandern: Reisedauer 13 Tage. Die nächsten Termine gibt es im Sommer 2020, ab 2280 Euro pro Person inkl. Flug, Übernachtungen und Verpflegung. www.weltweitwandern.com

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